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STUTTGART/ Staatsoper: MEDEA von Luigi Cherubini

Dramen in der Küche

02.03.2019 | Oper


Harte Auseinandersetzung: Simone Schneider (Medea) und Matthias Klink (Jason). Foto: Martin Sigmund

Stuttgart: „MEDEA“ 27.2.2019 – Dramen in der Küche

In der letzten Spielzeit musste Simone Schneider auf ihr geplantes Titelrollendebut im Rahmen der Neuinszenierung von Luigi Cherubinis Oper aufgrund eines Bandscheibenvorfalls verzichten. Jetzt konnte sie es bei einer weiteren Aufführungsserie nachholen und erfreulicher- aber auch erwartungsweise andere Akzente als ihre eingesprungene Vorgängerin setzen. Die beständig ins jugendlich dramatische Fach hinein gewachsene Sopranistin mit Koloratur-Vergangenheit setzt auf eine überwiegend belcanteske musikalische Interpretation ohne Zuflucht zu veristisch überladenen Anleihen, wie sie durch die italienische Version ausgehend von Maria Callas nach dem Zweiten Weltkrieg Verbreitung gefunden hatte, aber auch nicht in der stilistisch schlanker gehaltenen französischen Original-Form. Ihr musikalischer Ansatz passt genau zu der von Bettina Bartz und Werner Hintze für diese Inszenierung erfolgten neuen deutschen Übersetzung, ergänzt durch eine neue Dialogeinrichtung von Regisseur Peter Konwitschny, ist ganz klar in der Artikulation und präzise in der Linienführung. Durch ihr leuchtendes Timbre schwingt ein Hauch gläserner Kälte, die den zwiespältigen Charakter der zwischen Liebe und unentwegtem Rachegedanken zerrissenen Medea genau trifft.


Belcanteske Eroberung:  Simone Schneider als Medea. Foto: Martin Sigmund

Auch als Schauspielerin ist sie weniger der eruptive Vulkan, mehr die besonnene, dabei aber doch die Spannung am Grat des sich Beherrschens spürbar machende Frau. Die Differenzierung zwischen den feiner gesponnenen Phrasen und den mitreißenden Ausbrüchen hält ihren Einsatz unter dauerhaftem Hochdruck.

Matthias Klink hat sich die Rolle des zwischen Medea und der korinthischen Königstochter Kreusa stehenden Jason wie alle seine bisherigen vielseitigen Charaktere mit konsequenter Identifikation erarbeitet. Bei seiner totalen Investition spielen geringfügig auftretende Probleme in der höchsten Lage wie an diesem Abend keine Rolle. Der kompromisslose Einsatz seines schwer definierbaren, Lyrik und Dramatik fließend, übergangslos einbeziehenden Charaktertenors überzeugt jenseits aller sonstigen musikalischen Einwände.

Der menschliche Aktivposten, das Herz der Inszenierung bildete wieder Helene Schneiderman als Dienerin Neris. Zumal in ihrer vom Solo-Fagott gestützten Arie mit reifem Druck und ihr Alter Lügen strafender klanglicher Mezzo-Frische bewegte sie zutiefst.

Shigeo Ishino stellte wieder den hier eitel und angeberisch gezeichneten König Kreon mit unerschütterlicher baritonaler Kraft, Josefin Feiler die von Unbehagen bezüglich Medea befallene, schließlich von deren vergiftetem Kleid getötete, musikalisch leider ihrer anspruchsvollen Arie beraubte Kreusa mit dramatisch profiliertem Sopran.

Aoife Gibney und Fiorella Hincapié waren wiederum die beiden schrill gezeichneten Brautjungfern, Lucas Reymann und Jakob Sökler vom Kinderchor bewährten sich tapfer als Medeas Söhne, auch in einer kurzen, ihnen ursprünglich gar nicht zugedachten Gesangsphrase. Der  Staatsopernchor Stuttgart (einstudiert von Manuel Pujol) brachte Gesang und Spiel als bunt aufgetakelte Hochzeitsgesellschaft ideal auf den Punkt.

Nach Oksana Lyniv bei „Pique Dame“ und Eun-Sun Kim bei „Madama Butterfly“ stand mit der erst knapp dreissigjährigen Marie Jacquot in kürzester Zeit erneut eine Dirigentin am Pult und hatte den Apparat des Staatsorchesters Stuttgart nicht nur bei den klar und vorwärtsdrängend formulierten Motiven sicher im Griff, auch die feinen Strukturen der Zwischentöne wusste sie mit den Musikern deutlich heraus zu arbeiten.

Konwitschnys Inszenierung hinterlässt zwar Fragezeichen in der Bühnenraum-Verortung von Johannes Leiacker in der königlichen Küche, die sich nach dem Hochziehen der Wände als Insel in einem Meer aus Müll entpuppt, für den auch die Geschenkverpackungen rücksichtslos entsorgende Gesellschaft verantwortlich ist, überzeugt indes in der handwerklichen Struktur und teilweise richtig fesselnden, zur Sache gehenden Personenregie.

Viele freie Plätze, dafür aber ein nachhaltig begeistertes Publikumsecho, wie es bei manch gefüllter Vorstellung nicht vorkommt.

Udo Klebes

 

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