Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART: Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 4.7. (Wiederaufnahme-Premiere) – Unbeschwerte Kost für Sommerhitze

05.07.2025 | Ballett/Performance

Stuttgarter Ballett: „DON QUIJOTE“ 4.7. 2025 (Wiederaufnahme-Premiere) – Unbeschwerte Kost für Sommerhitze

Der international renommierte Maximiliano Guerra war in den 1990er Jahren dem Stuttgarter Ballett als Gastsolist eng verbunden und gab hier in der Folge im Jahr 2000 sein choreographisches Debut mit einer eigenen Fassung des leichte sommerliche Kost bietenden Klassikers um die berühmte literarische Gestalt. 2012 erfolgte eine Überarbeitung mit für den Repertoire-Betrieb vereinfachtem Bühnenbild, neuem Licht-Design und einigen Detail-Veränderungen. In dieser Form wurde das Stück 2017 das letzte Mal gezeigt, bevor es jetzt zum Saisonende zur hörbaren Freude des Publikums zur Neueinstudierung kam. Guerras Konzept in einem praktikabel für die verschiedenen Schauplätze verwandelbaren Bühnenaufbau und mit geschmackvoll farblich nuancierten Kostümen von Ramon B.Ivars ist eine freie Adaption nach den traditionellen Formen von Marius Petipa und Alexander Gorski, und vor allem darum bemüht, den Titelhelden etwas mehr ins Zentrum des Geschehens zu rücken und mit der Entstehung des Romans und seiner heraus gegriffenen Figuren in einem Prolog und einem Epilog dem Ballett einen dramaturgischen Rahmen zu geben. Auch wenn die Holprigkeit des Gesamtablaufs und der szenischen Verknüpfungen zwischen Taverne, Zigeunerlager, per Video erscheinender Windmühlen und Dryadenreich dadurch nur geringfügig behoben wurde, bietet seine Choreographie mit viel virtuoser klassischer Ballettkunst und humoristischer Liebenswürdigkeit zahlreiche Augenfreuden und gute Laune. Vor allem mit so formidablen Leistungen wie bei dieser Wiederaufnahme-Premiere.

don1
Das überragende Hauptpaar: Elisa Badenes (Kitri) und Adhonay Soares Da Silva (Basilio). Copyright: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

Elisa Badenes hatte die Kitri bereits bei der Premiere der Neufassung vor ihrer Ernennung zur Ersten Solistin getanzt und ihre damals schon außergewöhnliche Leichtigkeit der Beherrschung bravouröser Höchst-Schwierigkeiten bewahrt. Nuancierte Spitzenakrobatik vom Feinsten, teilweise kombiniert mit Fächer und Kastagnetten, lässt aus dem Staunen nicht heraus kommen. Ihre hinzugewonnene (Lebens-)Erfahrung resultiert in einer noch gesetzteren spielerischen Note aus natürlichem Temperament und komödiantischem Talent. Adhonay Soares Da Silva war schon 2017 ihr Geliebter Basilio und ist mit deutlich erweiterter Formgebung seines technischen Rüstzeugs ein absolut ebenbürtiger Partner. Sauber vollzogene spezielle Sprung-Varianten, auch in Manège-Form, sicher akzentuierte einarmige Hebungen und in der Coda des Grand Pas de deux sogar eine wiederholt eingestreute Kette an Pirouetten sowie organisch in die Bewegungen einfließende Tempo-Be- und Entschleunigungen zeigen den Brasilianer gepaart mit sichtbarem Spaß und Lebensfreude in bester Verfassung.

don3
Reizvoller Kontrast: Anna Osadcenko (Mercedes) und Martino Semenzato (Torero): Copyright: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

In der Taverne bieten die schon etwas gesetzte, mit Stolz und verführerischem Augenaufschlag als Mercedes (wie auch in ihrem Auftritt als Königin der Dryaden) höchste Souveränität zeigende Anna Osadcenko und der noch junge, als Torero mit technisch gut fundierter und schnittig akzentuierter Detailarbeit überzeugend debutierende Martino Semenzato ein reizvoll kontrastierendes Paar. In diesem Umfeld fallen auch Kitris Freundinnen Daiana Ruiz (Pepa) durch feurige und Mizuki Amemiya (Eva) durch fein grazile Spitzengestik auf.

don2
Würdevoller Poet und edle Muse: Clemens Fröhlich (Cervantes) und Diana Ionescu (Dulcinea). Copyright: Roman Novitzky/Stuttgarter Ballett

Die Titelrolle hat hier eine wesentlich erweiterte Aufgabe gegenüber sonstigen traditionellen Fassungen, indem sie in den Literaten Miguel De Cervantes und dessen ersonnene Gestalt des Don Quijote aufgeteilt ist. Clemens Fröhlich zeigt in beiden würdevolle Präsenz, als gegen Ungerechtigkeiten Kämpfender eine Mischung aus Mitleid erregender Verschrobenheit und Gutmütigkeit. Die Muse Dulcinea, von Diana Ionescu in edel gespannten Arabesquen mit Leuchtkraft erfüllt, überwacht und inspiriert Cervantes beständig in der Gestaltung seines Don Quijote. Als treuer Freund und Begleiter Sancho Pansa in Pluderhosen macht Gruppentänzer Anton Tcherny mit liebenswerter Komik auf sich aufmerksam, die Ungeschicklichkeit nicht mit geistiger Einschränkung verwechselt.

Kitris Vater Lorenzo, von Emanuele Babici großspurig gewandt in Bewegungen übersetzt, zieht trotz aller Bemühungen, sie mit dem schnöselhaft überpuderten und reichen Camacho, von Fabio Adorisio köstlich portraitiert, letztlich den Kürzeren, weil er auch mit dem Einfallreichtum des Barbiers Basilio nicht gerechnet hat. Sonia Santiago als Mutter Carmen sieht das leichter und freut sich für ihre Tochter.

Das Corps de ballet demonstriert in wechselnden Volksgruppen und Dryaden seine Klasse in verschiedenen Facetten klassischer Schule. Unter letzteren befindet sich auch Fernanda Lopes als leuchtend weißer, kindlich erfrischender Cupido. Die Zigeuner werden von Adrian Oldenburger königlich und von Matteo Miccini als wirbelnd sprungkräftigem Prinz angeführt.

Mikhail Agrest dirigiert seine letzte Premiere als Musikdirektor der Compagnie wie alles bisherige mit deutlichem Bemühen, Musik neben der rein melodisch, farblich und rhythmischen Prägung eine über die bloße Notenwiedergabe hinaus weisende Kontur und dynamische Aufschlüsselung zu geben. Und so ist die nicht mehr als routinierte Gebrauchsmusik von Ludwig Minkus, ergänzt durch einige stilistisch ähnliche Einfügungen von u.a. Riccardo Drigo hier vom Staatsorchester Stuttgart in bester zusammen gehaltener Qualität zu hören.

In den zuletzt ausgelassenen Jubel wurde auch Maximiliano Guerra einbezogen, der für die Neueinstudierung wieder nach Stuttgart gekommen war.

Udo Klebes

 

Diese Seite drucken