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STUTTGART/ Staatsoper: L’ELISIR D’AMORE. Premiere. Liebesleid- und freud im Gewächshaus

01.11.2022 | Oper international

Staatsoper Stuttgart

„L’ELISIR D’AMORE“ 30.10. 2022 (Premiere) – Liebesleid- und freud im Gewächshaus

l'elisir d'amore kluge 30.10.22
Kai Kluge (Nemorino) bei „Una furtiva lagrima“. Foto: Martin Sigmund

Die heute nachgewiesene sinnliche Wahrnehmungsfähigkeit von Pflanzen als Metapher für eine durch Zauber und Wunder erblühende Liebe – ist das vorstellbar? Oder in diesem Fall besser gefragt: taugt es für eine szenische Umsetzung von Donizettis 1830 uraufgeführtem und den Geist dieser Zeit atmenden Melodramma?

In gewisser Weise lässt sich das Konzept von Anika Rutkofsky nachvollziehen: statt idyllischem Landleben sehen wir eines der Gewächshäuser, wie sie heute siedlungsartig Flächen in Spanien bedecken und auf dem Zwischenvorhang zu sehen sind; darin statt Natur eine Zuchtstation von Pflanzen, die von den Arbeitern in blassfarben bunten (rosa, mattgelb und blaugrau) Overalls (Kostüme: Adrian Stapf), darunter auch Nemorino, gepflegt und bearbeitet werden. Adina ist Leiterin dieses Labor artigen Betriebs, der streng kontrolliert und auf Ertrag geführt ist wie ihre Einstellung zur Liebe. Statt warmem Sonnenlicht grelle Neonröhren-Beleuchtung – eine gewöhnungsbedürftige Komponente, weil sie auch so gar nicht zur frisch natürlichen musikalischen Atmosphäre der Musik passen mag. Doch ab dem Einbrechen des hier als Weltenbummler mit charismatischen und spirituellen Fähigkeiten gezeichneten Dulcamara in diese geschlossene Arbeitswelt vollzieht sich eine Verwandlung. Sowohl in den bis dahin synchronen Mechanismen des Chores als auch im schließlich mehr und mehr ergrünenden Gewächshaus, das von einer stegartigen über eine Wendeltreppe erreichbaren Galerie überspannt ist (Bühne: Uta Gruber-Ballehr). Nach der Kunde von Nemorinos reichem Erbe erscheinen die sich um ihn scharenden Frauen in unterschiedlichen Gewandungen, die ihren Traum und ihre romantischen Vorstellungen eines traditionelleren Lebens auf dem Lande abbilden. Eine spezielle Blume erblüht zu Nemorinos berühmter „heimlicher Träne“, die er in den Augen seiner angebeteten Adina wahrgenommen haben will. Einer der Momente, wo die anfangs genannte Metapher aufgeht und ein passendes Sinnbild ergibt. Der große Pluspunkt der Regisseurin ist ihre Fähigkeit die Charaktere stimmig und überzeugend geformt und sie bis in die einzelnen Chormitglieder hinein individuell geführt und den Gestus der Musik aufgegriffen zu haben. Dadurch hat sie die Grundlage für einen verständlichen Ablauf der Handlung gelegt und der Komödie bei allen melodramatischen Elementen zu ihrem Recht verholfen. Die Situationskomik kann sich mit Zunahme der Aufführung mehr entfalten, ohne ins Blödeln oder in zu großen Ernst zu flüchten. Das Happy End darf dankenswerterweise stattfinden, auch wenn letztlich offen bleibt, ob das sich auf die Galerie zurückziehende Liebespaar wirklich dauerhaft glücklich ist und warum sich die Arbeiter auf Dulcamara werfen. Hat er, den sie mehr und mehr wie als Guru anbeten, ihr strukturiertes Leben doch zu sehr durcheinander gebracht?

Letztlich hätten die erwähnte spielerische Kraft und das munter agierende Bühnenpersonal keines bemühten experimentellen Überbaus bedurft – doch die Rolle des Regisseurs als getreu dienender Erzähler ist ja schon lange verpönt.

l'elisir d'amore muschio, mastrototaro 30.10.22
Claudia Muschio (Adina) und Giulio Mastrototaro (Dulcamara) – zwei starke Antipoden. Foto: Martin Sigmund

Bei der letzten, fast 40 Jahre zurück liegenden Inszenierung wurde noch auf große Sängernamen wie Lucia Aliberti, Luis Lima und Bernd Weikl gesetzt, jetzt wurde das Feld mit einer Ausnahme Nachwuchs-Solisten im Ensemble überlassen. Was erstens gut passt und zweitens doppelt glücklich wiegt, wenn ein hauseigenes Ensemble auf so hohem Niveau zur Verfügung steht. Allen voran ein Nemorino, wie er im Buche steht: Kai Kluge, einst aus den Aurelius Sängerknaben in Calw hervor gegangen, beschreitet mit dem Nemorino eine weitere Stufe auf dem Weg zu einem jetzt schon hörbar heldischere/Spinto-Züge durchklingen lassenden Tenor fürs erste Fach. Attraktiv im hellen Timbre bis ins klare weite Höhenregister, mit guter italienischer Gesangskultur, frisch und gefühlvoll im Vortrag, sein Leiden und spätere Freude mit Herz und der bisweilen die Tiefe einer tragischen Belcanto-Figur erfüllenden Emotionalität. Dazu von einer passend unbeholfenen, etwas tolpatschigen Haltung und einer liebenswerten Unbekümmertheit. Die berühmte Romanze hat er sich mit einer ungewohnt anderen Kadenz am Ende zugeschnitten. Claudia Muschio (wie Kluge aus dem Opernstudio übernommen) entspricht den Anforderungen an eine Adina mit stets gut kontrolliertem, in allen Lagen gut ansprechendem Sopran. Die perlend leicht servierten und zuletzt bei ihrem Geständnis in immer weitere Höhen führenden Koloraturen spiegeln ihre zunehmenden Gefühlsverwirrungen wider. Mit dunkler Pony-Frisur und einer manchmal aufgesetzten Brille wird ihre geistige Überlegenheit betont.  

Björn Bürger ist in großer schlanker Erscheinung, männlich gockelhaftem Gehabe und einem rund und wohl tönenden Bariton, der in Phrasierung und auftrumpfender Höhen-Beweglichkeit markige Akzente setzt, der perfekte Gegenspieler Belcore. Großspurig im Auftreten und mit immer wieder durchblitzendem Schalk vereinnahmt Giulio Mastrototaro als Dulcamara die Bühne. Ein Scharlatan, der die Naivität der auf ihn eingehenden Arbeiter auskostet, den von Nemorino erbetenen Liebestrank Isoldes vor seinen Augen und im zweiten Akt auch für Adina einen braut. Unterstützt wird all dies von einem füllig prononcierten Bassbariton, kernig und stramm in Tiefe und Höhe, flüssig im Parlando seiner Wort-Kaskaden.

Laia Vallés gibt die hier als Adinas jüngere Schwester verstandene Gianetta mit lebhaftem Gestus in Spiel und leichtem lyrischem Sopran.

Den Staatsopernchor haben Manuel Pujol und Bernhard Moncado vortrefflich auf ihre doch auch stücktragende Aufgabe und ihre einzeln hervor stechenden Typen schlank in der Intonation und strahlend im Zusammenwirken vorbereitet.

Unter der Leitung des noch jungen, am Haus debutierenden Michele Spotti kam dieser Liebestrank auch orchestral zu seinem vollen Recht zwischen Lustspielton und romantisch lyrischer Note mit melodramatischen Zügen (so ja auch die Bezeichnung des Werkes), in dem er das auf Feinheiten genau präparierte Staatsorchester Stuttgart etwas höher platzieren ließ als gewöhnlich und so vor allem die zahlreichen eingestreuten Bläser-Soli bestens zur Geltung gebracht und auch die Transparenz des Orchestersatzes gefördert wurde. Ungekürzt mit allen Wiederholungsvarianten wurde hier das Elixier sozusagen voll ausgekostet.

Die Stimmung auf der Bühne schwappte bald aufs Publikum über und entfachte ungetrübte Begeisterung, in die auch das Regieteam trotz der erwähnten Einschränkungen einbezogen wurde. Ein dauerhafterer Bestand im Repertoire dürfte dieser Produktion gesichert sein.

 

                                                                                                                       Udo Klebes

 

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