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STUTTGART/Staatsoper: MEFISTOFELE. Premiere

Halluzination eines Psychopathen

17.06.2019 | Oper


Olga Busuioc (Margherita), Mika Kares (Mephisto) und Antonello Palombi (Faust) von links. Foto: Thomas Aurin

Stuttgart: „MEFISTOFELE“ 16.6. 2019 (Premiere) – Halluzination eines Psychopathen

Zwei Jahre nach der koproduzierenden Opéra de Lyon feierte nun Arrigo Boitos Bühnen-Hauptwerk seine Stuttgarter Premiere und füllte damit endlich eine Repertoire-Lücke des Hauses. Schon allein des herausragenden Chor-Parts wegen, der für den beständig Höchstleistungen erbringenden Staatsopernchor Stuttgart einen gebührend umfangreichen Einsatz mit sich bringt, hat sich diese Programmierung gelohnt. Ergänzt durch den Kinderchor der Staatsoper (Einstudierung: Bernhard Moncado), der in Prolog und Epilog die rhythmisch heiklen Aufgaben der Cherubim sicher bewältigte, sorgte das mehrfach ausgezeichnete vokale und von Manuel Pujol exzellent vorbereitete  Hauskollektiv mit von innen leuchtendem, immer auf den Punkt gebrachten Klang, Stimmfarbenreichtum und nicht zuletzt vielfachem Crescendieren vom  feinsten Piano bis zum in den Sitz bannenden strahlenden Forte für eine Gänsehaut nach der anderen. In spielerischer Hinsicht blieben die Anforderungen eher auf eine von hinten nach vorne schreitende, stehende oder hin- und hertändelnde Masse beschränkt, was aber auch dem Bühnenkonzept von Alfons Flores geschuldet ist, das durch eine riesige, mit Schreib-/Labortischen gefüllte Plattform und ein von oben herab gesenktes Eisengestänge mit seitlichen Treppen und einem mehrfach bedeutsamen Thronsitz nur wenig Spielfläche beließ, ohne jedoch die darstellerische Wirksamkeit wesentlich einzuschränken.

Lluc Castells hat die Chormasse als himmlische Heerscharen in weiß geflügelte Overalls gesteckt, dazwischen als Volk in eher austauschbaren Sonntags-Staat mit farbigen Versatzstücken für das Frühlingsfest, später die Damen für die klassische Walpurgisnacht in mondäne weiße Kleider mit Boas, dabei gehüllt in wechselnd pinkfarbenes und gelbes Licht. Auf den beidseitigen Treppen aufgestellt, in der Mitte Helena und Faust flankierend, hat das einen schon sehr zum Musical tendierenden Show-Charakter. Abgesehen von dieser weder dem Stoff noch der Musik entsprechenden optischen Entgleisung und den unerklärlich während des Vorspiels die Tische reinigenden Kräften in Schutzanzügen ist Alex Ollé eine stringente und schlüssige Inszenierung gelungen. Der Begründer der ehemaligen spanischen Krawall-Theatergruppe La Fura dels Baus stellt dabei die Titelfigur nicht als weltmännischen Herrn (wie es die Musik doch sehr nahelegt), sondern als halluzinierenden psychopathischen Laboranten vor, der sich mittels Bodenklappe in die Unterwelt unter der Plattform zurück zieht. Zuerst im gelben Schutzanzug, dann phasenweise in unauffällig dunkler Alltagskleidung oder im schwarzen Muskelshirt, erfordert dies vom Interpreten umso mehr Persönlichkeit und Gestaltungskraft, um die Macht des Bösen wirksam zu verbreiten. Mika Kares gelingt dies dank seiner großen Erscheinung, einer starken zu manipulieren wissenden Körpersprache und nicht zuletzt dank seines potenten Basses, der zwar weder in Tiefe noch in der Höhe besonders auffällt bzw. etwas begrenzt wirkt, aber durch eine imposant stabile und durchsetzungsfähige Mittellage und letztlich den Anforderungen genügendem Tonumfang immer wieder Höhepunkte setzt. Seine Waffe ist das Messer, mit der er sowohl einigen kindlichen Cherubim im Prolog als auch am Ende Faust den Garaus macht. Eine glitzernde, von oben herab schwebende Weltkugel verleiht ihm Kraft, sobald jedoch himmlische Stimmen erklingen, beginnt er sich zu krümmen und am Kopf zu fassen. So bricht er schließlich auch zusammen, wenn die Seele Fausts als gerettet verkündet wird.

Als dieser ist Antonello Palombi eine Woche vor der Premiere für den erkrankten Gianluca Terranova eingesprungen und meistert die sich mehrmals im Legato in die Höhe schraubende Partie trotz Nervosität dank sicheren technischen Rüstzeugs mit Anstand, d.h. ohne nennenswerte Schwierigkeiten, aber noch ohne den erwünschten Glanz. Das dürfte sich bei weiteren Vorstellungen noch einstellen, denn sein eher hell timbrierter, genau richtig an der Schwelle vom Belcanto-Stilisten zum Spinto-Fach angesiedelter Tenor lässt diesbezüglich noch mehr Potenzial erahnen. Im Spiel hat er sich in der Kürze der verbliebenen Probenzeit gut eingefügt, eine gewisse Profillosigkeit  geht eher auf das Konto der von Ollé  als blasser, in Liebesdingen etwas hilfloser Akademiker gezeichnete Figur.

Sehr stark seitens der Regie ist die Szene im Gefängnis, wo Margarete in ihrer Verwirrtheit lange Zeit Mephisto statt Faust ansingt, während letzterer hinter dem verschlossenen Gitter steht, und sie ein Stück ihres erhaltenen Essens wie ihr eigenes Kind in den Armen wiegt. Olga Busuioc verdichtet diese berührende Studie auch vokal mit ihrem flexibel zwischen feinen Trillern und breit aufschwingenden Ausbrüchen changierenden dunkel getönten Sopran, dessen leichtes Vibrato die Emotionalität der tragischen Frauenfigur noch unterstützt. Ihr Farbreichtum ermöglicht dann einen völlig veränderten Ausdruck für die Szene der Helena, die zunächst mit breiter Mittellage das Schicksal Trojas in Erinnerung ruft und dann in sanft schwingendem Belcanto-Gesang die Liebe zu Faust im Traum einer herrlichen Antike beschwört.


Ergreifende Schlußszene: der Staatsopernchor mit Mika Kares (Mephisto) links und Antonello Palombi (Faust) rechts. Foto: Thomas Aurin

Zuerst als Nachbarin Marthe, dann als Helenas Gefährtin Pantalis, lässt Fiorella Hincapié  mit Super-Figur einen feinen Mezzosopran vernehmen, ihr Opernstudio-Kollege Christopher Sokolowski passt mit seinem noch schmalen und braven, aber gut geführten Tenor genau für die Schüler-Rolle Wagners.

Am Pult hält Daniele Callegari alle Fäden dieses Weltendramas sicher zusammen und lässt das Staatsorchester Stuttgart ein ganzes Universum an Stimmungen mit all der von Boito geschaffenen Subtilität, aber auch instrumentalen Großzügigkeit Klang werden. Von ganz leise brummelnden Bässen, schmiegsam unterfütterten ariosen Abschnitten über rhythmisch raffinierten Akzenten bis zum mystischen Rausch des Prolog und Epilog beherrschenden bzw. krönenden Liebeshymnus steuert er das gewaltige Spektrum ohne überzogene Extreme und ohne Abdriften in die Beiläufigkeit. Eine nicht ganz optimale Transparenz in den Forte-Ballungen ist eventuell auch dem für große Besetzungen nicht optimal angelegten Orchestergraben des Hauses zuzuschreiben.

Einhelliger Jubel für das musikalische Personal, das Regieteam konnte sich aufgrund einer anderen Terminverpflichtung nicht dem Publikum stellen. Der Einschätzung nach wäre das Echo überwiegend positiv ausgefallen…..

                                                                                                          Udo Klebes

 

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