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Stuttgart/Stuttgarter Ballett: DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG – mit nachgeholter DVD-Aufzeichnung

14.05.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett: „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ 13.5.2022 mit nachgeholter DVD-Aufzeichnung

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Elisa Badenes, Jason Reilly. 3.Pas de deux. Foto: Stuttgarter Ballett

15. Mai 2022

Was der Ausbruch der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 vereitelt hat, wurde jetzt nachgeholt: die ohnehin schon längst überfällige Aufzeichnung von John Crankos auch jetzt wieder einige neue Details zutage fördernder Choreographie der berühmten Shakespeare Komödie. Genau genommen kommt dieser Mitschnitt um viele Jahre verspätet, denn mit Sue Jin Kang und Filip Barankiewicz wäre das Maßstäbe setzende Hauptrollenpaar schlechthin jahrelang zur Verfügung gestanden. Stattdessen kommen jetzt Elisa Badenes und Jason Reilly zu medialen Ehren. Das im derzeitigen Ensemble am längsten mit Katharina und Petrucchio vertraute Paar zeigte sich denn auch als äußerst harmonisch eingespieltes Gespann mit herzhafter Charakterisierung und trefflich gesetzten Pointen. Die Pas de deux mit ihren vielen kniffligen technischen und spielerischen Details flutschen sicher und ohne jegliches Hakeln. Dafür garantiert Reillys besonders ausgeprägtes partnerschaftliches Geschick, mit dem er den Kampf gegen die verbiesterte, gegen ihre Umwelt rebellierende ältere Tochter des Baptista aufnimmt. Zudem ist er der glaubhafte Draufgänger, der nicht immer mit Geistesgröße, aber viel Intuition und Herz den Knoten in Katharina lösen kann. Dass der sehr athletische Tänzer im Spätstadium seiner Karriere bei weiten Sprüngen und rasanten Drehungen nochmal zu einer ungeahnten Hochform aufläuft, komplettiert diesen dem Anlass gerecht werdenden Besetzungs-Volltreffer. Ähnliches gilt für die im Zuge ihrer sich in Wut äußernden Verbitterung keine choreographischen Grobheiten scheuende Spanierin. Bei so einem Partner legt sie voll los und wirft sich im Zuge ihrer Wandlung zur liebend ergebenden Frau mit der von ihr bekannten Leichtigkeit in dessen Arme.

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Marti Fernandez Paixa, Veronika Verterich. (1.Akt). Copyright: Stuttgater Ballett

Bestens besetzt ist auch Marti Fernandez Paixa, der einen selten so leidenschaftlich gezeichneten Lucentio mit verführerischem Charme und weich gesetzten Arabesquen und Hebungen serviert und damit dem Bianca erobernden Tanzlehrer in allen Belangen gerecht wird. Für Veronika Verterich eine ideale Voraussetzung bei ihrem Rollendebut, das sie mit tadelloser klassischer Linie und nur phasenweise noch etwas steril wirkender Mimik gut besteht. Letzteres dürfte sich bei den weiteren beiden für die DVD mitgeschnittenen Aufführungen sicher schnell geben. In beider sehr präzise und mit harmonischer Ausstrahlung gelungenem Pas de deux schufen sie eine Ruhe-Oase romantischer Liebe.

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Alessandro Giaquinto, Veronika Verterich (1.Akt). Copyright: Stuttgater Ballett

In den beiden Mitbewerbern um Biancas Gunst waren rollenerfahrene Kräfte am Werk. Alessandro Giaquinto schafft es bei dem gern zu einer reinen Witzfigur verkommenen Gecken Gremio einen auch bemitleidenswerten, tragisch unterfütterten Menschen erkennen zu lassen. Entsprechend fein dosiert, mit der bei Giaquinto schon öfter beobachteten Liebe für Nuancen erfüllt er Crankos Portrait mit subtilem Humor. Fabio Adorisio ist der mit stolzer Haltung und gleichzeitig sehr großzügiger Geste seine Künste auf der Laute anpreisende Hortensio. Das Auge hat reichlich zu tun ihrer beider durchgängig ausgespieltes Konkurrenz-Gehaben voll zu erfassen.

Angelina Zuccarini, die sich nach langer Ensemblezugehörigkeit und vielfacher solistischer Bewährung nun auch mal die Katharina verdient hätte, sorgte zusammen mit Daiana Ruiz als Freudenmädchen für gehörig komische Akzente bei ihrer Ausraubung Petrucchios sowie später bei der ehelichen Vereinnahmung der um Bianca betrogenen Freier.

Aufnahmereif blank geputzt auf Synchronität (Pas de six) und bestmögliche Präsentation war das Corps de ballett im Einsatz. Auch das Staatsorchester Stuttgart ließ sich unter der gewohnt antreibenden Leitung von Wolfgang Heinz nicht lumpen und setzte diesmal auf im Repertoire selten so intonationsreines und obendrein lustvolles Spiel.

In Summe ein würdiger Vorzeigeabend für die mediale Ewigkeit, der nach beständig aufgeheizter Stimmung und einem befreiend glücklichen In die Arme-Fallen des zusammengefundenen Hauptpaares zum letzten Orchestertusch in langanhaltenden Jubel mündete

Udo Klebes

 

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