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STUTTGART/Staatsoper: RUSALKA . Queeres Märchen (13. Vorstellung seit der Pr.)

24.11.2022 | Oper international

Staatsoper Stuttgart, Rusalka, 22.11.2022, 13. Vorstellung seit der Premiere am 04.06.2022

Queeres Märchen

Dass gute, interessante Inszenierungen Theaterhäuser füllen können, zeigte die Staatsoper Stuttgart momentan mit „Rusalka“ von Antonín Dvořák. Interessant, dass dieses Nischen-Werk, dass sich in der Popularität weit hinter den anderen Standard-Stücken des Repertoires befindet, einen dermaßen Ansturm hervorruft! Fast jede Vorstellung der Wiederaufnahme in dieser Spielzeit war ausverkauft. Das liegt wohl am meisten an der Inszenierung, die Bastian Kraft verantwortete. Die Bühne wurde von Peter Baur, die Kostüme von Jelana Miletić, Videos von Sophie Lux entworfen. Die hervorragende Lichtgestaltung besorgte Gerrit Jurda.

Hauptgedanke der Inszenierung ist, dass die Hauptpersonen von Dragqueens gedoubelt werden und somit die Parallelwelt der Nixenwelt darstellen. Das geschieht gleich einleitend im Vorspiel. Gesang und Tanz der Elfen werden durch drei Dragqueens verdoppelt und gleichzeitig so in diese andere Ebene gebracht. Hier sieht der Zuschauer auch das augenfällige auftretende Lip Sync der Doubles, das laut Programmheft „mehr als ein buntes Spektakel ist. Denn die Geschichte des Lip Syncings ist eine von (…) radikalem Selbstausdruck.“ Für die Darstellung der Doubles wird dies zum Charakteristikum des Abends und unterstreicht auch den Aspekt des Stimmverlustes der Rusalka. Diese Verortung in einer Parallelwelt unserer Tage trug auch augenscheinlich dazu bei, dass viele Vertreter der queeren Community im Zuschauerraum Platz gefunden haben.

Die Oper erzählt das Märchen der Nixe Rusalka, die aus ihrer Märchen-Parallelwelt in die irdische Menschen-Wirklichkeit eintreten will, um dort mit ihrem geliebten Prinzen zu sein. Abgewiesen vom Wassermann, für den die Menschen verdorben sind, wendet sie sich an die Hexe Ježibaba, die ihren Wunsch zwar erfüllt, aber mit dem Fluch belegt, dass sie stumm auf Erden bleiben würde. Wenn sich ihr Glück nicht erfüllt, werde sie traurig in das Nixenreich zurückkehren und auch ihrem Geliebten den Tod bringen. Rusalka willigt ein und tatsächlich verliebt sich der Prinz in die stumme, unbekannte Schöne und will sie heiraten. Auf seinem Schloss beginnen die Zweifel an der Liebe seiner unheimlichen Geliebten und da lässt er sich verführen von einer fremden Fürstin. Das Schicksal ist damit besiegelt und der Fluch tritt ein. Irrlichternd in der Geisterwelt sucht Rusalka nach einem Ausweg, schlägt aber die Forderung der Hexe, den Prinzen zu töten um sich selbst zu retten, entsetzt von sich. Auch der Wassermann ist keine Hilfe. Am Ende kommt der Prinz zwar versöhnend zu Rusalka zurück, aber die beiden haben keine Zukunft mehr. Trotz ihrer Warnungen gibt er ihr einen letzten todbringenden Kuss.

Die Darstellung der Dragqueens in Gestalt der Rusalka (Reflektra), Wassermann (Alexander Cameltoe) und Hexe (Judy LaDivina) gibt diesem märchenhaften Ereignis einen nie gesehenen künstlerischen Ausdruck, der durch die phantastischen Kostüme noch verstärkt wird. Zunächst auf zwei Ebenen angeordnet (oben auf einer Traverse die Sänger, unten im spiegelnden Nixensee die Doubles; dies wurde mittels eines in 45-Grad-Winkel stehenden großen Spiegel erzielt), zieht sich das Geschehen im dritten Akt auf eine Ebene zusammen und auch die Kostüme der Sängerinnen und Sänger, im ersten Akt noch menschlich-neutral, gleichen sich bis zum dritten Akt vollständig an. Wirkungsvoll war zu Beginn des dritten Akts die Aufrichtung des Spiegels, sodass der gesamte Zuschauerraum gespiegelt wurde. (Damit wurden auch Teile des Orchestergrabens für das Publikum sichtbar und so konnte für ein paar Minuten die konzentrierte und hervorragende Arbeit des Dirigenten Killian Farrell beobachtet werden.)

Die Aufführung bestach durch gefühlvolle und ausdrucksstarke Leistungen der Sängerinnen und Sänger. Esther Dierkes als Rusalka, Katharina Magiera als Hexe Ježibaba, Kyungho Kim als Prinz und Adam Palka als Wassermann ließen Außerordentliches hören, es blieben keine Wünsche offen. Auch die kleineren Rollen der Fremden Fürstin (Allison Cook), Heger (Ks. Thorsten Hofmann), Küchenjunge (Alexandra Urquiola), die drei Elfen (Natasha Te Rupe Wilson, Catriona Smith, Leia Lensing, gedoppelt von Vava Vilde, Lola Rose und Purrja) und der Jäger Ángel Macías zeigten ihr Können und trugen zum Erfolg des Abends bei. Der Chor der Staatsoper Stuttgart war wie immer ausgewogen, präzise und spielfreudig (Chorleitung Manuel Pujol).

Das Staatsorchester Stuttgart spielte die vor Einfällen sprühende Musik Dvořáks hinreißend. Das Gefühlvolle, die Seele Berührende der böhmischen Musik wurde von Killian Farrell klangschön gestaltet. Er war immer nah an den Sängern und hatte eine große Umsicht über das Geschehen auf der Bühne und im Graben. Der junge Dirigent, der ab der kommenden Spielzeit als Generalmusikdirektor in Meiningen wirken wird, animierte das Staatsorchester in den symphonischen Stellen und ließ auch die gewaltigen Ausbrüche zu. Die weichen, lyrischen Stellen der Partitur blieben sängerfreundlich zurückhaltend und dennoch voller Ausdruck. Eine insgesamt sehr ausgewogene und ins Herz treffende Darbietung!

Am Ende lauter, langanhaltender Applaus und Standing Ovations für diese tolle Aufführung. Die anwesenden Mitglieder der queeren Community trugen sehr zur guten Stimmung im Haus bei. Die Derniere ist mittlerweile in Stuttgart für diese Spielzeit gelaufen, hoffentlich kommen noch viele Wiederaufnahmen dieser Inszenierung. Sie hat das Zeug zum Kultstück!

Fabian Kropf

 

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