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STUTTGART/ Staatsoper: LA BOHÈME – mit herausragendem Einspringer

12.04.2019 | Oper

Bildergebnis für jarrett ott
Jarrett Ott. Copyright: Staatsoper Stuttgart

Stuttgart: „LA BOHÈME“ 11.4. 2014– mit herausragendem Einspringer

Vor der Vorstellung wurde Ensemblemitglied Jarrett Ott als kurzfristiger Einspringer für seinen erkrankten Kollegen Johannes Kammler in der Rolle des Marcello angekündigt. Dass gerade er zum herausragenden und entsprechend begeistert bedankten Künstler in einem insgesamt überzeugend jung besetzten Ensemble mutierte, gehört zu den spontanen Überraschungen im Betrieb der Bühnenkunst. Der groß gewachsene Amerikaner warf sich mit Impetus in das Wechselspiel der Gefühle des Malers zwischen Schaffenskrise und seiner Beziehung zur launischen Musette und ließ mit seinem schlanken und doch fülligen, hell timbrierten, aber männlich kernigen Bariton, zumal im Entfalten der oberen Register, so richtig die Muskeln seiner Stimmbänder spielen. Darstellerisches Geschick und vokaltechnische Sicherheit in jeder Situation flossen dabei zu einer Einheit zusammen, die dem Publikum genauso Spaß machte wie spürbar dem Solisten selbst.

Als Musette hatte Beate Ritter, die junge oberösterreichische Sopranistin, ihr Rollendebut. Die zuerst kapriziös überdrehte, zickige, später durch Mimis Krankheit so sanft und mitleidvoll reagierende Vorstadt-Diva erhielt bei ihrem Einsatz die entsprechende Aufmerksamkeit und Glaubwürdigkeit. Mit ihrem höhensicheren und über eine gute lyrische Basis verfügenden Koloratursopran wurde sie auch den vokalen Ansprüchen vollkommen gerecht.

Noch vor dem Hauptpaar sind die beiden anderen Bohèmiens der Künstler-WG im Quartier Latin zu nennen: Andrew Bogard ist ein locker pfiffiger Schaunard mit dunkel getöntem und potent ansprechendem Bariton, Adam Palka  wieder der passend düster umwölkte und dennoch mit einer Prise Humor gewürzte Philosoph Colline. Die Entfaltung seines prachtvoll gesättigten, in allen Lagen perfekt ausgeglichenen Basses ist eine immer wieder Staunen machende Konstante des zudem spieltalentierten Polen.

Esther Dierkes ist die rollendeckende Alternativ-Mimi zur bereits im Dezember gewürdigten Kollegin mit feiner gefühlvoller Gestaltung, die auch in ihren kräftigen lyrischen Sopran einfließt. Die Mittellage ist besonders apart ausgebildet, die Höhe wurde im Laufe der Vorstellung immer freier und leichter.

Pavel Valuzhin, der auch jetzt wieder durch seinen gut geschulten, noch wenig Farben aufweisenden Tenor mit drucklos ansprechendem Höhenregister, gipfelnd in einem mühelos zwischen Cre- und Decrescendo ausgesungenen „Speranza“, aufhorchen ließ, stand mit seinem nicht ganz so gleichwertig ausgeprägten darstellerischen, vor allem im ersten Teil noch etwas gehemmt wirkenden Einsatz im spielerisch hochtalentierten Umfeld seiner Partner doch etwas im Schatten.

Solide ist wiederum Matthew Anchel  als Hausherr Benoit, mimisch überzeugender als stimmlich Sasa Vrabac als alternder Galan Alcindor, als Gesamtheit immer eine zuverlässige Bank der Staatsopern- und Kinderchor (Einstudierung: Bernhard Moncado) in der etwas schrill und poppig, aber äußert lebhaft und bisweilen amüsant  inszenierten Cafe Momus-Szene durch Andrea Moses, in den Bühnenbildern von Stefan Strumbel und heutigen, insgesamt zu den Typen passenden Kostümen von Anna Eiermann.

Von einigen kurzen Taktverschiebungen und Wacklern  im doch sehr dicht strukturierten Weihnachtsabend-Tableau abgesehen hatte der junge Kapellmeister Thomas Guggeis, der letzte Spielzeit durch die Rettung einer Salome-Premiere an der Berliner Staatsoper erstmals von sich reden machte, den gesamten Apparat gut im Griff, führte das Staatsorchester Stuttgart  mit ingesamt zügigen, wo erlaubt auch legitim gemäßigten Tempi durch Puccinis ebenso parlando- wie arios-kantilenenreiche Partitur. Ein kurzweiliger, insgesamt erfreulich stimmiger Repertoire-Abend, diesmal vor gut gefülltem Haus.

 Udo Klebes

 

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