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STUTTGART/Staatsoper: LA TRAVIATA – Mittlerweile fast klassisch

28.09.2019 | Oper


Elena Tsallagova, Pavel Valuzhin. Foto: Martin Sigmund

Stuttgart: „LA TRAVIATA“ 27.9.2019 – Mittlerweile fast klassisch

Zu Premierenzeiten 1993 aufgrund ihrer Schwarz-Weiß-Strenge und ihres intellektuellen Anstrichs heftig umstritten, erscheint Ruth Berghaus Inszenierung heute in ihrer stringenten Erzählkraft und Entlarvung einer lieblos mechanischen Halbwelt-Gesellschaft als fast schon klassisches Modell. Erich Wonders Bühnenräume und Marie Luise Strandts Kostüme bilden eine geschlossene Atmosphäre.

Bei der jetzigen Neueinstudierung lagen sämtliche Rollen in neuen Händen, dennoch folgte die Personenregie unter Einbringung neuer Nuancen dem ursprünglichen Konzept bis hinein in die Bewegungsmuster des Chores. Die Damen und Herren des Staatsopernchores Stuttgart  (Einstudierung: Manuel Pujol) machten gerade auch in einer so auf musikalische Genauigkeit abgestimmten Aufgabe wie hier hör- und sichtbar, warum sie ein so vielfach ausgezeichnetes Kollektiv sind. Vokal immer voll auf dem Posten und geprägt durch eine darstellerische Lust an schauspielerischer Kunst.

Elena Tsallagova stand als Violetta nicht nur handlungsgemäß im Mittelpunkt, sie war es auch in ihrer selten so vollkommen alle geforderten stimmlichen Parameter vereinenden musikalischen Bewältigung, die sich wiederum mit einer zunehmend tief berührenden, nie ins Pathetische fallenden Ausdruckskraft deckte. Ihr weich fließender, apart timbrierter Sopran hat Geläufigkeit in den Koloraturen, Tragkraft in mittlerer und tiefer Lage, die Fähigkeit zum Abschwellen zwischen Innigkeit und Emphase sowie eine jederzeit zuverlässig abrufbare frei schwingende Höhe bis hin zum bravourös gelungenen Abschluss ihrer großen Arie. Wie aus dem Nichts leicht und schwebend angesetzte Töne, eine seelenvolle Linienführung und eine ohne Affekte auskommende szenische Interpretation sind die weiteren Zutaten einer zuletzt stürmisch gefeierten Leistung.


Elena Tsallagova, Pavel Valuzhin. Foto: Martin Sigmund

Mit diesem Zentrum hatten es die beiden männlichen Hauptrollenvertreter schwer mitzuhalten. Pavel Valuzhin, dem in italienischer Klang-Manier ausgebildeten Russen mit schön kultiviertem Tenor gelang es mit hinreichend dynamischer Phrasierung und meist strahlender Höhe trotz etwas linkischer und zurück haltender Spiel-Gabe die emotionalen Wallungen Alfredos verständlich zu vermitteln. Das gewisse Charisma eines ins Gefühlschaos gestürzten Liebhabers fehlt ihm leider, so dass letztendlich ein etwas unverbindlicher Gesamteindruck entsteht.

Bei Luis Cansinos Vater Germont enttäuschte ein spröder und in der Höhe zwar gut verankerter, aber grober Bariton. Mangelnde Flexibilität zwischen den Lagen ermöglichte ihm leider keine flüssige Stimmführung, immerhin konnte er mit seiner etwas fülligen Erscheinung einen potenten Familienvater mit einem spürbaren Standesbewusstsein auf die Bühne stellen.

Bei den Nebenrollen ragten Ida Ränzlövs klarer Mezzo und Elmar Gilbertsons Gaston mit prononciert charakteristischem Tenor hervor. Jasper Leevers Dottore Grenvil ist ein Baß-Versprechen für die Zukunft. Unauffälliger blieben Andrew Bogard als Marchese sowie die beiden Opernstudio-Mitglieder Alexandra Urquiola als Annina und Elliott Carlton Hines als persönlichkeits-schwacher und stimmlich wenig gefestigter Baron Douphol.

Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart stand erstmals Friedrich Haider und erzeugte ein warmes, bei den Tutti-Stellen nie in metallisches Dröhnen und Schärfen ausartendes Klangbild, das Verdis Sanglichkeit eine optimale Grundlage bietet. Die Sänger wurden nie zugedeckt, konnten sich optimal behaupten und somit einem unforcierten Belcanto Rechnung tragen. An Details wurde hörbar gearbeitet, nur die Formung der Aktschlüsse hätte etwas mehr Stringenz vertragen. Die gut mitziehenden Musiker wurden in die finale Begeisterung für diese 108. Vorstellung mit einbezogen.

 Udo Klebes     

 

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