Stuttgart: Gauthier Dance (Theaterhaus) „ANTHEMS“ 7.5. 2026 (Premiere) – humorvoll satirische Hymnen im Kampf um Freiheit

Rong Wang als Führer der Revolution in „Barker“. Copyright: Copyright: Jeanette Bak
Welchen international anerkannten Standard Eric Gauthiers Tanz-Compagnie nach bald zwanzig Jahren erreicht hat, zeigt sich auch am Renommée der Hauschoreographen. Nach Marco Goecke und Hofesh Shechter ist der Amerikaner mit israelischen Wurzeln Barak Marshall bereits der dritte, der exklusiv für das 18köpfige Ensemble arbeitet und für die jüngste Premiere erstmals die Haupttruppe und die 2023 gegründeten Juniors an einem Abend zusammen brachte. Das zweiteilige Programm ist etwa zeitgleich auf beide Ensembles aufgeteilt. Bestimmendes und verbindendes Thema ist der Aufruf zum Kampf um persönliche Freiheit, zum Mut noch so schweren Hindernissen zu trotzen. Und natürlich Marshalls ganzkörperlich flott hunmoriger Stil mit besonderer Ausprägung einer zeichenreichen Gestik der Hände.
In „BARKER“ (= Ausrufer), das bereits letztes Jahr beim sommerlichen Colours-Festival in der Sporthalle des Theaterhauses als Vorläufer Premiere hatte, stehen die acht Bediensteten unter der streng kommandierenden Fuchtel einer reichen Herrin namens Frau Siegrun, die unsichtbar bleibt und sich nur durch häufiges Klingeln bemerkbar macht. Abwechselnd einzeln oder in der Gruppe stürmen die acht Junior-TänzerInnen immer wieder zu einem Mikrofon und nehmen mit unterwürfigen Höflichkeits-Floskeln Kontakt zu ihr auf. Bis ihnen nach mit viel Witz und gelegentlich etwas überdrehtem Slapstick gespickten Spielereien durchdeklinierter Lebens-Stationen der Kragen platzt und die Revolution ausbricht, indem sie ihre Dienstboten-Kleidung (die Kostüme stammen noch von der inzwischen verstorbenen Gudrun Schretzmeier) auf den Boden werfen und als politische Anspielung gar die rote Fahne schwenken. In dieser raschen Episodenfolge, die im Zuschauerraum beginnt und in die auch zweimal spontan ausgewähltes Publikum in Verwandlungen und zum Reinemachen integriert wird, hat noch so viel Tanz Platz, in dem die Youngsters (Naia Dobrota, Ashton Benn, Mathilde Roberge, Rong Chang, Atticus Dobbie, Giuseppe Iodice, Carolina Fernandes und Giuseppe Ferrara) sowohl ihre Individualität wie auch ihre Fähigkeit gemeinschaftlich synchronen Einsatzes ausleben können. Flotte Balkan-Folklore sorgt für die musikalisch gesetzte Animation.
Besonders in den vielen Schulen, in denen dieses Stück als Gastspiele gezeigt wird, dürfte dieser Aufruf zu einem Nein gegenüber autoritären Bestimmungen auf einen fruchtbaren Boden fallen.

Mitreißende Ensemble-Wirkung in „Harry“. Copyright: Jeanette Bak
Nach der Pause ist die Hauptcompagnie dran mit Marshalls 2012 zum 40Jahr Jubiläum von Ballets Jazz Montreal kreierten „HARRY“, einer auf der Geschichte „The nine lives of Harry Fleishman“ basierenden Choreographie, angetrieben von einer rasant stimmungsfördernden Auswahl an Swing-Musik der Zwischenkriegszeit bereichert mit berühmter Klassik. Harry ist ein einfacher junger Mann aus dem Volk, der den Göttern (vertreten durch Zeus und Hera) den Kampf ansagt und symbolisch mehrfach stirbt, um doch noch seine Geliebte zu erringen. An der Totenbahre entspinnen sich kurze Dialoge über die Moral des Lebens, wohl je nach Fähigkeit der jeweiligen Tänzer in englischer oder deutscher Sprache. Drum herum entfalten sich anspielungsreiche Szenen, in denen z.B. die Suche nach dem passenden Partner sprichwörtlich mit Topfdeckeln veranschaulicht wird.
Bei aller Tragik, die in der Thematik steckt, endet alles gut, schließlich soll dieses Stück ein Fanal für Optimismus in die Zukunft sein.
Die TänzerInnen in bunten Kleidern bzw. schwarz-weißer Hose-Hemd-Kombination mit Trägern (Design: Christine Lange + Kerry Rees) ist solistisch repräsentiert durch Andrew Cummings als Harry mit locker sympathischem Profil und der mit Persönlichkeit punktenden Bruna Andrade als seine Geliebte, die in einem Pas deux Glück und Hoffnung verkörpern. Dennoch verdienen auch alle weiteren 14 Gauthiers genannt zu werden: Rebecca Amoroso, Tuti Cedeno, Karlijn Dedroog, Stewfano Gallelli, Garance Goutard-Dekeyser, Barbara Melo Freire, Shai Ottolenghi, Luca Pannacci, Alexandra Policaro, Arnau Redorta Ortiz, Sidney Elizabeth Turtschi, Giovanni Visone, Shawn Wu und Shori Yamamoto).
Der rauschende Premierenerfolg ist bei Gauthier Dance fast schon gegeben, und etliche in immer wieder neue Länder und Städte führende Gastspiele werden laut Vorankündigung im Rahmen der obligatorisch charmanten Begrüßungs-Moderation ihres Chefs folgen. Das Glück des Abends vervollkommnete schließlich seine Mitteilung, dass die Existenz der Gauthier Juniors nach einer aufgrund der massiven Haushalts-Kürzungen im Raum gestandenen Auflösungs-Bedrohung durch mit reichlich Werbung gewonnenen Freundes- und Förderkreis-Mitglieder sowie Sponsoren nicht mehr in Gefahr ist.
Udo Klebes

