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STUTTGART/ Studiotheater: „DIESES KIND“ von Joel Pommerat

Freudestrahlender Blick aufs Kindbett

24.01.2020 | Theater

STUTTGART/ Studiotheater: „DIESES KIND“ von Joel Pommerat im Studiotheater Stuttgart (23.1.2020)

Freudestrahlender Blick aufs Kindbett

 In der Regie von Marek S. Bednarsky werden die subtilen Beziehungen von Eltern und Kindern ausgelotet. Die knappe Ausstattung von Clementine Pohl arbeitet mit Lichteffekten. Und mit Bauklötzen baut man die Szenerie rasch um. Es entstehen verschiedene Lebenssituationen in Wohnblöcken. So stehen die Schauspieler Mirjam Birkl, Marion Jeiter, Dietmar Kwoka, Britta Scheerer und Tobias Strobel freudestrahlend ums Kinderbettchen herum: „dieses Kind gibt mir die Kraft/ich werde den anderen zeigen, was in mir steckt/ich werde ihnen zeigen, dass ich anders bin, als sie denken, ich werde meinen Eltern zeigen, dass ich nicht die bin, für die sie mich halten…“

Dieses Schauspiel in zehn Szenen des französischen Dramatikers Joel Pommerat wird ergänzt um einen Epilog von Franz Kafka. Eine junge Mutter bietet dem netten Paar von Gegenüber an, ihnen ihren Säugling zu schenken. „Aber das ist doch nicht Ihr Ernst?!“ meint der Mann fassungslos. Man sieht, wie verzweifelt die junge Frau mit sich ringt. Aber für sie gibt es keine andere Lösung. Sie ist ihrer Mutterrolle einfach nicht gewachsen. Eine starke Szene. Eine Tochter weiß nicht, ob sie der Gedanke traurig macht, ihren Vater nie wieder zu sehen. Sie mimt einfach ein Pferd, das vor sich hintrappelt. Der Vater ist völlig fassungslos: „Aber Kinder brauchen doch einen Vater. Alle Kinder brauchen einen Vater. Wärst du denn nicht traurig, wenn wir uns nicht mehr sehen?“ Doch die Tochter läuft zuletzt einfach davon, lässt den Vater allein zurück. Und in einer Leichenhalle stellen sich zwei Frauen die Frage, wessen Sohn unter dem weißen Tuch identifiziert werden muss. Das ist dann fast schon ein Krimi, der allerdings ausgezeichnet gespielt ist. Die Frau ist sich nicht mehr sicher, ob es nicht ihr toter Sohn ist. Sie erleidet einen Zusammenbruch. Ihre Begleiterin weigert sich zuletzt auch, unter das Leichentuch zu blicken. Angst macht sich breit. Eine beklemmende Szene, die unter die Haut geht. Während einer Geburt zweifeln die Anwesenden, ob die werdende Mutter das Kind tatsächlich bekommen will: „Pressen Sie doch!“ Doch das Kind will einfach nicht kommen. Diese Szene besitzt eher einen satirischen Zuschnitt.  Und ein junger Vater schwört sich, alles besser zu machen wie der eigene Vater: „Ich möchte auf meinen Sohn zugehen können, ohne Angst und Schrecken in seinem Blick zu sehen. Tut mir leid, Papa, aber ich möchte anders zu meinem Sohn sein, als du zu mir warst. Ich möchte, dass mein Sohn etwas anderes für mich empfinden kann als ich für dich.“ Der Vater schweigt vor Zorn. Da lässt dann Franz Kafkas „Brief an den Vater“ grüßen: „Du kannst ein Kind nur so behandeln, wie Du eben selbst geschaffen bist, mit Kraft, Lärm und Jähzorn, und in diesem Falle schien dir das auch noch überdies deshalb sehr gut geeignet, weil Du einen kräftigen mutigen Jungen in mir aufziehen wolltest.“ Zwischen emotionaler Explosion und tiefem Schweigen wird bei dieser suggestiven Inszenierung alles geboten. Das zeigt sich außerdem bei der tragischen Begegnung eines arbeitslosen Vaters mit seinem Sohn, der ihm vorwirft, an seiner verfluchten „Maloche“ zugunde zu gehen. Gleichzeitig behauptet der Sohn, dass der Vater „kein Mann“ sei, weil er den ganzen Tag nur in seiner Wohnung herumlaufe. Dieses Schauspiel besticht gerade aufgrund der psychologisch geschickt aufbereiteten Momentaufnahmen aus dem Leben einzelner Menschen durch seine Direktheit. Das wirkt ganz unmittelbar auf den Zuschauer. Die Familienwelten sind hier aber aus dem Lot geraten. Banale Konflikte verdichten sich, die Verletzlichkeit jedes Einzelnen tritt grell hervor. Selbst die Musik passt zur Inszenierung: Sergey Khachatryan (Violine) spielt in Ausschnitten die Partita Nr. 3 in Es-Dur BWV 1006 von Johann Sebastian Bach. Es bleibt nämlich die Hoffnung, dass gerade diese Musik kranke Seelen heilt. 

Alexander Walther

 

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