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STUTTGART/ Staatsoper: TOSCA – das Künstlerthema steht im Mittelpunkt

21.12.2018 | Oper


Catherine Naglestad (Tosca). Foto: A.T. Schaefer

Giacomo Puccinis Oper „Tosca“ am 20. Dezember 2018 in der Staatsoper/STUTTGART

DAS KÜNSTLERTHEMA STEHT IM MITTELPUNKT

In Willy Deckers sehenswerter Inszenierung steht das tragische Schicksal des Künstlers im Mittelpunkt. Der Regisseur hat auch hier Puccinis Lebensdrama voll erfasst, der sich zwischen emotionalen Extremen aufrieb. Dass dieses Werk Kinodramatik und Schauerballade in einem ist, kommt in der Bühne und den Kostümen von Wolfgang Gussmann überzeugend zum Vorschein. Man hat dem Stück mangelnde Innerlichkeit vorgeworfen. Doch dies schwächt Willy Decker geschickt ab (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Anika Rutkofsky). Auch Tosca ist hier mit jeder Faser eine Künstlerin, die in den historischen Kostümen um 1800 regelrecht auflebt. Dabei wird eine längst vergangene Zeit höchst lebendig. Dies ist die große Stärke dieser Inszenierung, die trotz ihres betont konservativen Zuschnitts modern wirkt. Dass sie mit ihrem Aufstieg zur Primadonna assoluta Zugang zur römischen High Society erhält, macht Decker anhand vieler Details deutlich. Es ist ein schmerzlicher Prozess, wenn Tosca erkennen muss, dass sie vom italienischen Adel aufgrund ihrer geringen Herkunft abgelehnt wird. Ebenfalls gut wird bei dieser Inszenierung die Tatsache herausgearbeitet, dass die Protagonisten von Brutalität, Menschenverachtung und Terror umgeben sind. Im ersten Akt zeigt sich dies schon in der Begegnung des Polizeichefs Scarpia mit Tosca in der Kirche, wo sie sich vergeblich gegen die brutalen Nachstellungen des Despoten wehrt. Sie ist im seelischen Dilemma, weil sie für die reaktionäre Königin Maria Carolina arbeiten muss, die auch hinter Scarpia steht. Man sieht hier neben einer riesigen Marienstatue das überdimensionale Porträt der Marchesa Attavanti, ihrer verhassten Konkurrentin. Dieses Gemälde wird Scarpia im zweiten Akt bei einem Wutausbruch zerstören. Grandios gestaltet Willy Decker die katholische Prozession des „Te Deum“, wo sich Scarpia der ungeheuren Macht der katholischen Kirche beugen muss. Er wird gezwungen, den eisernen Stab des Kardinals zu küssen. Im zweiten Akt eskaliert der Konflikt dann in psychologisch bewegender Weise. Im Palazzo Farnese ist der Kunstmaler Cavaradossi dem Polizeichef Scarpia und seinen Schergen ausgeliefert. Die Auseinandersetzungen zwischen Cavaradossi, Scarpia und Tosca explodieren mit elektrisierender Kraft. Cavaradossi wird gefoltert – und Tosca soll sich Scarpia sexuell fügen. Schließlich ersticht sie den verhassten Polizeichef in höchster Verzweiflung. Diese Szene besitzt bei Willy Decker trotz aller Fahlheit etwas Bewegendes, denn Tosca beugt sich über den Toten, berührt seinen Körper. Die Luft vibriert hier geradezu von innerem Feuer. Dieses wilde Feuer lässt auch im dritten Akt nicht nach, der mit einem noch kahleren schwarzen Bühnenbild aufwartet. Rechts befindet sich eine rechteckige Öffnung, die den Blick aus der Engelsburg freigibt. Cavaradossi soll nur zum Schein erschossen werden – doch das Gegenteil ist der Fall. Cavaradossi wird wirklich erschossen, Tosca stürzt sich während der Flucht vor den Häschern von der Brüstung. Diese Szene wirkt in Deckers Inszenierung kompakt und voller Wucht. Tosca und Cavaradossi scheitern bei Willy Decker an dem falschen Glauben, mit dieser Realität einen Handel eingehen zu können. Und im dritten Akt grenzt dieser Trugschluss tatsächlich an Wahnsinn.

Das kommt bei der Inszenierung in ausgezeichneter Weise zum Vorschein, weil die hervorragende Catherine Naglestad als Tosca und der nicht minder eindrucksvolle Massimo Giordano als Cavaradossi hier voll an ihre vokalen und darstellerischen Grenzen gehen. Tosca glaubt, mit Cavaradossi eine Komödie spielen zu können, in der er nur noch einmal das Opfer spielen muss. Das aber ist ein grausamer Irrtum, den Willy Decker grell hervorhebt. Cavaradossi kommt bei Decker erst am Anfang des dritten Aktes zu sich. Tosca ist der Meinung, die vorgetäuschte Erschießung Cavaradossis sei nur für sie inszeniert worden. Bei Decker ist jedes Detail dieser Tragödie wichtig, das spürt man bei der Aufführung immer wieder. Die Leidenschaft als enorm gesteigertes Gefühl treibt die Personen an. Dies macht Catherine Naglestad als Tosca mit ausdrucksvoller Tiefe und strahlkräftiger Höhe deutlich. Bei der berühmten Arie „Vissi d’arte“ besitzt ihr Sopran ein fast überirdisch-sphärenhaftes Timbre, das die Zuhörer ganz unmittelbar berührt. Das berückende Melos geht unter die Haut. Außerdem ist ihre gesangliche Linienführung beispielhaft. Überragend gestaltet auch Massimo Giordano den verzweifelten Cavaradossi. Eine eindringliche Charakterstudie liefert ebenso der britische Bariton Roland Wood, der die dämonische Größe des Polizeichefs Scarpia mit vokaler Macht gestaltet. Sein in unheimlicher Weise einschmeichelnder Dialog mit Tosca im ersten Akt entwickelt sich gleichsam über dem Glockenostinato. Entfesselte Sinnlichkeit sprengt dabei den starren katholischen Ritus. Das Unisono Scarpias mit Chor und Blechbläsern beim „Te Deum“ gelingt Roland Wood sehr eindrucksvoll. Realismus und Symbolik gehen dabei immer wieder sinnvoll ineinander über.

Eine exzellente Interpretation liefert Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart, der die kleinteilige Thematik und den Abschied vom Belcanto in feinsinniger Weise herausarbeitet. Das kommt vor allem der musikalischen Struktur zugute. Es sind die von außen eindringenden Elemente, die hier deutlich hervorstechen. Dies gilt ebenso für die präzis betonten Stilkopien der Gavotte und Kantate im zweiten Akt. Hinzu kommen die Trommelrhythmen bei Cavaradossis Weg zur Hinrichtung sowie das Schellengeläut der unter der Engelsburg vorbeiziehenden Herde sowie der Gesang der Hirten. So kommt es beim vorzüglichen Staatsorchester Stuttgart unter Cornelius Meister und dem von Manuel Pujol eindrucksvoll einstudierten Staatsopernchor Stuttgart (mitsamt dem Kinderchor der Staatsoper Stuttgart) zu starken emotionalen Kontrasten, von denen vor allem die Sänger profitieren. Dazu gehören die markanten Charakterporträts von David Steffens als Cesare Angelotti, Matteo Peirone als Mesner, Heinz Göhrig als Polizeiagent Spoletta, Sebastian Bollacher als Gendarm Sciarrone, Kristian Metzner als Schließer und Tabea Klaschka als Hirt. Großer Jubel – vor allem für die nach vielen Jahren zurückgekehrte Catherine Naglestad als Tosca.                 

  Alexander Walther

 

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