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STUTTGART/ Staatsoper: RIGOLETTO

Narr im Gewand des Kaisers

28.11.2018 | Oper


Copyright: Martin Sigmund

Verdis „Rigoletto“ am 28.11.2018 in der Staatsoper/STUTTGART

NARR IM GEWAND DES KAISERS

Giuseppe Verdis „Rigoletto“ wurde vor allem wegen des Librettos von Francesco Maria Piave ein Opfer der Zensurbehörden. Es basiert auf Victor Hugos Drama „Der König amüsiert sich“, das nach einmaliger Aufführung in Paris im Jahre 1832 sofort verboten wurde. Die Obrigkeit erkannte sich darin wieder. Es ist Rigolettos tragische Erkenntnis, dass seine Rache an der Gesellschaft entsetzlich gescheitert ist.

Das steht auch bei der subtilen Inszenierung von Sergio Morabito und Jossi Wieler im Mittelpunkt. Im Bühnenbild von Bert Neumann und den Kostümen von Nina von Mechow fällt die imposante Häuserkulisse auf, die sich ständig dreht (szenische Leitung der Wiederaufnahme: Geertje Boeden). Auch die besondere Artistik des Theaters kommt nicht zu kurz. Von der Königsloge des Opernhauses herab schleudert der Graf von Monterone seinen Fluch auf den Herzog und Rigoletto. In Anlehnung an Aufstieg und Fall Napoleons trägt Rigoletto als unglücklicher Hofnarr des Herzgos neben der Maske sogar einen Kaisermantel. Die szenische Umsetzung entfaltet auch bei der suggestiven Gewitterszene große visuelle Reize. Statt des verhassten übergriffigen Herzogs ist seiner Vergeltung die eigene Tochter Gilda zum Opfer gefallen, die er zuletzt in einem Sack vorfindet und die vor seinen Augen stirbt. Zuvor wurde Gilda von dem gedungenen Mörder Sparafucile getötet, nachdem sie die Liebesszene zwischen Maddalena und dem Herzog zusammen mit ihrem Vater Rigoletto beobachtet hatte. Und im Hintergrund glüht der Feuerhimmel. Diese Szene gehört zu den stärksten und packendsten Eingebungen dieser interessanten Regiearbeit, die vor allem mit lilafarbenen Vorhängen und Stuhlreihen arbeitet.
Da bleibt viel Zeit für Fantasie. Gilda verkleidet sich bei dieser Inszenierung nämlich schon im ersten Akt als junger Mann. 

Der Dirigent Giuliano Carella arbeitet mit dem exzellenten Staatsorchester Stuttgart die verschiedenartige musikalische Diktion dieses Werkes in hervorragender Weise heraus. Dabei wird er von allen Sängern in optimaler Weise unterstützt. Die berückende Melodik kennzeichnet vor allem die Figuren des Herzogs, von Rigoletto und seiner Tochter Gilda. Im wunderbaren Quartett des dritten Aktes „Holdes Mädchen, sieh mein Leiden“ entwickelt sich das harmonische Geschehen zu seinem absoluten Höhepunkt. Alle Motive und thematischen Verästelungen strömen bei dieser Interpretation in reizvoller Weise zusammen. Das Fluch-Thema besitzt hier fast alttestamentarische Wucht und wildes Feuer, das sich immer mehr steigert. Die leitthematische Wiederkehr dieses unheimlichen Themas prägt sich tief ein. Dimitris Tiliakos als Rigoletto vermag die dynamischen Schattierungen mit seiner markanten Baritonstimme in bester Weise auszufüllen. Eine besondere Entdeckung ist ferner die hochbegabte österreichische Koloratursopranistin Beate Ritter als sensible und mit feinen Koloraturen ausgestattete Gilda. Pavel Valuzhin vermag dem Herzog mit beglückenden tenoralen Spitzentönen ein großes Format zu geben. Es ist vor allem ein mitreissendes Fest der Stimmen, das den Zuhörer hier erwartet.

Dass dieses Werk in erster Linie eine revolutionäre Oper ist, unterstreicht Giuliano Carella mit dem Staatsorchester feinnervig und packend. Cavatina, Cabaletta und Pezzo concertato betonen das statische Moment, in dem die Sänger in ihrem emotionalen Zustand verharren. Auch die Stretta am Ende der ersten Szene besitzt elektrisierende Kraft und lässt die Zeit niemals stillstehen. Rigolettos Cabaletta beim berührenden Abschied von der Tochter zeigt Dimitris Tiliakos‘ besonderes Vermögen, bis in die seelischen Tiefen dieser komplexen Rolle vorzudringen und deren gesanglichen Klangfarbenreichtum voll auszureizen. Beate Ritter gelingt es bei Gildas Arie „Caro nome“ vorzüglich, aufzuzeigen, wie sich ein junges Mädchen in träumerischen Betrachtungen über den Namen des Geliebten verliert. Aber auch die anderen Sängerinnen und Sänger tragen bei dieser Aufführung zum Gelingen bei. Maria Theresa Ullrich vermag es als Gildas Amme Giovanna ausgezeichnet, sich in das Leiden ihrer Herrin hineinzuversetzen. Aoife Gibney als Gräfin von Ceprano, Jasper Leever als Graf von Ceprano, Pawel Konik als Höfling Marullo, David Steffens als Graf von Monterone sowie Adam Palka als Auftragsmörder Sparafucile besitzen als Figuren allesamt starke Bühnenpräsenz und Charakterisierungsreichtum. Als Höfling Borsa fesselt ferner Kai Kluge. Philipp Nicklaus als markanter Page der Herzogin von Mantua, William David Halbert als Gerichtsdiener und Stine Marie Fischer als Sparafuciles Schwester Maddalena komplettieren diese exzellente Sängerriege, die mit den berückenden Klangzaubereien des Staatsorchesters Stuttgart ganz verschmilzt.

Die Herren des Staatsopernchores Stuttgart besitzen in der Einstudierung von Manuel Pujol nicht nur bei den Staccato-Attacken starke Präsenz. Anklänge an die Geistererscheinungen in Verdis Oper „Macbeth“ zeichnet Giuliano Carella mit dem Staatsorchester ebenfalls dezent und überaus durchsichtig nach. Da werden die letzten Geheimnisse dieser Partitur gelüftet. Die Szene des Balles beim Herzog mit der feinnervigen Überlagerung von Ballata, Menuett und Perigourdine durch die „Banda“-Musik glückt musikalisch ebenfalls vorbildlich. Der Sturm steigert sich hier immer weiter und erreicht seinen schockierenden Höhepunkt bei der Ermordung Gildas. Die knappen Orchesterfiguren geben bei Carella sehr deutlich das Thema vor. Das raffinierte Spiel der Klangfarben zwischen Des-Dur und As-Dur trifft den Nerv des Hörers. Dies zeigt sich ebenso bei der glutvollen Arie „Questa e quella“ des Herzogs. In Rigolettos Seele vollzieht sich Vernichtung und Erkenntnis, was Dimitris Tiliakos prägnant und brillant zugleich darstellt. Sein Aufschrei „Ah, der Fluch“ löst sich gespenstisch in einem harmonischen Halbschluss von es-Moll nach des-Moll auf. Wie Beate Ritter als Gilda Moll in Dur verwandelt, ist gesanglich ebenfalls überaus berührend. Das maskenhafte Moment der Figuren wird bei der Inszenierung allerdings nirgends überzeichnet. Die schwierige Beziehung Rigolettos zu seiner Umgebung bricht hier mit elementarer Urgewalt hervor, er führt sich mit rhythmischer Klarheit immer wieder selbst in die Gesellschaft ein. Die Celli umgarnen ihn und den Mörder mit bestechender Leuchtkraft. Zur stilvollen harmonischen Farbe hat Giuliano Carella eine besondere Beziehung. Dabei trägt er die Sänger bei ihren Kantilenen wie auf Händen. „Um gut zu schreiben, muss man gleichsam in einem Atemzug schreiben“, notierte Verdi einmal. Dies ist das Geheimnis einer guten Verdi-Interpretation. Sänger und Orchester bilden bei dieser Aufführung in diesem Sinne eine wunderbare Einheit.

Verdienter Jubel.  

Alexander Walther

 

 

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