Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

STUTTGART/ Studiotheater: PROFUGUS (Der Flüchtling) – DER WILLE ZU LEBEN

09.12.2015 | Theater

PROFUGUS – Der Flüchtling

DER WILLE ZU LEBEN

Uraufführung „Profugus – der Flüchtling“ im Studiotheater am 9. Oktober 2015/STUTTGART

_MG_8147b.presse
Copyright: Shana Kappus 

Bei dieser ungewöhnlichen und von Christine Gnann visionär und bilderreich inszenierten Flüchtlingstragödie „Profugus“ als Kooperation der TheaterBaustelle Stuttgart mit dem Studiotheater und der psychologischen Beratungsstelle für politisch Verfolgte und Vertriebene wurden intensive Gespräche mit Menschen geführt, die vor Krieg, Unterdrückung und Verschleppung fliehen mussten. Mit den talentierten Schauspielern Dino Scandariato, Jan Upplegger, Elif Veyisoglu und Jaana Felicitas Scandariato (Leitung: Tanz) ist dabei ein beklemmendes seelisches Mosaik herausgekommen, das den Blick des Zuschauers freigibt auf viel Leid, Traurigkeit, aber auch Hoffnung: „Die haben meinen Vater umgebracht.“ Die Sichtweise der Medien wird bei diesem Stück in der Ausstattung von Judith Philipp (sie zeichnete 2013 für das Bühnenbild von „Wagner für Kinder“ bei den Bayreuther Festspielen verantwortlich) ganz bewusst in Frage gestellt. In diesem Stück fliehen Menschen in verzweifelter Lage, in einem Kreis sind viele Schuhe zu sehen, die den Zuschauern zuletzt vor die Füße gelegt werden. Im Hintergrund wird immer wieder ein Videofilm eingeblendet: Menschen sind in auswegloser Situation auf der Flucht. Ganz besonders gut gelungen sind die Szenen im Wasser, bei denen die Menschen mit letzter Kraft gegen ihren drohenden Tod kämpfen. An der rechten Wand sieht man geheimnisvoll beleuchtete weiße Stäbe, die den Blick auf die Protagonisten freigeben. Krieg und Vertreibung werden hier in erschreckender Weise zur Lebenswirklichkeit, der die handelnden Personen hilflos ausgeliefert sind. Das Publikum wird dabei direkt mit dem Gefühl der Ohnmacht konfrontiert – es ist nicht in der Lage, den Hilfesuchenden zu helfen. Das tragische Scheitern dieser Menschen erscheint in subtilen Tanzbewegungen zwischen heftigem Atmen und Herzklopfen. So beschwört Christine Gnann in ihrer Inszenierung einen suggestiven Ausnahmezustand, der sich immer mehr verstärkt und die Zuschauer fesselt. Ab und zu sitzen Mitarbeiter der Behörden in einem Glashäuschen und befragen die Flüchtlinge bohrend zu ihren Asylanträgen. Man spürt, dass die wenigsten Menschen eine konkrete Chance haben. Sie sind zum Scheitern verurteilt. Ab und zu blitzen ironische Gedanken auf. Man erinnert sich an „Mama Merkels“ hektische Aktivitäten in der Flüchtlingskrise, beschwört Konrad Adenauer und stellt fest: „Wir waren Papst“. Da entstehen dann Theaterszenen mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Neben aktuellen Meldungen aus der Tagespresse hat Christine Gnann noch Texte von Jean Baptiste Henri Savigny und Alexandre Correard (Schiffbruch der Fregatte Medusa im März 2012) herangezogen. Es kommt zu einem eindrucksvollen Rückblick in die Antike mit Vergils „Aeneis“ und der „Geschichte des Königs Apollonius von Tyrus“. Immer wieder wird auch „Die allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ zitiert. Dies rundet das Geschehen ab, so dass es bei der Inszenierung kaum Schwachstellen in der Regie gibt.

Die Musik wird unter anderem vom Windsbacher Knabenchor und den Darstellern gestaltet, die sich zuweilen auf dem Stuhl zu einem Bündel zusammenfügen: „Ich fahr dahin, wann es sein muss“ (Brahms) und „Innsbruck ich muss dich lassen“ (Isaac) schaffen eine ungewöhnliche akustische Atmosphäre. Außerdem erklingt noch Musik von Gregor Schwellenbach: „Closer Musik’s Departures“. Und man hört „Voigt+Voigt’s Vision 03“ und „Jürgen Paape’s Ofterschwang“. Mit literarischen Texten über Vertreibung und Flucht wird hier zudem der Frage nachgegangen, was Menschen zur Flucht antreibt. Was haben sie für Erwartungen? Die Antwort von Christine Gnann ist dabei nicht eindeutig. Die Menschen hängen bei ihr buchstäblich rettungslos in den Seilen, man hält ihnen die Augen zu, sie haben eigentlich keine Chance. Die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben stirbt jedoch trotz aller Probleme nicht. Einmal hört man das Knallen des Bombenhagels. Überall herrscht Angst vor dem großen Chaos. Sogar die Strafanzeige der Polizei gegen das Staatstheater Mainz wegen Störung einer AfD-Veranstaltung findet Gehör. Das Meer droht die Menschen zu verschlingen: „Alle meine Träume sind im Irak…“ Da erzählt eine junge Araberin ihre erschütternde Lebensgeschichte –  und an der weißen Wand kleben die Flüchtlinge wie Fliegen, die sich nicht befreien können. So bleibt zuletzt nur die Feststellung: „Ich bin wütend auf die Welt!“ Und es kommen noch weitere Gedanken hinzu: „Ich habe immer Angst, ich verliere alles.“ Für das Ensemble gab es große Zustimmung des Publikums (Videoinstallation: Alexander Schmidt).

Alexander Walther         

 

Diese Seite drucken