Staatsoper Stuttgart
„MADAMA BUTTERFLY“ 14.12. 2025 (Wiederaufnahme) – so funktioniert Oper

Lucio Gallo (Sharpless) und Atalla Ayan (Pinkerton). Copyright: Martin Sigmund
Die Premiere liegt bald 20 Jahre zurück und ist noch in bester Erinnerung. Weil an diesem Abend im März 2006 eine Inszenierung geboren wurde, die auf vorbildliche Weise zeigt, mit wie wenig Aufwand, den wichtigsten, teils nur angedeuteten Requisiten und einer die musikalischen Orchesterstimmungen und Handlungsvorgänge wirkungsvoll aufgreifenden Licht-Gestaltung und Spiegeltechnik (Bühne: Karl Kneidl, Licht: Reinhard Traub) das Stück schlicht und konzentriert auf die Personen ergreifend erzählt werden kann. Dazu in einer Zeitlosigkeit mit japanischer Verortung in Gewändern und Frisuren (Kostüme: Silke Willrett), die sich bezahlt macht, und auch jetzt bei der vielfachen Neueinstudierung die Tragödie in ihrer ganzen Emotionalität direkt und nah an den Zuschauer heran holt.

Anna Princeva (Cho-Cho San). Copyright: Martin Sigmund
Speziell bei der Titelrolle kommt auch jetzt wieder der leicht tänzerische Stil der Regisseurin und Choreographin Monique Wagemakers zum Vorschein, um die sprunghaften Launen Cho-Cho Sans aufzufangen. Nun in Gestalt der am Haus debutierenden Anna Princeva, die mit durchweg klarer Tongebung, ausreichend metallischem Kern, nuanciertem Umgang mit den besonders vielen kurzen und kleinen Phrasen sowie einer leuchtenden Entfaltung in den Höhenausbrüchen alle Voraussetzungen für diese fordernde, lange Partie erfüllt. Nur in der Tiefe dürfte ihr heller Sopran noch etwas an Festigkeit gewinnen. Als Schauspielerin ist sie jederzeit präsent und von Anfang bis Ende locker und doch bestimmt auf den mal kindlich naiven, mal fraulich dominierenden Charakter konzentriert. Dazu hatte sie in GMD Cornelius Meister einen Dirigenten, der sie mit dem durchweg exzeptionell spielenden Staatsorchester Stuttgart optimal durch die Höhen und Tiefen der Partitur trug. Zum ersten Mal wurde diese Produktion musikalisch zur Chefsache gemacht. Und so war nur wenige Tage nach einem erfüllten Mozart (Don Giovanni) nun auch ein Puccini zu hören, der Sentiment nicht mit Sentimentalität verwechselt und bei aller Rücksichtnahme auf vokale Bedingungen auch die symphonischen Qualitäten der Musik zur Geltung kommen lässt.
Unter Meisters Leitung erzielten auch die weiteren Solisten optimale Leistungen. Atalla Ayan fügte seinem Repertoire eine weitere Rolle hinzu und hatte mit seiner feschen Erscheinung und dem strahlenden Schmelz seines immer noch mehr an Farben reifenden Tenors einen rundum gelungenen Einstand als Pinkerton, der sowohl die Abenteuerlust als auch die spätere reuevolle Verzweiflung in seinen Phrasierungen mitschwingen ließ. Fast genauso viel Begeisterung wurde Lucio Gallo für die persönlichkeitsstarke und baritonal großzügig ausgeschöpfte Charakterisierung des Konsuls Sharpless zuteil. Ein richtiger Grandseigneur mit bestechender Deklamation und enormer stimmlicher Projektionskraft.
Gleichfalls ein Debut feierte Ida Ränzlöv als Suzuki mit ihrem erdigen, durchsetzungsfähigen, in der Höhe aber auch fein schimmernden Mezzosopran, der zu Cho-Cho San im Blütenduett reizvoll kontrastierte. In der Darstellung kehrte sie auch die etwas herberen Aspekte der treuen Dienerin hervor. Reichlich Rollenerfahrung bringen Torsten Hofmann als schleicherischer und charaktertenoral optimaler Goro sowie David Steffens mit des Basses Gewalt in seinem wirkungsvollen Kurzauftritt als verfluchender Onkel Bonze mit. Als Kate Pinkerton erweckt Simone Jackel behutsam agierend und mit feinfühlig eingesetzter Stimme durchaus Sympathie, auch wenn sie die Vorgänge mit der Kamera begierig festhält. Den um Cho-Cho San unnachgiebig werbenden Fürsten Yamadori interpretierte erstmals Jacobo Ochoa aus dem Opernstudio mit bereits recht gut unterfüttertem Bariton. Sam Schweizer gestaltete das Kind so berührend wie es dessen Situation nahe legt. Der Staatsopernchor (Einstudierung: Manuel Pujol) erfüllte seinen Einsatz als Hochzeitsgesellschaft wie von ihm gewohnt engagiert und vokal ausgewogen.
Auch nach 92 Vorstellungen gehört diese Inszenierung hoffentlich noch lange nicht zur Ausmusterung.
Udo Klebes

