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STUTTGART/Staatsoper: WUNDERZAICHEN von Mark Andre

Klangbewegung wie in Trance

11.06.2018 | Oper


Andre Jung und Choristen. Copyright: Martin Sigmund

„Wunderzaichen“ von Mark Andre am 10. Juni 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

KLANGBEWEGUNG WIE IN TRANCE

Eine zweigeteilte Bühne präsentieren Jossi Wieler und Sergio Morabito bei ihrer Inszenierung von Mark Andres Oper in vier Situationen „Wunderzaichen“. Oben sieht man den Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv, wo die Pilger auf ihre Einreise ins Gelobte Land warten. Sie halten Geigenbögen in ihren Händen, die sie zu streichen scheinen und zielgerichtet gegen die Decke strecken. Unter ihnen ist auch Johannes, der sich seinen Traum von einer Reise ins Gelobte Land erfüllen möchte. Als Gelehrter beschäftigt er sich mit der Kabbala – und seit seiner Herztransplantation schlägt ein fremdes Herz in seiner Brust. Die Beamtinnen führen ihn auf die Polizeiwache. Diese wird sichtbar, als sich das Bühnenbild langsam und geradezu geheimnisvoll verschiebt (Bühne und Kostüme: Anna Viebrock; Mitarbeit Bühnenbild: Susanne Gschwender). Eine elektrisierende Spannung liegt in der Luft. Das auffällige Verhalten von Johannes, der sich für Reuchlin hält, setzt sich fort. Eine Frau fällt ihm hier auf, er fühlt sich von ihr angezogen. Der Polizist verweigert Johannes und der Frau die Einreise, im Fast-Food-Rerstaurant erleidet Johannes schließlich einen Herzinfarkt.


Andre Jung, Julia Bauer, Chor und Statisterie. Copyright: Martin Sigmund

Diese Herzgeräusche übertragen sich in unheimlicher Weise auf das musikalische Geschehen, das Sylvain Cambreling als umsichtiger Leiter des Staatsorchesters Stuttgart voll im Griff hat. Die Ostinato-Rhythmen prägen auch die subtile Inszenierung. Chromatische Bewegungen, Klangbewegungen wie in Trance, Geräuschklänge und Kontrabassbögen vereinigen sich zu einem harmonischen Rätsel, das zuweilen nur schwer zu entwirren ist. Dies zeigt sich vor allem in der vierten Situation, wo sich Johannes im Warteraum von seinem Körper abgelöst hat. Distanziert beobachtet er das Geschehen am Flughafen, er denkt über seine Auferstehung und die Liebe nach. Maria trauert um Johannes, sie bittet den Toten, sie nicht anzurühren. Lautsprecherdurchsagen rufen Johannes zur Abflughalle. Andre Jung vermag der Sprechrolle des Johannes tiefgründige Facetten zu verleihen. Julia Bauer erfüllt ihre Rolle als Maria mit voluminösen Kantilenen, deren Resonanz immer mehr zunehmen. Matthias Klink begeistert als Polizist und Erzengel mit innerlich strahlender Leuchtkraft. Und als erste und zweite Beamtin überzeugen Kora Pavelic und Maria Theresa Ullrich ebenfalls mit enormer Gestaltungskraft und kluger Melodiebildung. Allen Sängern gelingt hier eine auffallende Nähe zu den existenziellen und metaphysischen Momenten dieser Musik, die sehr viel mit Geräuscheffekten arbeitet (Live-elektronische Realisation: Joachim Haas, Michael Acker, Lukas Nowok, Experimentalstudio des SWR).


Julia Bauer, Matthias Klink. Copyright: Martin Sigmund

Die Strenge und Präzision von Mark Andres Musik wird bei dieser suggestiven Aufführung immer wieder durch monumentale Blechbläsereinwürfe unterbrochen und angeheizt, die Musik scheint sich in ihrer Bewegungsfähigkeit ins Endlose auszuweiten. Lichtjahre der Atmosphäre und des Weltalls erreichen hier neue Dimensionen. Diese Verbindung zur Spektralmusik offenbart nicht nur eine Nähe zu Olivier Messiaen, sondern auch zu Helmut Lachenmann, bei dem der 1964 in Paris geborene Andre studierte. Das Stück besitzt gewaltige Energie und Emotionen, die sich auch in den fulminanten Chorpassagen zeigen (Einstudierung des Staatsopernchors: Johannes Knecht). Sylvain Cambreling vermag dies alles klug zu bündeln und minuziös herauszuarbeiten. Die 32stel-Noten fordern den Zuhörer heraus, die direkte Kommunikation zwischen den Menschen steht dabei immer wieder im Mittelpunkt. Die theatralischen und geistigen Elemente dieser Musik werden von Cambreling und dem Staatsorchester Stuttgart ausgezeichnet ausgekostet. Das Solo von Maria im dritten Stück ermöglicht Julia Bauer eine große Expressivität hinsichtlich ihrer klangfarblichen Gestaltungsmöglichkeiten, die Gesangslinien der Stimme scheinen mit den Instrumenten zu verschmelzen. Hier spricht der Körper als geheimnisvolle Resonanz der Seele. Die Musik erscheint so durchaus als zerbrechliches Wunder. Es gibt in dieser besonderen Partitur auch Zwischenräume, die Fragen aufwerfen. Stille wird zu Klang, die Mark Andre als Vertreter der Darmstädter Schule mit pulsierender Energie füllt. Die Schwebungen der Stimmen berühren wiederholt atmosphärische Strömungen, die den Saal des Opernhauses beleben. Zuweilen meint man sogar Echo-Effekte zu vernehmen (Klangregie: Dieter Fenchel, Christoph Kirschfink, Mirella Kern, Ton- und Videoabteilung der Oper Stuttgart).

Das Ensemble wurde vom Publikum gefeiert. Metrische Systeme verbinden sich mit der spätmittelalterlich-abendländischen Musik. Das besitzt stellenweise eine fast okkulte Wirkung. 

Alexander Walther

 

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