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STUTTGART/ Staatsoper: SAINT FRANCOISE D’ASSISE von Olivier Messiaen. Premiere. Kultur und Natur

12.06.2023 | Oper international

Premiere „Saint Francois d’Assise“ von Olivier Messiaen in der Staatsoper am 11.6.2023/STUTTGART

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Michael Mayes. Foto: Martin Sigmund

Kultur und Natur

 Es ist eine ungewöhnliche Regiearbeit, denn die Regisseurin Anna-Sophie Mahler möchte Kultur und Natur miteinander verbinden. So spielt das Werk nicht nur in der Staatsoper, sondern auch auf der Freilichtbühne Killesberg, zu der man mit der Stadtbahn fahren kann. Außerdem hat man die Möglichkeit, das vierte Tableau  der Oper mit dem Titel „Der wandelnde Engel“ individuell über einen MP3-Player zu hören. Das Publikum wird in Vogelgruppen eingeteilt und kann im Höhenpark mit der Musik von Messiaen spazierengehen – angeleitet von „Guides“. Das führt von der Mönchsgrasmücke über die Feldlerche, Amsel, Singdrossel bis zum Rotkehlchen, der Gartengrasmücke, dem Zaunkönig oder dem Rotflügelgimpel.

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Statisterie. Foto: Martin Sigmund

Im ersten Tableau erklärt Franziskus dem Bruder Leon, dass man um der Liebe Christi Willen alle Leiden ertragen müsse.  Nach der Rezitation des Morgenoffiziums durch die Brüder bleibt Franziskus allein zurück. Im Leprosenheim küsst  Franziskus einen Aussätzigen. Gleichzeitig wird seine Angst vor den Leprakranken in eindringlicher Weise geschildert. Nach der Heilung des Kranken jubelt Franziskus über seine Selbstüberwindung. Das vierte und fünfte Tableau schildert dann in bewegender Weise auf der Freilichtbühne die Begegnung mit dem wandernden und musizierenden Engel. Im sechsten Tableau wird die Vogelpredigt geschildert. Es gibt gleich zu Beginn der Inszenierung eine vielsagende Assoziation zum „Toten Hasen“ von Joseph Beuys. Wiese, Wald und Höhle besitzen dann ebenfalls Verbindungen zur Natur. In Assisi sieht man die hohe, immergrüne Eiche. Der heilige Franziskus predigt zu den Vögeln und segnet sie feierlich.

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Foto: Martin Sigmund

Gewaltige Bilder hält der dritte Akt bereit, der wieder in der Staatsoper spielt. Dort sieht man den am Boden liegenden Franziskus, der sich offensichtlich in einer Höhle über einem Felsüberhang befindet. Jetzt kommt es zu einer ergreifenden Begegnung mit Gott, denn die stechend gelbe Sonne scheint in monumentaler Weise herabzusinken. Gleichzeitig sieht man das Geschehen spiegelbildlich an der Decke. Das ist auch ein sehr guter Einfall der für Bühne und Raumkonzepte zuständigen Katrin Connan, denn hier spannt sich ein riesiges gelbes, durchlöchertes Tuch fast über die gesamte Bühne. Und auch die raffinierte Videoarbeit von Georg Lendorff ist beachtlich. Der Chor mit dem Extrachor der Staatsoper Stuttgart unter der Leitung von Manuel Pujol symbolisiert machtvoll die Worte Gottes. Den Leprakranken hat Messiaen eigentlich Matthias Grünewalds „Versuchung des heiligen Antonius“ nachgebildet – und der als Insekt dargestellte Engel soll dem „Engel der Verkündigung“ von Fra Angelico gleichen. In der Sterbeszene erscheint dieser Engel dem heiligen Franziskus im Lichtkegel wieder.

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Elliott Carlton Hines , Michael Mayes, Danylo Matviienko. Foto: Martin Sigmund

Anna-Sophie Mahler arbeitet also auch mit deutlichen Bezügen zur Kunstszene. Sie betont selbst, dass es für das Team wichtig gewesen sei, Bilder zu finden und nicht auf gängige christliche Symbole zurückzugreifen. Franziskus‘ Auferstehung ist hier so etwas wie ein Naturphänomen. Ein weiterer Naturbezug ist zuletzt  die geheimnisvolle Transformation einer Libellenlarve auf der Großleinwand in Videoform, auch wenn dies etwas aufgesetzt wirkt.

Musikalisch hält diese ungewöhnliche Produktion für den Hörer viele Überraschungen bereit. Das Staatsorchester Stuttgart musiziert Messiaens‘ komplexe Partitur unter der Leitung von Titus Engel mit Feuer und innerer Glut, wobei insbesondere die monumentalen Blechbläserpassagen hervorragen. Vor allem die einzelnen Motive werden immer präzise nachgezeichnet. Dies gilt in erster Linie für die markante Vogelpredigt, in der eine Dreiviertelstunde lang verschiedene Vögel singen. Es ist für das Ensemble eine besondere Herausforderung. Da gewinnt die Aufführung eine ganz ungewöhnliche Intensität und Zauberkraft, die nicht nachlässt. Die dynamischen Kontraste dieses einzigartigen Vogelkonzerts werden dann harmonisch in den unterschiedlichsten Schattierungen beleuchtet. Das kommt den Gesangsstimmen zugute. Davon kann vor allem auch Beate Ritter (Sopran) als überaus filigraner Engel profitieren, die ihren endlos ausufernden Kantilenen eine berückende Schönheit verleiht. Grandios gestaltet der Bariton Michael Mayes seine enorm anspruchsvolle Rolle als Saint Francois, der dieser Vogelprozession eine einzigartige Klangmacht verleiht.  Auch der bei Messiaen wichtige religiöse Mystizismus sowie die Abkehr von allem intellektbetonten Klassizismus kommt bei der Aufführung  weder musikalisch noch szenisch zu kurz. Messiaen war gegen das musikalische Ideal der „Six“. Bei ihm soll die Kunst ein Ausdruck ehrlicher Herzenswärme sein. Gerade dieser Aspekt wird bei Titus Engels Interpretation ebenso deutlich. Auch die anderen Sänger lassen die ekstatisch-mystischen Visionen in eindrucksvoller Weise deutlich werden. Dies gilt sowohl für den Aussätzigen in der Darstellung von Moritz Kallenberg (Tenor) als auch für Danylo Matviienko (Bariton)  als Bruder Leon,  Elmar Gilbertsson (Tenor) als Bruder Massee, Gerhard Siegel (Tenor) als Bruder Elie, Marko Spehar (Bass) als Bruder Bernard, Elliott Carlton Hines (Bass) als Bruder Sylvestre sowie Anas Seguin (Bass) als Bruder Rufin.

Messiaens bildkräftige Tonsprache kommt hier nie zu kurz. Gewagteste, vollkommen einmalige Kombinationen werden neben abgebrauchteste Vokabeln gestellt. Neben Rimskij-Korssakoff sind Saint-Saens, Richard Strauss und Gounod zu finden. Und es gibt auch Anklänge an Alban Berg. Alles ist aber vollkommen eigenständig. Vor allem leugnet Titus Engel die melodische Komponente dieser eigentlich  glutvollen Musik nicht. Das kommt vor allem auch dem hundertköpfigen Staatsopernchor Stuttgart zugute, der am Schluss einen  phänomenalen Auftritt hat. Da treibt Titus Engel das Ensemble mit dem C-Dur-Dreiklang in einen geradezu orgiastischen Rausch, der nicht nachlässt. Bläser- und Holzbläser-Schichtungen gewinnen Leuchtkraft, Pizzicati und Glissandi unterstreichen die innerlich vibrierende Harmonik. Streicher-Flimmern mit Vogelstimmen und Gregorianik-Anklängen lassen den Zuhörer nicht los.  Wichtig ist auch, dass Messiaen den Heiligen Franziskus als Alter Ego seiner selbst sieht. In Anna-Sophie Mahlers Inszenierung ist dies jedenfalls zu spüren. Von den französischen Idealen der Klarheit und Mäßigung ist da nichts mehr zu finden. Fremdartig-vielfältige Rhythmen und ein kompliziertes Ordnungssystem dominieren, wobei Titus Engel das Gesamtkonzept nie aus den Augen verliert. Das nützt auch der vielfältigen Inszenierung von Anna-Sophie Mahler. Die „Ondes Martenot“ als Gegenstück zum Trautonium verstärken diesen Eindruck noch.

Das Publikum reagierte 1983 bei der Uraufführung in der Pariser Oper noch mit Buh-Rufen. In Stuttgart jedoch gab es einhelligen Premierenjubel – vor allem für den exzellenten Michael Mayes.

Alexander Walther

 

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