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STUTTGART/ Staatsoper/ „Wizemann“: L’ORFEO von Claudio Monteverdi. Premiere

06.07.2022 | Oper international

Premiere von Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ der Staatsoper Stuttgart im „Wizemann“ am 22. Juli 2022/STUTTGART

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Josefin Feiler, Moritz Kallenberg. Foto: Matthias Baus

Der verbotene Blick

Da die Staatsoper zurzeit renoviert wird, fand die Premiere diesmal an einem anderen Ort statt. Das war Oper im Club: Mit Orpheus ging es tatsächlich tief hinab in den Hades bis zu Proserpina. Im „Wizemann“ war Claudio Monteverdis „L’Orfeo“ eine raffinierte Orpheus-Installation, ein unerhörter Opern-Parcours. Seh- und Hörgewohnheiten wurden in erheblicher Weise erweitert. Hier war die Trennung zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten aufgehoben. Aber die Unterweltflüsse wie Styx oder Lethe blieben spürbar. Dabei stand in der Inszenierung von Marco Storman (Bühne: Jil Bertermann; Kostüme: Sara Kittelmann) die berührende Liebesgeschichte neben der Geschichte der Kunst eindeutig im Mittelpunkt. Das Publikum schaute aus dem jeweils eigenen Blickwinkel in einen geheimnisvollen Spiegel.  In feurigem Rotlicht erschien dabei die unheimliche Welt des Hades im Innenraum des Gebäudes. Zuvor wurde das Publikum zu geheimnisvollen Fanfarenklängen rund um das Gebäude geführt. Zuletzt entführte man die Zuschauer über ein Geländer sogar noch auf eine Anhöhe, wo Orpheus sich dann unglücklicherweise nach Euridice umblickte und sie so für immer aus den Augen verlor.

La Musica hatte den Abend feierlich eröffnet. Es ging um Orfeo, jenen berühmten Sänger, der mit seinem Gesang wilde Tiere bändigen konnte. Eine Gruppe von Hirten und Nymphen feierten ein Fest, auf dem La Musica Orfeo erweckte. Caronte, der die Verstorbenen über den Styx geleitete, versperrte Orfeo den Weg. Der Versuch Orfeos, Euridice aus der Unterwelt zurückzuholen, hatte Proserpina, die Gattin Plutones, sehr bewegt. Sie setzte sich bei Plutone für die Rückkehr Euridices ein. Doch die Bedingung war, dass er sich nicht zu Euridice umdrehen durfte, bis sie die Unterwelt verlassen habe. Orfeo blickte in viele Spiegel – und seine verhängnisvolle Neugier verhinderte dann letztendlich Euridices Rückkehr. 

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Josefin Feiler, Moritz Kallenberg. Foto: Matthias Baus

Das Publikum durfte das Geschehen zuletzt sogar noch per Kopfhörer verfolgen. Es gab auch gesprochenen Text. Der Modernisierungseffekt wirkte dabei allerdings allzu gewollt. Die Deklamation der Einzelstimmen wurde hervorragend getroffen. Bei dieser eindrucksvollen „Musica affetuosa“ kam auch die packende seelische Situation nicht zu kurz. Die ariosen Partien gerieten zu eindeutigen musikalischen Höhepunkten. Und der von Manuel Pujol sorgfältig einstudierte Chor sorgte für eine erhebliche dynamische Belebung des Geschehens. Der orgelmäßige Klangcharakter des Orchesters verfehlte seine Wirkungskraft nicht. Zuweilen musizierte es hinter einem großen Spiegel, dessen Vorhänge schließlich entfernt wurden, so dass das Publikum in den Orchesterraum treten durfte. Es war gerade diese erstaunliche Durchlässigkeit, die den besonderen Reiz dieser Inszenierung ausmachte. Manchmal bestand allerdings die Gefahr, dass die Handlung so in Einzelteile zerfiel.

Die Eröffnungsfanfare der einleitenden „Toccata“ ging unter die Haut. Das Ritornell unterstrich die tragischen Vorgänge. Claudio Monteverdi triumphierte hier auch als letzter Großmeister des Madrigals. Der umsichtige Dirigent Killian Farrell arbeitete mit dem ausgezeichnet musizierenden Staatsorchester Stuttgart den Zauber und die neuartigen Klangwirkungen facettenreich heraus. Tremolo- und Pizzicato-Sequenzen erweiterten auch deutlich das Streicher-Volumen. Die Akkorde entfalteten eine dämonische Größe. Josefin Feiler (Sopran) erfüllte ihre Partien von La Musica/Euridice und Proserpina mit voluminöser Ausdruckskraft und glühender Sinnlichkeit, während Moritz Kallenberg (Tenor) als Orfeo seiner gesanglich kühnen Partie den letzten Schliff gab.  In weiteren Partien imponierten Andrew Bogard als Caronte/Plutone, Pihla Terttunen als Botin/La Speranza, Mingjie Lei als erster Hirte, Angel Macias als zweiter Hirte, Andrea Conangla und Sirin Kilic als Nymphen sowie Junoh Lee als Hirte.

Der Dirigent Killian Farrell ließ die Erweiterung des tonalen Systems mit den drei eingeführten dissonanten Nonen mit präziser formaler Klarheit Revue passieren. Kühne Zusammenklänge schienen Monteverdi als „Vater der Dissoanz“ geradezu zu feiern! In der Partitur pulsierte dank dieser gelungenen Interpretation tatsächlich ein erregender Ausdruck. Gerade die deklamatorischen Partien waren von großem Ausdrucksvermögen beherrscht. Den Ariosi fehlte der blühende Ausdruck über den ostinaten Bässen nicht. Als geschlossene Gesangsstücke zeigten sie Ansätze zur Da capo-Arie. Monteverdi komponierte dieses Werk im Jahre 1607 für den Herzog von Mantua zu einem Text von Alessandro Striggio.

Es gab großen Jubel und Ovationen für diese interessante „Open Air“-Premiere.

Alexander Walther

 

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