Staatsoper Stuttgart
„LUCIA DI LAMMERMOOR“ 3.10.2026 (Premiere) – viel Belcanto-Glanz in etwas überzogen naturalistischem Gewand

Johannes Kammler (Enrico) mit Adam Palka (Raimondo) und Staatsopernchor im 1.Akt. Foto: Martin Sigmund
In Zeiten klammer Kassen, zumal in Stuttgart, wo aufgrund massiv eingebrochener Gewerbesteuereinnahmen allein in der Kultur mehrere Millionen Euro eingespart werden müssen, werden Koproduktionen und Übernahmen von anderen Opernhäusern künftig öfter zum Programm gehören, ohne deshalb eine Premiere vor Ort einzusparen zu müssen. Und so begann die neue Saison mit dem Transfer einer bereits 2016 an der Royal Opera Covent Garden London entstandenen Inszenierung von Gaetano Donizettis tragischem, auf dem Roman „The bride of Lammermoor“ von Walter Scott fußenden Hauptwerk.Eine geheimnisvolle Schauergeschichte verfeindeter Familienclans im Schottland des 17.Jahrhunderts zu Zeiten Maria Stuarts, wie sie zur Blütezeit des Belcanto beliebt und gefragt waren. Im Stil einer naheliegenden Gothic Novel hat Katie Mitchell die Geschichte in der Epoche der Entstehungszeit der Oper angesiedelt, weil der politische Hintergrund um die erwähnte berühmte Königin keine wesentliche Rolle spielt. In detailgenauen Bühnenräumen und stimmigen Kostümmoden der Zeit von Vicki Mortimer, die dem von heutigen Regiemoden geprägten Auge fast schon „entfremdet“ sind, wird neben der eigentlichen Handlung eine Art Innenschau von Lucias Seelenzustand gezeigt, in der immer wieder die beweinte Mutter und der Geist der von einem Vorfahren ihres Geliebten Edgardo von Ravenswood getöteten Frau erscheinen. Das mag die Abgründe ihrer Situation offenbaren, doch nimmt es etwas von der phantastischen Beschwörung, die der musikalischen Expression der Sängerin überlassen sein sollte, und lenkt manchmal auch vom eigentlichen Geschehen ab. Außerdem engen die dadurch erforderlichen Nebenräume (ein Umkleidezimmer und ein Bad) vor allem die Chorszenen so ein, dass dieser eingezwängt im hinteren Bereich positioniert und in der Entfaltung eingeschränkt ist. Etwas weniger Requisiten hätten es auch getan, und eine Lucia, die sich in einem Anfall von Schwäche über einer Plumpsklo-Schüssel übergeben muss, den auferzwungenen Gatten Arturo Bucklaw auf offener Bühne mit Hilfe ihrer Vertrauten Alisa fesselt und ersticht und sich dann im eingelaufenen Badewannen-Wasser die Pulsadern öffnet, bedient etwas zu viel den Voyeurismus eines überstrapazierten Realitäts-Bestrebens. Aber keine Frage: die Inszenierung, stellvertretend einstudiert von Robin Tebbutt, erzählt wohltuend verständlich ganz am Textbuch von Salvatore Cammarano entlang,verzichtet auf widersinnige Aktionen, setzt Höhepunkte wie die auf einem Billardtisch absolvierte Wahnsinns-Szene wirkungsvoll ins Rampenlicht und wirft einen faszinierenden Blick auf eine von der Männerwelt bestimmte und eingeengte Frau, die sich durchaus selbstbewusst zur Wehr setzt und nicht bereit ist ihrem Bruder ein finanzielles Rettungs-Opfer zu bringen. Folgerichtig nimmt sich Edgardo nicht an der Grabstätte seiner Ahnen das Leben, sondern eilt zur toten Lucia ins Badezimmer, um dort auf die gleiche Weise in den Tod zu gehen.

Chelsea Lehnea (Lucia) und Laura Orueta im 2.Akt. Foto: Martin Sigmund
Einhergehend mit dem insgesamt hohen Schauwert bewegt sich die musikalische Wiedergabe, nicht nur mit der Erstbegegnung der beiden Hauptrollen-Vertreter, auf erstklassigem Niveau. Von Anfang an lässt die Amerikanerin Chelsea Lehnea mit einem mädchenhaft weichen Timbre, schwebend leichter Tongebung in den Lyrismen der Mittellage und einer sich schnell schlackenlos entfaltenden Höhe und Attacke im Spitzenbereich aufhorchen. Darstellerisch präsent in jedem Moment, bringt sie immer wieder ungeahnte Farben in der Phrasierung, auf sie zugeschnittene Acuti und Koloratur-Variationen samt Kadenz in der Wahnsinns-Szene zu Gehör und bestätigt damit wieder einmal das Faszinosum dieser so berühmt gewordenen Arie, deren Interpretations-Möglichkeiten so vielfältig und voller überraschender Nuancen sind, dass trotz bedeutender, ja Maßstäbe gesetzt habender Vorgängerinnen im Ohr, auch neue Varianten zu begeistern vermögen. Chelsea Lehnea tut es auf zudem mühelose Weise mit schier endlosem Atem für weit gebundene Phrasen und exorbitant lange gehaltene Abschluss-Spitzentöne.
Begeistern konnte auch der Retter der Premiere: Paul Lungu war zwar schon im letzten Probenstadium als Cover für den angeschlagenen Kai Kluge engagiert worden, mußte dann nach der vokal absolvierten Generalprobe doch in Personalunion den Edgardo übernehmen. Für den noch nie außerhalb seiner Heimat aufgetretenen Rumänen war es gemessen an seiner Leistung und seinem immensen Erfolg hoffentlich die Initialzündung für eine internationale Karriere. Der Anfang Dreissiger bedient mit seinem hellen, ganz offen und klar durchschlagend ansprechenden Tenor mit zunehmend entwickeltem italienischem Schmelz, dynamischem Einsatz und strahlender Durchsetzungskraft ideal die Voraussetzungen für den schon etwas heldischen Belcanto-Zuschnitt des Edgardo. Was ihm an spielerischem Impetus noch etwas fehlen mag, legt er vermehrt in die seelenvolle Phrasierung von Liebesbekundungen, aber auch seiner Wut über Lucias vermeintlichen Treuebruch und zuletzt seinen Schmerz über ihren Tod, in dessen dank guter technischer Stütze mit intensiver Aussagekraft erfüllter Abschiedsszene sich noch eine gewisse Träne in den Klangcharakter mischt.

Charles Sy (Arturo), Chelsea Lehnea (Lucia), Laura Orueta (Alisa) und Staatsopernchor in der Hochzeitsnacht. Foto: Martin Sigmund
Als Lucias Bruder Enrico Ashton gibt Johannes Kammler ein in allem gleichwertiges Debut, geprägt von kerniger baritonaler Fülle, ausgeglichener Stimmführung, markant ansprechender Höhe und nur manchmal noch etwas flach eingebundener Tiefe. Gepaart mit offensivem Auftreten und einer expressiven Verdeutlichung seines ruchlosen Racheplans an den feindlichen Ravenswoods, zu dem auch auch eine Intrige gehört, um Lucia Edgardo abspenstig zu machen.
So wie Adam Palka Raimondo, den Geistlichen und Berater der Ashtons als Respektsperson mit Würde und Mitgefühl verkörpert und ihm mit seinem rundum gesetzt ansprechenden Bass eine salbungsvolle Klanggestalt voller Wärme, aber auch unerschütterlicher Bestimmtheit gibt, darf diese Partie als vierte Hauptrolle gewertet werden. Seine Berichterstattung von den Vorgängen der Hochzeitsnacht ist von erschütternder Intensität. Dem getöteten Arturo verleiht Charles Sy mit seinem kultiviert gepflegt klingenden Tenor eher weichliche Züge, Alberto Robert wertet die Nebenrolle des letztlich zu Lucias Unglück durch Petzen ihrer heimlichen Treffen mit Edgardo mit seinem klangvoll hellen Qualitäts Tenor auf, Laura Orueta aus dem Opernstudio kann in der hier über weite Teile des Abends als Lucias Beistand anwesende Vertraute Alisa nebst eines nach größeren Aufgaben drängenden gehaltvollen Mezzosoprans auch eine gewisse darstellerische Präsenz beweisen.
Der wie schon erwähnt szenisch bedingt etwas unglücklich positionierte Staatsopernchor Stuttgart lässt es in der Einstudierung von Bernhard Moncado dennoch nicht am geforderten vokalen Zuschnitt und einer Feinabstimmung mit dem Dirigenten Andriy Yurkevych mangeln. Dieser setzt als ausgewiesener Belcanto-Experte auf eine angemessene, auskostende wie auch in den Strettas zündend vorwärts drängende Führung der Sänger und eine nur minimal nicht ganz funktionierende Koordination mit dem nur gelegentlich noch etwas zu wenig abgedämpften Staatsorchester Stuttgart. Im Übrigen macht dieses durch hingebungsvoll artikulierte Bläsersoli, einem leidvoll schwingenden Cellosolo bei Edgardos Sterbeszene und seitens der Harfe auf sich aufmerksam. Extra hervorgehoben werden muss der Glasharmonika-Spezialist Sascha Reckert für seinen magischen Zwiegespräch-Beitrag zu Lucias virtuos verziertem Wahnsinn, den – auch das betont die Inszenierung – nur ihr Umfeld als solchen wahrnimmt, während ihr Verhalten ein konsequenter Befreiungsakt aus ihrem „Gefängnis“ bedeutet, dessen Nachwirkung sie eine nach außen halluzinierend wirkende Klanggestalt verleiht.
Ein insgesamt inspirierend mitreißender, entsprechend euphorisch gefeierter Start, der auf einen weiteren solchen Verlauf der Spielzeit hoffen lässt.
Udo Klebes

