Staatsoper Stuttgart: Lucia di Lammermoor,von G.Donizetti, 3.10.2026, Premiere

Bei dieser 1.Spielzeitpremiere handelt es sich um eine Produktion der Opera Covent Garden London aus dem Jahr 2016, Regie von Katie Mitchell. Mitarbeiter der Regie war Robin Tebbutt,und er übernahm auch die szenische Einstudierung für Stuttgart. Für Bühne und Kostüme zeichnet Vicky Mortimer verantwortlich. Die musikalische Leitung hatte in der Stuttgarter Premiere Andriy Yurkevych inne.
Als besonders an dieser Inszenierung und verantwortlich für den großen Erfolg dieser ‚Lucia di Lammermoor‘ in Covent Garden erscheint, dass Lucia nicht nur als Frau des 16.Jahrhunderts und als in den Selbstmord getriebene Mörderin ihres aufgezwungenen Gatten erscheint, sondern eigentlich an einer Fehlgeburt zugrunde geht, deren Ergebnis man in der letzten Szene sieht: ihr Nachthemd ist vom Unterbauch bis zu den Beinen mit einem riesigen Blutfleck getränkt. Kein Zweifel, dass es die Todesursache ist, bei der die damalige Medizin nicht rettend eingreifen konnte. Dieses Ende ist insofern auch sehr überraschend, da man bei ihr vorher keinerlei dicken Bauch gesehen hatte, also anscheinend eine Kombination von Früh- und Fehlgeburt.
Dass diese Fehlgeburt ein historisches Faktum darstellen kann, wird auch besonders im Bühnenbild unterstrichen. Dieses stellt meist zwei Innenräume dar, die von einer Wand getrennt, durch eine Tür verbunden sind. Der rechte Raum beinhaltet öfter ein Bad mit einer von einer größeren Zinkbadewanne verstellten Toilette,aber mit einem oben aufgehängten für heutige Verhältnisse etwas kleinen Spülkasten, benfalls aus Zink. Hier könnte die Fehlgeburt sich abgespielt haben. Dagegen wir der vorherige Mord an dem aufgezwungenen Arturo in den Einzelheiten gezeigt: In dem linken Schlafzimmer mit Himmelbett,wird er in der Hochzeitsnacht von Lucia zuerst entkleidet und dann mit einem Dolch erstochen, während die Amme Alisa ihm ein Kissen auf den Kopf drückt. Der Leichnam erscheint später in weißem Behälter rechts auf dem Billardtisch der Ashtons in ihrem Herrschaftssaal .Oft könnte der linke Raum auch ein Gemäuer mit Brunnen und ganz an der Seite einer Wendeltreppe darstellen, wo sich zu Beginn der Chor der Siegesritter in Ravenswood präsentiert.
Eine zusätzliche Regiefinte ist wohl auch, dass der von Lucia totgewähnte Edgardo in Unterkleidern wieder erscheint, während er dann real während der Hochzeitszeremonie auftaucht und Lucia verflucht, später aber, von den Umständen belehrt, ihr verzeiht und seinen Selbstmord durch Aufschneiden der Pulsadern vollzieht.
Musikalisch ergibt sich eine recht kantige von vielfach stringenter Temponahme geprägte Aufführung, wobei sich das Orchester durchgehend spielfreudig und sehr geschlossen präsentiert. Bemerkenswert die sehr volltönige breitschwingende Harfe Frederike Wagners und natürlich die klangsensibel ausgelotete Glasharmonika von Sascha Reckert bei der Wahnsinnsarie. Mit bestem Gusto dirigiert Andriy Yurkevych, indem er oft ganz frühromantisch sinnfällig akzentuiert.
Die Chöre, einstudiert von Bernhard Moncado, zeigen sich äusserst reaktionsschnell disponiert bei auch subtil klanglicher Raffinesse. Gut ausgearbeitet auch die jeweiligen Choreinwürfe bei der Wahnsinnsarie der Lucia, die sie immer wieder auf das Affekt-a-Moll abbringen wollen, während Lucia immer weiter und weiter ins Es-dur vorstößt und auf triumphierend dreigestrichenem Es endet.
Alberto Robert gibt schneidig tenoral den Normanno der siegreichen Ashtons. Die immer schwarzgekleidete Alisa hat in Gestalt von Laura Orueta eigentlich fast nichts zu singen, tut sich aber als gewievte Aus- und Ankleiderin Lucias szenisch hervor. Den Erzieher Raimondo stellt das Bass-Schwergewicht der Stuttgarter Oper Adam Palka dar. Es ist einfach ein durchdringender balsamischer Bass, der Lucia aber nicht vor Ungemach zu bewahren versteht. Den Arturo gibt mit eher schmalen Tenor Charles Sy ,er hat aber auch kaum was zu singen. Der Enrico-Bruder ist als Johannes Kammler auch mal ein Bariton erster Güte, dem man die Niedertracht, mit der er Lucia verschachert, aber gar nicht anhört.
Edgardo ist als Einspringer Paul Lungu. Zwar von etwas gedrungener Gestalt und etwas kantiger Stimme, schwingt er sich doch zu einem Heldentenor auf, der das Haus unweigerlich füllen kann. Besonders die Arie „E sol in ciel precederti, la morte mi para“ hat es in sich und hier kommt seine von herbem Timbre durchsetzte Stimmgewalt bestens zum Ausdruck.
Chelsea Lehnea verkörpert die Titelfigur in unnachahmlicher Weise und geht in ihr auf. Kein hochdramatischer Sopran, singt sie immer perlend auf Koloraturlinie und bringt die Dramatik zwar nicht über körperbetontes Singen, aber aus einer gewissen Glut der musikalischen Einvernahme hervor.
Eindeutiger Jubel des ausverkauften Hauses am Ende auch für sie.
Friedeon Rosen

