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STUTTGART/ Staatsoper: TOSCA – in aller Breite ausgekostet

22.09.2021 | Oper international

Stuttgart Staatsoper

„TOSCA“ 21.9.2021 – in aller Breite ausgekostet

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Maria Agresta, Martin Muehle. Foto: Martin Sigmund

Mit voller Chor- und Orchesterbesetzung, aber aus Vorsicht noch mit Schachbrett-Belegung im Zuschauerraum (obwohl die aktuelle Verordnung einen kompletten Verkauf zugelassen hätte) startete die Stuttgarter Oper in die neue Saison. Puccinis unverwüstlicher Opernkrimi bot für den Auftakt die ideale Vorlage, das Publikum sogleich mit Volldampf auf eine emotionale Reise mitzunehmen. In Willy Deckers musterhafter, nach heutigem Begriff klassischer Inszenierung, die auf wenige wichtige Requisiten in schwarz-grauen Bühnenräumen konzentriert und ohne zusätzliche Ebenen und Subtexte die Handlung auch dank der Kostüme im passenden historischen Rahmen erzählt und so voll zu ihrem Recht kommen lässt, finden sich beständig wechselnde Sänger schnell zurecht. Wenn in den drei Hauptrollen bereits reichlich darin erfahrene Interpreten auftreten, ermöglicht das ein jedesmal aufs Neue mit Spannung verbundenes spontanes Zusammenwirken, das in irgendeiner Form in diesem Stück mehr oder weniger immer zündet. An diesem zweiten Abend einer Dreierserie kam dazu noch der äußerst kurzfristige Ausfall von Lucio Gallo als Scarpia, worauf als Ersatz Dimitris Tiliakos relativ knapp zur Vorstellung aus Athen eingeflogen kam. Von diversen Auftritten in den letzten Spielzeiten war ihm zumindest das Haus schon vertraut, doch als Scarpia musste er sich noch in der Kürze der Zeit einweisen lassen. Im Großen und Ganzen war ihm keine Unsicherheit anzumerken, außer dass er im 2.Akt vergaß den Passierschein für das Liebespaar in die Hand zu nehmen, bevor er von Tosca erstochen wird, die das Papier schließlich seiner verschlossenen Hand entreißen sollte. Gelegentliche Tempounstimmigkeiten gingen zum Teil auf das Konto des sehr breiten Dirigates (dazu später), beeinträchtigten jedoch nicht den Spannungsbogen, auch weil Perfektion im Verismo weniger gewichtet als z.B. im Belcanto.

Tiliakos jedenfalls stellte seinen etwas trockenen, in der sprachlichen Formung manchmal etwas uniformen, aber noblen und allumfänglich präsenten Bariton voll in den Dienst einer Interpretation, die mehr den äußerlich korrekten und hinterhältig fiesen Polizeichef betont. Im Laufe der Vorstellung gewann er an Autorität und an einer nie aufgesetzten Intensität.

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Maria Agresta, Martin Muehle. Foto: Martin Sigmund

In Maria Agresta, erstmals am Haus zu erleben, hatte er eine Tosca, die ihn in der Auseinandersetzung sehr herausforderte. Als Diva wie als eifersüchtige Liebende ist die Italienerin voll in ihrem Element, weiß zu schmeicheln genauso wie zu attackieren und setzt ihren ebenmäßig frei strömenden Sopran zunehmend nuancierter ein. Ihr „Vissi d’arte“ besticht durch inniges Bekennen genauso wie durch ergreifende Vortragskunst. Scarpias Tötung zeigt sie als echte Verzweiflungstat, ihr letzter Aufruf an Scarpia vor dem Todessprung ist an Entschlossenheit kaum zu überbieten, ein so vehement, mit letzter Kraft ausgesungenes „Avanti a Dio“ sicher selten zu hören. Dabei schöpft sie noch einmal aus ihrer sehr gut gestützten und nie ins Scharfe gleitenden Höhe.

Auch Martin Muehles weich und südlich timbrierter Tenor (ebenfalls Hausdebut – statt dem ursprünglich angesetzten Ivan Magri) glänzt durch ein exzellentes Höhenregister, seine Spitzentöne sind elegant und mit dynamischer Schattierung gesetzt, aber nie als pure prunkende Verlautbarung, sondern immer eingebettet in eine subtile Farbakzente aufweisende Gestaltung. Sein Cavaradossi hat Schmelz und Kraft zugleich, optisch passt er als Künstlertyp genau zum entflammbaren Revolutionär. „E lucevan le stelle“ steigert er aus introvertierter Äußerung zu ergreifender Verzweiflung. Ein kurzer Aussetzer im Duett des dritten Aktes brachte ihn zum Glück nicht aus der Fassung und schnell wieder zum letzten Aufschwung mit Tosca zusammen.

In den Nebenrollen könnte Jasper Leever als Angelotti trotz ausdrucksvollem Baßbariton noch an glaubhafter Anspannung eines vor Todesgefahr Fliehenden zulegen. Nach jahrelanger Belegung durch alt gediente Ensemble-Kräfte ist Andrew Bogard ein ungewohnt junger Mesner, der der schnell überzeichnet wirkenden Rolle mit fein gesetztem Humor und differenzierten Tönen ein schon gut treffendes Profil gibt. Als nach der einen Seite buckelnder, nach der anderen Seite zynischer Spoletta ist Heinz Göhrig mit seinem immer noch klangvollen Tenor das, was man eine wichtige, weil markante Charakterstudie nennt.

Stephan Storck als Sciarrone und Kristian Metzner als Schließer ergänzen das Bühnenpersonal. Stückgemäß nur zu hören war Lucie Müller als sauber intonierende Hirtenstimme, dafür jedoch erstmals (hatte daran bis jetzt nie jemand gedacht?) zum Schlussapplaus auf die Bühne geholt.

Manuel Pujol und Bernhard Moncado hatten den Staatsopern- und Kinderchor für die Kirchenszene sicher vorbereitet, im Te Deum bannten sie unter den strammen Zügeln von Dirigent Giuliano Carella mit Inbrunst und Volumen. So breit Carella mit dem beflügelt wirkenden Staatsorchester Stuttgart diesen feierlichen Akt voll auskostete, weitete er das ganze Stück hindurch die Tempi so aus, dass sich die Partitur in all ihren Kostbarkeiten, ihrem Wechsel aus melodischem Schwelgen und aufgepeitschten Dialogen, voll entfalten und trotzdem den Spannungsfaden halten konnte. Das ist eben auch die große Kunst eines versierten Kapellmeisters, wie es sie leider viel zu wenige gibt.

Dankbar rauschender Applaus mit leider nur gedämpft vernehmbarer Begeisterung – da müßten dringend die Masken wieder fallen dürfen. So oder so – ein anregender Spielzeitauftakt!

Udo Klebes

 

 

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