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STUTTGART/ studiotheater: DIE ALARMBEREITEN von Katrin Röggla

03.07.2020 | Theater


Werkstatt:  li. Marion Jeiter, re. Cathrin Zellmer. Foto: Studiotheater

„die alarmbereiten“ von Kathrin Röggla – Ein Stationentheater im Studiotheater Stuttgart am 2. 7.2020

Die unbeirrbare Kassandra

 Viele Menschen sind alarmbereit, und dies nicht nur wegen Corona. Allerdings sind die Texte von Kathrin Röggla schon zehn Jahre alt. Das ist bemerkenswert. Im Rahmen der Sicherheitsbestimmungen zur Pandemie-Eindämmung erlebt man diesmal im Studiotheater in der subtilen Regie von Christof Küster (Ausstattung: Maria Martinez Pena) ein Stationen-Theater, das elektrisierend wirkt. Eberhard Boeck spielt in der Küche als „Zuseher“ zunächst einen Mann, der die Panikeinkäufer vor einem Einkaufszentrum beobachtet. Zwischen einem Metronom sollen allerdings keine Negativ-Gedanken aufkommen. Die Leute werden aber dazu aufgefordert, sich über „gewisse Viren“ zu informieren. In der Schule findet dann ein außerordentlicher Elternabend statt. „Die Erwachsenen“ gehen sich hier ganz gehörig auf die Nerven. Schirin Brendel und Caroline Sessler mimen eine hysterische Lehrerin und eine „Mutter, die nicht kooperiert“. „Ihre Tochter ist ein Superspreader!“ lautet der Vorwurf. Sie würde die gesamte Klasse mit ihrem krawallartigen Verhalten infizieren. Die Lehrerin will diese aufmüpfige Tochter in Quarantäne stecken, sie soll krank werden. Klar ist vor allem, dass das Kind viel zu informiert ist. Im dritten Stück des Stationen-Dramas gibt es ein nächtliches Telefonat mit einer unbeirrbaren Kassandra, die die Welt aus den Angeln hebt. Die Natur rächt sich. Waldbrände werden von den beiden Frauen (die von Marion Jetter und Cathrin Zellmer eindringlich am Telefon gespielt werden) als Naturzustände wahrgenommen. Das hat alles etwas Bedrohliches. Sie wollen im Netz aber keine traurigen Bilder mehr ansehen. „Ich kenne dich als Pessimistin“, bemerkt die Frau zu ihrer Telefonpartnerin auf dem anderen Bildschirm. Gefragt ist Reaktionsbereitschaft. Eine „gefakte Kassandra“ wird nicht akzeptiert. Zuletzt verabschiedet sich eine Telefonpartnerin nahezu lautlos von der anderen. Diese Station spielt in der Werkstatt und nennt sich „Die Ansprechbare“. Die ist aber zuletzt auf dem Bildschirm überhaupt nicht mehr ansprechbar. In der Garderobe findet anschließend eine „Zitterpartie“ statt. Mariam Jincharadze und Sebastian Schäfer zeigen hier ein bewegendes Kammerspiel: „Da draußen tobt die Dunkelziffer!“ Eine Frau sitzt in einem Schrank fest, daneben sieht man das Bild eines Mannes, der so „tut als ob“. Es soll einen großen „Geldknall“ geben: „Das Spontane ist das Gefährliche.“  Auf der oberen Bühne begegnet der Zuschauer zuletzt dem „Deutschlandfunk“ mit den zunächst gewieften Moderatoren Moritz Brendel und Boris Rosenberger. Fliegen und Vögel sowie ausufernde Motorengeräusche machen das Geschehen im Studio zuletzt aber völlig unsicher. Alles gerät außer Kontrolle. Und der ohrenbetäubende Lärm von draußen ist nicht mehr auszuhalten. Zuletzt flieht einer der genervten Moderatoren aus dem Studio. Noch etwas ist hier kurios: Die fünf Zuschauer sitzen auf der Bühne, auf der sonst die Theaterstücke aufgeführt werden.

Alles steht auf dem Kopf, die Welt ist umgedreht (Video: Oliver Feigl). Der Blickwinkel auf die Verhältnisse ändert sich radikal. 

Alexander Walther

    

 

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