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STUTTGART/ Staatsoper: JOHANNES-PASSION – – zwischen Erleuchtung und Ermüdung

15.04.2023 | Oper international

Staatsoper Stuttgart

„JOHANNES-PASSION“ 14.4.2023 (Premiere 2.4.) – zwischen Erleuchtung und Ermüdung

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Charles Sy, Fanie Antonelou (Gefolgschaft) mit den Anklägern. Foto: Matthias Baus

Erst in der vergangenen Spielzeit hat die Stuttgarter Oper mit Vivaldis „Juditha triumphans“ ein Oratorium auf die Bühne gebracht, jetzt kam rechtzeitig eine Woche vor Ostern die am Karfreitag 1724 in Leipzig aus der Taufe gehobene „Johannes-Passion“ zur szenischen Premiere. Bereits für die Pandemie-Spielzeit 2020/21 geplant und im Rahmen der damaligen Möglichkeiten in Teilen vorbereitet, trägt die Inszenierung im eigenen Bühnenraum von Ulrich Rasche dem durchaus theatergerecht bildhaft geschilderten Geschehen von Jesus Weg zum Kreuzgang in einer Kombination aus Choreographie ( Toni Jessen) naher Körperlichkeit und Maschinerie Rechnung.

Die sich in steter langsamer Bewegung befindende Drehbühne liegt meist im Dunkeln oder Dämmerlicht und wird nur schneisenhaft oder punktuell erleuchtet. Zeichenhaft schieben sich von oben immer wieder große, in farbiges Licht getauchte Rechtecke, auf denen mal ein Kreuz oder riesenhafte Hände eingeblendet sind, in den Raum – Symbole der Hoffnung, aber auch des fließenden Blutes Jesu. Dazwischen breitet sich Nebel aus oder eine Sand-/Staubwolke wird im Lichtschein gebrochen  Die solistischen Personen stellen sich in Position oder vermischen sich mit dem in die Gefolgschaft und die Ankläger Jesu aufgeteilten Chor, der sich unentwegt mit der nie still stehenden Drehbühne fortbewegt – in einem Rhythmus, aus dem es kein Ausbrechen gibt, der nur in Gemeinschaft funktioniert. Gehüllt sind sie alle in zeitlose, in dunkel matt gehaltene Hosen und Oberteile (Kostüme: Sara Schwartz, Romy Springsguth).

Als Bild besonders stark bleibt der in Schreit-Tempo gehaltene Totenzug mit Jesu Leichnam in einer Decke. Manchmal bleibt der Chor auch unsichtbar oder weit verteilt im leeren Bühnenraum, was sich leider unvorteilhaft auf dessen akustische Präsenz auswirkt und bei den Bühnen-Proben hätte bemerkt und in irgendeiner Form korrigiert werden müssen. Auch trägt ein solch ungünstiges Verhältnis zu einer vor allem anfangs nicht immer synchronen Verschmelzung mit dem Orchester bei. Die dynamische und in der Expressivität feinzeichnerische Qualität des mit nur 24 Mitgliedern in kleiner Form eingesetzten Staatsopernchor Stuttgart (Einstudierung: Manuel Pujol) kommt durchaus voll zum Tragen, aber speziell in den größer ausgedehnten Chorälen fehlt es an Raum füllendem Volumen. Die Chorsoli der Ankläger sind nicht aus dessen Reihen, sondern wie alle größeren Partien aus dem Opernensemble besetzt (Kyriaki Sirlantzi, Linsey Coppens, Maximilian Vogler, Andrew Bogard). Für starke innige Momente sorgen die ganz klar intonierende Sopranistin Fanie Antonelu, der gehaltvolle Mezzosopran von Alexandra Urquiola, der Belcanto Tenor Charles Sy und der warme Bassbariton Elliot Carlton Hines – allesamt aus dem Opernstudio hervor gegangen.

Ein bewegendes Solo gestaltet Michael Nagl mit seinem ausgeglichen geführten Bassbariton.

Wenig charismatische Akzente vermag Pawel Konik als Jesus zu setzen, auch vokal fehlt es etwas an Profil. Einen Schuss Opern-Dramatik bringt dagegen Andreas Wolf als streitbarer, viril auftretender Pilatus mit lebhafter Artikulierung und kernigem Bariton ins Geschehen.

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Überragender Mittelpunkt: Moritz Kallenberg als Evangelist. Foto: Matthias Baus

Alle überragt indes Moritz Kallenberg, der als erzählender Evangelist keineswegs am Rande steht, sondern in den unentwegten Rhythmus der Drehbühne eingebunden ist. Im Vortrag seines ganz reinen, vorbildlich wortverständlichen, zwischen zart leuchtender Lyrik und leidenschaftlicher Erregtheit flexibel pendelnden Tenors ist die gesamte Handlung mit einer solch bildlichen Intensität gebündelt, dass sich die Szene erübrigt hätte. Ob er seine Hände so steif am Körper halten musste, um ein unnötiges Rudern der Arme zu unterbinden?

Der erfahrene Barock-Spezialist Diego Fasolis leitet das um eine Laute und eine Gambe ergänzte Staatsorchester Stuttgart mit auch im Basso continuo-Rhythmus durchweg Spannung haltender Gestaltung, bringt abgesehen von einigen etwas irritierend schärfenden Akzenten die dialogischen Elemente klar auf den Punkt und hat die Seufzer-Motive wie auch das Feuer der Holzbläser deutlich heraus gearbeitet. Nur in der Gesamtkoordination kommt es wie bereits erwähnt szenisch bedingt besonders anfangs zu einigen Unstimmigkeiten.

Einige Erleuchtung, aber auch eine phasenweise Ermüdung gehen auf das Konto der wohlgemeinten, aber auf Dauer doch auch schreitlastigen Inszenierung.

Ein im Durchschnitt auffallend junges Publikum bezeugte in seinem anhaltend jubelnden Applaus sowohl Ergriffenheit wie Begeisterung.

   Udo Klebes   

 

 

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