Staatsoper Stuttgart
„LA CENERENTOLA“ 9.5. 2026- Gelungene Titelrollen-Ablösung

Erste Begegnung: Itezli del Rosario (Angelina) und Alberto Robert (Don Ramiro). Foto: Martin Sigmund
Nach mehr als fünfzig Vorstellungen hat KS Diana Haller die Angelina in der 2013 von ihr aus der Taufe gehobenen Produktion an eine jüngere Kollegin abgegeben, die genau wie einst sie aus dem Opernstudio ins Ensemble übernommen wurde. Itzeli del Rosario ist bereits in mehreren mittelgroßen Partien äußerst positiv aufgefallen. Jetzt kam sie – wie nach dieser rundum gelungenen Vorstellung der Wiederaufnahme-Serie gesagt werden darf – zu berechtigten Ehren einer Hauptpartie. Das Aschenputtel ist per se schon eine Sympathieträgerin. Wenn sie dann in Spiel und Stimme mit soviel Herz und Seele zum Leben erweckt wird, kennt die Begeisterung wie an diesem Abend keine Grenzen. Einen mehrfachen Jubelsturm hatte sich die Mexikanerin vollauf verdient für eine natürlich bleibende Darstellung, die sich von Ergebenheit peu à peu in eine selbstbewußte Haltung wandelt. Akustisch adelt sie ihren Aufstieg ins Glück durch einen changierend hell-dunkel timbrierten Mezzosopran, der durch alle Lagen geschmeidig phrasiert wird sowie eine drucklose klare Tiefe und eine präsente Mittellage, die sie mit einer blitzend leichten Höhe bruchlos verbindet. Die im Überschwang ihres Glücks geschmackvoll perlenden Koloraturen runden ihre wohltuend ohne überkandidelte Stimm-Akrobatik auskommende Interpretation ab.
Der zweite Publikums-Favorit ist ihr Landsmann und ebenfalls Opernstudio-Abkömmling Alberto Robert, der sich mit seinem inzwischen deutlich an Volumen und Projektionskraft gewonnenen Tenor durch eine bis in die stratosphärische Spitze reichende lockere Höhenentfaltung, lyrisch weichen Tonansatz sowie zunächst drollig vorsichtiges und mit der Klarstellung seiner Identität entschieden autoritäres Spiel behauptet.
Neu dazugekommen ist Alessio Arduini, der den Diener Dandini in Prinzen-Livree mit süffisanten Macho-Anleihen, feiner vis comica sowie einem leicht dunkel grundierten, bis in die Koloratur-Kaskaden beweglich geformten Bariton voll auskostet. Das tut Giulio Mastrototaro als Don Magnifico mit seiner Buffo-Erfahrung auch, doch bleibt sein etwas starrer Bariton in der Dynamik diesmal flach und in der Setzung der Pointen vor allem anfangs oberflächlich ehe er als kleinmütig Beigebender ernsthafte Größe bekommt.

Großer Auftritt: Itzeli del Rosario mit Ensemble und Chor im Finale 1.Akt. Copyright: Martin Sigmund
Jasper Leever gewinnt als Angelinas Glück lenkender Alidoro sowohl mit herzlich zugeneigtem Charakter als auch mit seinem mehr in der Höhe als in der Tiefe bemerkenswerte Ressourcen hörbar machenden Bass viele Sympathien, und vermag eine am Schluss seiner repräsentativen Arie auftretende Kurzatmigkeit als Zeichen der Gerührtheit von del Rosarios inniglicher Reaktion gekonnt zu kaschieren.
Catriona Smith (Clorinda) und Maria Theresa Ullrich (Tisbe) sind die in ihrer köstlich ausgelebten Zickigkeit jung gebliebenen Stiefschwestern, die sie mit viel vokalem Biss untermauern.
Was die zwölf Herren des Staatsopernchors Stuttgart,einstudiert von Bernhard Moncado, als Aufsichtsrat des Prinzen an Typen-Detailliertheit ausspielen und mit vollem rundem Ton von sich geben, ist allein einen Aufführungs-Besuch wert. Der Besuch im Weinkeller hat jedoch weitgehende Folgen, die in ein leider unnötig zugespitztes Slapstick im Finale des ersten Aktes ausarten. Doch diese manchmal übers Ziel hinaus schießenden Einfälle der Regisseurin Andrea Moses müssen im Rahmen ihrer ansonsten sehr zugkräftigen und höchst vergnüglich unterhaltsamen Inszenierung im Bühnenbild von Susanne Gschwender und in den Kostümen von Werner Pick in Kauf genommen werden.
Mit dem langjährig geschätzten Korrepetitor Vlad Iftinca hat die Staatsoper einen Dirigenten, der das italienische Repertoire bestens bedient und angesichts der bevorstehenden Sparzwänge das Engagement teurer Gast-Dirigenten hinfällig macht. Der Rumäne ist ein Anwalt der Sänger wie gleichermaßen auch des Staatsorchesters Stuttgart, indem er alle Beteiligten durch Rossinis virtuose und akzent-freudige Partitur aufmerksamst steuert, mitatmet und hinreißend kulminierende Ensemble-Wirkungen als Höhepunkte erzielt.
Udo Klebes

