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STUTTGART/ Staatsoper: IL TROVATORE. Premiere

10.06.2024 | Oper international

Stuttgart: Il trovatore, 9.6.2024 – Premiere

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Selene Zanetti (Leonora). Foto: Matthias Baus

Eine der weltweit wohl meistgespielten Opern wird in Stuttgart von Paul-Georg Dittrich neu inszeniert, Bühne Christof Hetzer, Kostüme Mona Ulrich, die musikalische Leitung hat Antonello Monacorda inne. Die Regie zeichnet sich dadurch aus, dass sie ein Alleinstellungsmerkmal beim mittleren Verdi noch einmal besonders verstärkt, nämlich dass Verdi die in der Vorlage El trovador von Garcia Gutierrez weitgehend unlogisch angelegte verwirrende Bilderfolge samt inkonsistenz und Kolportage im dramaturgischen Aufbau auch in die Oper Einzug halten laesst. Dittrich greift diese Ideen auf und setzt die Szenen noch viel gegensaetzlicher aneinander,indem er sie auch noch mit Klangcollagen von Christopher Scheuer unterbricht, deren Texte von Heiner Müller von verschiedenen Stimmen gesprochen und auf einem schwarzen Bühnendecker auch handschriftlich wiedergegeben sind.

Dazu verfremdet Dittrich die Bilder selber z.T albtraumartig, wenn zu Beginn der Hauptmann Ferrando nicht seinen Soldaten, sondern spielenden und schaukelnden Kindern die Vorgeschichte mit der Hexe auf dem Scheiterhaufen erzählt.Dabei werden die friedlichen Kinder von den Soldaten indoktriniert und zur Rache gedrillt.Im nächsten Bild liegt auf der Einheitsbühne, die aus einem eckigen sich nach hinten verengenden Raum mit schwarz-braunen Holvertaefelungen besteht, links ein Pferdekadaver, agieren Leonora und Ines um ihn herum und hören dem Gesang des Troubadours zu. Danach ziehen die Soldaten an den gefesselten Armen und Beinen des wie auf einem Streckbett liegenden Manrico, dahinter Gestänge mit Galgenseilen. Bei den ‚Zigeunern‘, die in dieser Inszenierung immer antidiskriminierend spanisch „Gitani‘ bezeichnet werden, singt der Chor aber hinter der Szene, und an den Stangen hangeln sich Akrobaten entlang,wenn Azucena ihrem Sohn die Geschichte ihrer Mutter erzählt. Sie könnte aber auch als die Tochter ihres Sohnes durchgehen,so jugendlich wirkt sie. Auch in der nächsten Szene kann Dittrich mit dem (Damen)Chor nichts anfangen, belässt ihn hinter der Bühne. Er deutet es hier derart um, dass Leonora nicht ins Kloster gehen will, sondern in der Art eines Rotkäppchens nach dem ‚boesen Wolf‘, einem Mann sucht. Sie ist dabei in ein weißes knielanges Dirndl gekleidet,und Ines wirkt fast noch putziger mit weissen Kniestrümpfen. Im Hintergrund ist zwar schemenhaft eine Holzkirche angedeutet,aber die Männer in rotkarierten Anzügen sowie Luna und Manrico mit Westernhueten und silbernen Pistolen kümmern sich schiessend nicht darum.

Im weiteren Verlauf sind alle Protagonistinnen bis auf Azucena in wein- bis blutrote Anzüge gekleidet und werden vielfach von Tänzerinnen und Tänzern in symbolischen teils sarkastischen Choreographien von Janine Grellscheid gedoubelt. Immer wieder gehen die von Kindern dargestellten zwei Brüder  weissgeschminkt und in geweissten Anzügen aufeinander los.Der von Azucena konstant imaginierte Scheiterhaufen wird auch mal als verdorrtes Maisfeld evoziert, in dem Kinder mit toten Augen mit roten Bällen spielen. Am Schluss bewegt sich der Einheitsraum einmal auf der Drehbühne, erscheint aber zuletzt in seiner ursprünglichen Position: der rote Graf Luna ist alleine übrig geblieben.

Die phantasievolle Vielfalt der Kostüme zeigt sich auch bei den Kollektiven im besonderen Maße.Gegensätzlich erscheint Azucena mit  Rundkragen  und  einer Rock-Hosen Kombination.Auch die Tänzerinnen treten in phantastischen Röcken und Oberteilen auf.

Dss Orchester spielt unter der stringenten Stabführung von Antonello Monacorda oft angemessen knallig, fast bombastisch und äußerst rasant. Aber auch langsame Partien erscheinen gut ausgelotet und in einen Fluss gebunden. Dabei vertreten hohe zartgespielte Trompeten oder sarkastisch schnarrenfe Klarinetten auch das romantische Element.

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Ernesto Petti (Luna), Itzeli Jaurequi (Ines) und Atella Ayan (Manrico). Foto: Matthias Baus

Die Chöre (Manuel Pujol und Bernhard Moncado) kommen immer plastisch-praesent zur Geltung, auch von der Hinterbühne.

In den Nebenrollen sind Ruben Mora, William David Halbert und Piotr Gryniewicki gut eingesetzt. Die Inez ist Itzeli Jauregui mit schlankem lieblichen Sopran. Den Ferrando singt mit kernigem Bass ein wenig grobschlaechtig Michael Nagl. Kristina Stanek als Azucena baut ihre Erzählung wohldosiert auf. Das angenehme Timbre ist aber eher jugendlich, wenig voluminös aber teilweise guttural verbraemt. 

Ernesto Petti ist als Luna eine sehr starke Besetzung mit kraftvoller Stimmgebung und sehr wohllautend. Er kann sich zum großen Verdi-Bariton entwickeln.

Die Leonora Selene Zanetti steigert sich in der Sopranrolle von Akt zu Akt, gestaltet musikalisch annehmbar in den Arien, lässt ihre helltimbrierte Stimme in den Höhen aber final noch nicht aufblühen.

Atalla Ayan hat den Zug zum determinierten Helden und stellt einen prägnanten auch hoehensicheren Manrico.

 

Friedeon Rosen 

 

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