Staatsoper Stuttgart „Liedkonzert MORITZ KALLENBERG“ 18.05.2026- Vertonungen schwäbischer Dichter

Rita Kaufmann, Moritz Kallenberg. Copyright: Staatsoper Stuttgart
Im Zeichen des recht umfangreichen Kreises schwäbischer Dichter stand dieser Abend in der Reihe gemeinsamer Veranstaltungen der Staatsoper und der Hugo Wolf-Gesellschaft. Wie deren Vorsitzende Dr. Cornelia Weidner vorab erläuterte, sind viele Gedichte erst durch diverse Vertonungen richtig bekannt geworden. Es dürfte auch kein Zufall sein, dass der Interpret dieses Abends auch aus Schwaben stammt und ihm das ausgesuchte Programm ein persönliches Anliegen ist.
Moritz Kallenberg kam über den Knabenchor mit viel geistlicher Musik und interessanterweise das Musical zur Oper und war nach dem Studium Mitglied des Stuttgarter Opernstudios ehe er zur Saison 2019/2020 ins Ensemble der Staatsoper übernommen wurde. Aufgrund seiner vokalen Bandbreite zwischen erweitertem lyrischem Terrain und Charakter-Fähigkeit konnte er sich bereits in einem vielseitigen Repertoire vom Barock bis zur Moderne präsentieren. In dieser Zeit hat sein Tenor an Kraft und Volumen sowie an Gestaltungs-Vermögen gewonnen, was sich auch jetzt im intimen Rahmen des Liederabends bei Ausreizung seiner dynamischen Möglichkeiten manifestierte.
In den eher selten zu hörenden zwölf Liedern Robert Schumanns op. 35 nach Texten von Justinus Kerner beweist er vor allem feine Empfindsamkeit, aber auch einen aufmunternd frischen Tonfall. Dabei handelt es sich um kleine unabhängige Episoden, die aber dennoch eine für Schumann ungewohnt lichtvoll optimistische Grundhaltung verbindet. Kallenbergs vokal sensible, nie ins Sentimentale abgleitende Interpretation ist geprägt von einer gut beherrschten Piano-Kultur mit weich ausschwingender Artikulation und einem aufblühend, nie unter Druck geratenen Höhenregister. Profitiert solche Romantik von seinem attraktiven jugendlichen Timbre, so kommt in den nachfolgenden „HÖLDERLIN-FRAGMENTEN“(op.61) von Benjamin Britten seine stilistische Gewandtheit zum Tragen, sind doch die 1958 in Deutsch komponierten, von Britten als sein bestes Vokalwerk bezeichneten sechs Stücke eine kontrapunktisch lineare Verdichtung aus den Wurzeln dessen Landsmanns Henry Purcell und Brittens ganz an der Sprache entlang gefärbter Gegenwarts-Kunst. Die vor allem von Natur- und Götter-Anrufungen bestimmten Texte gestaltet Kallenberg in einer Mischung aus Ernst und leicht ironischem Pathos, wobei er auch den Mut zu etwas grelleren Farbtönungen aufbringt.
Allein in den ausgewählten 6 der 53 Vertonungen von Texten Eduard Mörikes offenbart sich die Reichhaltigkeit von Hugo Wolfs kompositorischen Mitteln. Wobei die Spannbreite von stürmischer Emphase über drastische Harmonie-Trübungen bis zu spöttischer Schärfe reicht. So reizt Kallenberg z.B. in „Der Tambour“ die rhythmische Raffinesse aus, in“Der Feuerreiter“ die vorwärts drängende Drastik der brennenden Mühle und im abschließenden „Der Abschied“ den mit einer derben Walzer-Anwandlung geschilderten polternden Hinauswurf eines ungebetenen Gastes. In diesem spätromantische Tore schon recht weit öffnenden Rahmen lässt sein Tenor in großen Steigerungen bereits Möglichkeiten fürs dramatischere Fach erkennen. Dass hier die Stimme, von Rita Kaufmanns impulsivem Einsatz am Flügel momentweise fast bedrängt und überlagert wird, mag auch der nicht optimalen Akustik des feierlichen großen Foyers der Staatsoper geschuldet sein. Die frühere Stuttgarter und jetzige stellvertretende Studienleiterin der Wiener Staatsoper beweist als Pianistin ihre hohe Kompetenz zwischen zurückhaltend, unterordnender Begleitung bei Schumann und viel eigenständiger Gestaltung bei Britten und Wolf.
Für den begeisterten Applaus bedankten sich die beiden Künstler mit einer weiteren Schöpfung eines schwäbischen Dichters, Christian Daniel Schubarts „FORELLE“, die allerdings erst durch Franz Schuberts musikalisch flüssig perlende Veredelung berühmt wurde.
Udo Klebes

