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STUTTGART: STRAWINSKY HEUTE – den ersten Eindruck bestätigt

30.03.2015 | Ballett/Tanz

Stuttgarter Ballett

„STRAWINSKY HEUTE“ 29.3.2015 – den ersten Eindruck bestätigt

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„Der Feuervogel“: Osadchenko, Vogel, Reilly. Foto: Stuttgarter Ballett.

 Der Star dieses neuen dreiteiligen Programmes (Premiere 13.3.) ist und bleibt Igor Strawinsky. Egal in welcher stilistischen Form uns der renommierteste Ballett-Tonsetzer des 20. Jahrhunderts begegnet – seine Kompositionen sind Garant für spannende Hörerlebnisse, im besonderen dann, wenn die gefürchteten technischen Anforderungen mit so viel Selbstverständlichkeit und klanglichem Einfühlungsvermögen erfüllt werden wie vom Staatsorchester Stuttgart – diesmal unter der Leitung von MD-Stellvertreter Wolfgang Heinz. Dass er und die Musiker mindestens genauso viel Begeisterung abbekamen wie die Tänzer, beweist, dass diese Leistung auch dem meist auf das Sehen der Tanzkunst konzentrierten Ballett-Publikum nicht verborgen blieb.

Der erste szenische Eindruck von der Premiere hat sich bei allen drei Choreographien im Wesentlichen bestätigt, lediglich im Detail kamen jetzt noch ein paar Dinge zum Vorschein. Bei Marco Goeckes „LE CHANT DU ROSSIGNOL“ ist es die jetzt noch bestechender hervor tretende Imitation von Vögeln, die er aus seinem ureigensten Flatter-Stil mit der Präzision eines Uhrwerks entwickelt hat. Ob pickende Schnäbel, nickende Köpfe, vibrierende Oberkörper oder Beine – alles ist aufs Präziseste der häufigen Taktwechsel-Struktur angepasst und wird auch von der Alternativ-Besetzung – mit dem besonders markant auffallenden Louis Stiens, dem immer eine leise Spur von Heiterkeit einbringenden Robert Robinson und dem nicht nur jüngst als Choreograph, auch als Tänzer viel Feinsinn beweisenden Fabio Adorisio an der Spitze – so bemerkenswert synchron als selbstverständliches Bewegungsvokabular umgesetzt. Was das Ganze jedoch mit der ursprünglichen Geschichte des Werkes zu tun hat, bleibt nach wie vor im Dunkeln der nur phasenweise von einem sonnengleichen Lichtstrahl von oben erhellten Bühne verborgen.

Die Bilder, die Demis Volpi für „DIE GESCHICHTE VOM SOLDATEN“ entworfen hat, mögen für heutige Verhältnisse plakativ sein, mit der Hilfe seines immer wieder neue Varianten ausprobierenden klassisch grundierten Kanons gelingt es ihm das original als Tanzspiel mit gesprochenen Texten konzipierte Stück dank hilfreicher dramaturgischer Unterstützung von Vivien Arnold  auf musikalischer und inhaltlicher Ebene zu erzählen und vor allem seine zentrale Botschaft unserer von bösen Mächten bedrohten Kultur deutlich herauszustreichen. Vielleicht lässt sich ja der vorangestellte stumme Aufbau der Wanderbühnen-Kulisse noch straffen!

Bei den beiden neuen Solisten verschieben sich allerdings etwas die Ausdrucksvaleurs: Ruiqi Yang ist (auch maske-bedingt) mehr schleichende Katze als verführerischer Teufel. Die schlängelnden Bewegungen wirken aufgrund ihrer geringeren Körpergröße nicht gar so unheilvoll, gelingen aber dennoch geschmeidig. Alexander McGowans Soldat ist introvertierter als sein Premierenkollege, der Wandel vom herzhaften Geigenspieler zum seiner Kunst beraubten Opfer greift deshalb nicht ganz so stark, es bleibt aber immer noch die Darbietung eines Tänzers, der mit seinem Körper etwas zu vermitteln weiß.

Dem schon bei der Premiere als Sinnenrausch die Bühne flutenden „FEUERVOGEL“ des mit Spannung erwarteten Sidi Larbi Cherkaoui ist nichts hinzuzufügen. Es kann nur noch einmal lobend erwähnt werden, wie die Tänzer wie Lava aus drehbaren vulkanförmigen Bauteilen ausgespuckt werden und am Schluss wieder darin verschwinden, als wäre das Ganze nur eine Fata Morgana gewesen; wie alle Beteiligten unterstützt von rückseitigen Spiegeln, wallenden Tüchern, phantasievollen Kostümen und oszillierenden Beleuchtungserscheinungen das Geschehen auch in musikalisch getragenen Phasen mit einer unendlichen Kette an Hebungen, Sprüngen und Drehungen in Paaren oder Gruppen-Verkettungen in einem beständigen Fluss halten. Da die einzelnen Parts austauschbar sind, hat Cherkaoui auf eine zweite Besetzung verzichtet, so dass auch jetzt wieder das großteils aus Ersten Solisten und Solisten bestehende Ensemble der Premiere am Werk war.

So klassisch der Tanz ausgefallen ist – die Instrumentierung von dessen Grundlagen gelangt zu verblüffend neuen Einblicken und die vom originalen Märchen aufgegriffenen Motive mit symbolischen Bezügen erlauben auch eine darüber hinaus blickende Interpretation. Die teilweise erhobenen Vorwürfe einer zu altmodischen Aufbereitung sind nicht nachzuvollziehen. Das bei der Premiere überraschend verhaltene Publikums-Echo wich diesmal spontan artikulierter Begeisterung für eine klassisch-ästhetisch und doch gleichzeitig innovativ abstrahierte Lesart des vielfach choreographierten Stoffes.

   Udo Klebes

 

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