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STUTTGART/ Staatsoper: WERTHER – ganz nah ans Publikum herangeholt. Premiere

13.07.2021 | Oper international

Staatsoper Stuttgart: „WERTHER“ 11.7. 2021 (Premiere) – ganz nah ans Publikum heran geholt

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Foto: Philipp Frowein

Immerhin ist es den Verantwortlichen der Staatsoper Stuttgart gelungen, in der nach der Wiedereröffnung des Hauses noch verbliebenen knappen Spielzeit eine Premiere auf die Bühne zu bringen, die seit November fertig geprobt und nun sozusagen in der Warteschleife  war. Und als ob der Regisseur Felix Rothenhäusler die Corona-Pandemie vorausgeahnt hätte, setzte seine Inszenierung auf Reduzierung und weitgehenden Abstand der Mitwirkenden. Während das Orchester im hinteren Bereich der Bühne platziert ist, spielt sich das Geschehen ganz konzentriert auf einer großen weiß glänzenden runden Scheibe ab, die den Orchestergraben überdeckt und bis an die erste Parkettreihe heran reicht.

Der Zuschauer wird so unmittelbar in die Handlungsvorgänge hinein gezogen, die Leidenschaften der Akteure werden wie ein Sog ins Publikum projiziert.

Während des Orchestervorspiels erheben sich die anfangs verteilt in den ersten Reihen sitzenden SängerInnen von ihren Plätzen und erobern die Sitze überkletternd den Schauplatz. Darunter auch eine kleine Abordnung des Kinderchors der Staatsoper (Einstudierung: Bernhard Moncado), wie alle Darsteller in Gegenwarts-Garderobe (Kostüme: Elke von Sivers). Jeglicher örtliche Bezug zum Ort der Handlung bleibt ausgespart, und damit auch die ursprüngliche Goethe-Zeit. Dazu passt auch die Streichung der Genreszenen mit den beiden Saufkumpanen Johann und Schmidt sowie das seine Klopstock-Verehrung bekundende Pärchen Brühlmann und Käthchen. So ist alles auf das Drama um Werther fokussiert, was dessen Intensität fördert, zumal die Striche in der Partitur so gut gesetzt sind, dass sie mit Ausnahme zu Beginn des zweiten Aktes überhaupt nicht auffallen. Es ist ohnehin nicht die erste Aufführung, die sich dieser Straffung bedient.

Die Führung der Personen ist relativ statisch, nur in den ersten beiden Akten manchmal etwas unmotiviert und nervend, wenn die Protagonisten immer mal wieder die Scheibe umrunden. Welchen Zweck die am Ende des zweiten Aktes nach und nach vom Zuschauerraum auftretenden und das Geschehen beobachtenden Statisten erfüllen, wird leider nicht deutlich. Im zweiten Teil verdichtet sich auch ganz ohne Requisiten alles zu einer Kammerspiel-Tragödie, deren stürmische Gefühlsäußerungen so fesseln, dass alles drumherum vergessen ist. Wenn Werther und Charlotte im ersten stürmischen Moment des gemeinsamen Liebesbekenntnisses sich nach Verharren auf Abstand in der Mitte umarmen, erhöht das noch den sich immer mehr nach oben schraubenden Rausch der Musik. Und wenn im letzten Akt Werther endlich seinen bis dahin wie verkrampft in der Hand gehaltenen Strauß roter Rosen fallen lässt und ein dichter roter Blütenregen über ihm nieder geht, verschwistern sich Natur und das Blut des Selbstmörders auf eindrückliche Weise. Das ist dekorativ und passend symbolisch zugleich. Neben ihm kniet oder liegt Charlotte, deren Leben auf andere Art genauso zerstört ist. Warum die jetzt die Weihnacht besingenden Kinder so unorganisch und etwas gekünstelt vom Band zugespielt werden, nimmt dem tragischen und doch leisen Ende etwas von seiner Natürlichkeit.

Im Ganzen ist das eine halb-szenische Wiedergabe, der aber über weite Strecken doch nichts Wesentliches fehlt.

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Foto: Philipp Frowein

Musikalisch darf von ganz großer Oper berichtet werden – getragen von einem Hauptpaar, das alle emotionalen Schleusen zu öffnen wusste und obendrein mit idealer vokaler Ausstattung gesegnet ist. In der Titelrolle erfüllt der Mexikaner Arturo Chacón-Cruz mit passend verträumtem Blick so gut wie alle Wünsche. Im Laufe der Aufführung steigerte er die Nuancierung seiner Gefühle und ließ den Wechsel von verhaltenen und zupackenden Phasen zu einem mitreißenden Wechselbad werden. Auf seine gut tragende, glanzvolle und großzügig eingesetzte Höhe ist immer Verlass, sein eher helles Timbre wird nie grell, es bewahrt durchs ganze Register seine Qualität. In „Pourquoi me réveiller“ gelang es ihm, die zweite Strophe als weitere Steigerung anstatt als bloße Wiederholung aufzubauen.  In seinen viel zu großen und langen Klamotten (hellblaue Hose, rotes Hemd und dunkelblaue Jacke) wirkt er wie verlorener, in seiner Philosophie gefangener Künstler. Charlotte dagegen steckt in einem weißen hochgeschlossenen Hosenanzug mit von der Hüfte abwärts umgebundenem Brautschleier. Die in der letzten Saison von der Bayerischen Staatsoper ins Stuttgarter Ensemble gewechselte Rachael Wilson feiert hiermit ein ausgezeichnetes Rollendebut. Ihr in Soprannähe angesiedelter Mezzo verfügt über eine mädchenhafte, ganz reine Stimmfarbe, eine druckfreie Tiefe, und im Gegenzug mühelos strahlend klare Höhe. Dazu gesellt sich ein zutiefst verinnerlichter Ausdruck gepaart mit einer unaffektierten Darstellungsgabe. Ihre ungemein berührende Briefarie löste sogar kurze Begeisterungsrufe mitten in die unmittelbar weiter gehende Musik aus.

Auch die weiteren drei Rollenvertreter debutierten: Aoife Gibney im grünen Mini-Kostüm (warum stets ein Laptop-Köfferchen tragend?) entspricht optisch nicht so richtig Charlottes fröhlich unbedarfter Schwester Sophie, gibt ihr aber mit flexibel leichtem, wenn auch etwas kühl timbriertem Sopran ein passendes vokales Profil. Pavel Konik im königsblauen legeren Anzug und länger gewellten geblondeten Haaren schärft die Position des Albert mit bestimmendem Auftreten und charaktervoll festem Bariton. Welche Bewandtnis der Amtmann in schwarzer Jacke mit Security-Aufschrift hat, bleibt unbeantwortet. Dessen ungeachtet umreißt ihn Shigeo Ishino auch in musikalisch beschnittener Form mit stählernem Bariton.

Das Staatsorchester Stuttgart geriet hinter der weiß strahlenden Bühnenscheibe zwar ins Halbdunkel, aber keineswegs ins akustische Abseits. Wie Marc Piollet  Massenets zwischen gewaltig aufrauschender Romantik und phasenweisem Impressionismus zum Leben erweckte, ihr Kontur wie auch beständigen Fluss, weiche Übergänge und ganz auf die Spontaneität der Sänger eingehenden Freiraum gab, sorgte vom Beginn bis zum Ende für ein aufregendes Bad der Gefühle. Zarte Soli in den Bläsern stachen ebenso heraus wie feine Stimmungsmalereien in den instrumentalen Zwischenspielen. Zurecht wurden er und die MusikerInnen mit in den ausgiebigen Jubel für wahrlich große Oper miteinbezogen.

Und damit war dieser Wiederbegegnung am Haus über 30 Jahre nach der letzten Produktion ein ähnlich großer Erfolg beschieden. Hoffen wir also auf möglichst viele Reprisen!

Udo Klebes

 

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