Staatsoper Stuttgart: „LA FEST“ eine barocke Feier des Lebens 23.12.2023 (Pr.3.12.2023) – mit inszenierter Einführung

Die alte Dame (Diana Haller). Foto: Matthias Baus
Luftballons in Weiß, Silber und Schwarz an den Treppenaufgängen, eine festlich gedeckte Tafel in der Mitte des ebenso feierlichen 1.Rang Foyers, eine über den zugedeckten Orchestergraben bis zur ersten Sitzreihe erweiterte Bühne, das Orchester auf einem erhöhten Showpodest im hinteren Bereich oder als kleine Continuo-Gruppe in die Mitte gefahren, ein zum Torbogen geformter dünner Schnür-Vorhang, ein Boden mit Schachbrett-Muster und der über dem Portal leuchtende Titel des Abends (Bühneneinrichtung: Susanne Gschwender) – das sind die wesentlichen Merkmale dieses speziellen Projekts, mit dem Stuttgarts emsiger Kopf des Tanzensembles Gauthier Dance und vormaliger Solist des Stuttgarter Balletts Eric Gauthier sein Debut als Opernregisseur feierte. Wer diesen stets auch lockeren und gut gelaunt moderierenden Künstler kennt, wusste, dass für gute Unterhaltung gesorgt ist und so manche altvertrauten Konventionen über Bord geworfen werden. Manche Uneingeweihte mögen vielleicht zuerst etwas die Nase rümpfen, aber mit Zunahme der Aufführung an ihrer nie die Spannung verlierenden Abwechslung zwischen tieferem Gedankenspiel und reinem Amusement Gefallen finden.
Ausgangspunkt der Idee für diese Produktion bildete die Terminierung der Vorstellungen rund um Weihnachten, Zeit des Festens und Feierns. Und da Gauthier sich für dafür begeistert und selbst nur Zeit findet in seine Heimat Kanada zurück zu kehren, wenn es einen solchen Anlass dafür gibt, war das Motto des Projektes klar. Auf vielfältige Weise kann gefeiert werden, auch in der Rückblende von Erinnerungen im Alter. Doch ehe die eigentliche Rahmenhandlung beginnt, nutzt der Regisseur den ersten etwa einstündigen Teil um das Publikum in sein Vorhaben einzuführen, Erklärungen zu geben, die Beteiligten vorzustellen, kurz zu interviewen und auch bereits kleine Kostproben von sich zu geben. Dazwischen wird das Publikum miteinbezogen und in Stimmung gebracht, bevor dann nach der Pause das eigentliche Fest beginnt.
An dieser Stelle muss noch das musikalische Konzept erläutert werden. Statt einer ganzen bestehenden Oper, bei der er sich (O-Ton Gauthier) mit einem womöglich erfahrenen und erfolgreichen Vorgänger hätte messen müssen, beschloss er vom Dirigenten und den Sängern ein Pasticcio aus Instrumentalstücken, Arien und Chorsätzen zusammen stellen zu lassen, das sie gerne mal interpretieren wollten, dazu aber sonst kaum eine Gelegenheit haben. Dies wiederum führte erstens zu einer Ausrichtung auf Musik aus der Barockzeit mit einer großen Spanne zwischen 1600 und 1750, in der Gauthier häufig eine stete Nähe zu tänzerischer Bewegung spürt, und zweitens eben zu einer Auswahl aus 31 hauptsächlich unbekannteren Werken vieler Größen dieser Zeit von John Dowland über Nicola Porpora, Reinhard Keiser, Riccardo Broschi, André Campra bis zu den Größen Bach, Händel, Telemann, Purcell, Cavalli, Vivaldi, Lully und Rameau. Eine wahre Fundgrube an seltenen Opern und geistlichen Schöpfungen.
Am Beginn der Handlung sitzt eine alte vornehm gekleidete Dame in einem Rollstuhl und lässt die Feste ihres Lebens Revue passieren, bis hin zu ihrer Kommunion, wo sie sich selbst als Kind (Clara Schwind mit kleinen tänzerischen Ansätzen) gegenübertritt. Der immer wieder als Festgesellschaft involvierte Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Manuel Pujol) betätigt sich dabei auch als schneller Auf- und Abbautrupp gedeckter Tische und macht in erster Linie wieder als so exakt wie klargliedrig, frisch und dynamisch abgestimmte Sängerschar auf sich aufmerksam. Dass sich in die diversen Festformen auch weniger ausgelassene und zum Teil nachdenklich melancholische Töne mischen, dafür sorgt eben auch die musikalische Auswahl. Was wiederum auch die notwendigen Kontraste garantiert, um das Feiern in ausgelassenem Dauerzustand zu vermeiden. So finden sich darunter Szenen mit zeitvertreibenden Gesellschaftsspielen, bei denen auch acht Tänzer, z.T. aus Gauthiers Tanzensemble, mal klassisch, mal moderner mitmischen und manchmal auch die Sänger darin zu einfacheren Formen einbeziehen. Ein gelungenes Beispiel für zielführendes spartenübergreifendes Wirken, zu der letztlich auch die dramaturgische Unterstützung von Carmen Kovacs und Miron Hakenbeck beigetragen hat.
Wer hätte gedacht, dass Breakdance und barocke Töne zusammen passen? Auch das beweist dieser Abend, und so kann sich Louis Buß, der derzeit führende deutsche Vertreter dieser Tanzform, mit teils atemberaubend schnellen Aktionen gegenüber den anderen (Aycan Ersal, Rosalia Pace, Sidney Elizabeth Turtschi, Chiara Viscido, Matthias Kass, Alessio Marchini und Jonathan Alexander Reimann) hervorstechend ins Rampenlicht setzen.

Diana Haller als junge Frau (mit Ensemble). Foto: Matthias Baus
An der Spitze der Sängerriege steht Diana Haller in einer weiteren Paraderolle als alte und in den Rückblenden wieder junge Frau. An dieser Stelle ein besonderes Lob an die Maske sowie an die Kostümbildnerin Gudrun Schretzmeier für die stilistisch allerlei Zeitepochen mischende Einkleidung der Akteure. Bezwingend die Verwandlung der Protagonistin auch dank der schauspielerischen Präsenz Hallers und natürlich ganz besonders mit dem gewaltigen vokalen Register der Mezzosopranistin. Der Radius reicht hier von einer rasend schnellen Bravourarie aus Broschis „Artaserse“ bis hin zum finalen, rhythmisch stockenden Alto giove aus Porporas „Polifemo“ (um wenigstens zwei Nummern konkret zu erwähnen), von aberwitzigen Koloraturgirlanden mit attackierenden Tonsprüngen bis hin zu endlos scheinenden Bögen, die sie mit feinster Mezzavoce bis ins Pianissimo spinnt. Gepaart mit ihrer musikalischen Einfühlsamkeit ergibt das jene Momente, wo die Zeit stille zu stehen scheint.
Noch mehr als mit ihrer Adina in „L’Elisir d’amore“ vermochte es Claudia Muschio hier die Vorzüge ihres reizvoll, bei zunehmender Kraft leicht herb timbrierten Soprans zu präsentieren und mit phasenweisem Furor sowie üppigen Farben zu glänzen, die bereits jetzt übers rein lyrische Fach hinausweisen. Auf ihre „Sonnambula“ am Ende der Saison dürfen wir gespannt sein. Kaum weniger zu begeistern vermochte die mit etwas lieblicherem und im Tonansatz klareren Sopran sowie viel Spielfreude ausgestattete Natasha Te Rupe Wilson. Nicht ganz so glanzvoll die Herren: am meisten der 24 Jahre junge Mexikaner Alberto Robert aus dem Opernstudio mit einem attraktiv gefärbten, bis in die Höhen unvermindert gut gestützten und feinen Tenor. Etwas weniger der Countertenor Yuriy Mynenko, dessen en gros tadellos geführte Stimme nicht durchgängig sauber und von gleichmäßiger Qualität vernehmbar ist. Bei dem aus Guatemala stammenden Franzosen Yannis Francois machte sich der ehemalige Tänzer vorteilhafter bemerkbar als sein manchmal flacher, im Timbre blasser und im Volumen etwas begrenzter Bariton.

Das Fest: Foto: Matthias Baus
Ein Großteil der Vorarbeit geht auf das Konto des australischen Dirigenten Benjamin Bayl, der wie schon kurz erwähnt für die musikalische Struktur und das Arrangement der teilweise nicht in allen Stimmen ausnotierten Kompositionen verantwortlich zeichnet. Wechselnd zwischen Continuo und voller Besetzung des vital mitziehenden Staatsorchesters Stuttgart zuzüglich einiger Gastmusiker für die Spezial-Instrumente, die im Barockzeitalter die höfische Festlichkeit mit Pauken und Trompeten unterstrich, sorgte er für einen absolut reibungslosen Ablauf des sozusagen hinter seinem Rücken stattfindenden Geschehens und für ein dialogisches Miteinander und auf Aufeinander hören, speziell auch mit den Vokalisten.
Mit diesem ungewöhnlichen Opernerstling hat Gauthier nicht nur vielfach überzeugt und Begeisterung ausgelöst, vielmehr dürfte er damit ein mit der Materie noch nicht vertrautes, neues Publikum anziehen, so wie er es auch mit seinem Tanzensemble geschafft hat, neue Bevölkerungsschichten zu gewinnen und heran zu ziehen.
Bei allem Verständnis, dass Disco Musik für viele (jüngere) Menschen eine Form des Feierns bildet – das Einsetzen des DJs zur Verlängerung des Abends nach dem Schlußapplaus noch während des Verlassens des Zuschauerraums machte die nachwirkend tiefe Berührung des leisen Finalausklangs durch wummernde Bässe in Einheitslautstärke mit einem Schlag kaputt. So viel Holzhammer darf nicht sein – das sei Eric Gauthier mit auf seinen weiteren Weg als Opernregisseur gegeben.
Udo Klebes

