Staatsoper Stuttgart „IL BARBIERE DI SIVIGLIA“ 14.7. – Sprühender musikalisch-spielerischer Witz

Viel Situationskomik: Björn Bürger (Figaro) und Giulio Mastrototaro (Bartolo) im 2.Akt. Copyright: Martin Sigmund
Auch 33 Jahre nach der Premiere bildet Beat Fähs Inszenierung im auch diesmal wieder mit Applaus bedachten rot schraffiert leuchtenden Bühnenbild von Volker Pfüller und dessen Rollen deckenden Kostümen die ideale Grundlage für einen wechselnd besetzten Repertoire-Klassiker wie Rossinis berühmtestes Bühnenwerk.
Im Rahmen der über die Jahre erhalten gebliebenen wesentlichen Regie-Elemente, worunter Figaros manipulative Spielerei mit den ob der total überraschenden Aufhebung des drohenden Arrests für Lindoro bzw. Graf Almaviva zur Säule erstarrten Protagonisten als Höhepunkt betrachtet werden darf, zeigte sich indes in vielen Situationen dieser 161.Vorstellung wie spontan ein Sänger bzw. ein ganzes Ensemble agieren können. Und dass gute Komödie eine hohe Kunst ist, auch wenn es wie hier Momente gab, in denen eine Spur zu dick aufgetragen wurde.
Angeführt wurde die Besetzung zunächst einmal der Titelrolle gerecht werdend von Björn Bürger, der einen im denkbar besten Sinn mit allen Wassern gewaschenen, durchtrieben witzig schlauen Figaro mit zielsicheren Pointen spielte und seinen strammen und wendigen Bariton hellerer Klangfarbe genauso dynamisch wandlungsfähig und großzügigst in der knackigen Entfaltung und Auskostung des Höhenregisters einsetzte. Gleich seine Auftritts-Präsentation zündete beim Publikum wie eine Rakete.
Auf absoluter Augenhöhe mit ihm befindet sich Diana Haller als pfiffig schelmische, aber durchaus auch tiefe Gefühle spürbar machende Rosina. Musikalisch gesehen serviert sie keine herkömmlich gewöhnliche, sondern ganz auf ihre außergewöhnlichen Möglichkeiten abgestimmte, in jeder Wendung individuell phrasierte Variante in der Kombination eines Soprans und Mezzosoprans in Personal-Union – übergreifend in den Stimmlagen wie es im 19.Jahrhundert Normalität war. Eine kräftige Mittellage, eine substanzreiche dunkle Tiefe und das exorbitant zielsicher und strahlend ausgebildete Spitzenregister greifen dabei wie aus einem Guß ineinander. Unter diesen Voraussetzungen darf eine Sängerin ganz Belcanto gerecht auch einige Extempores einlegen, zumal in der köstlich aufgebauten Gesangsstunde, wo sie ein verblüffend potent gehaltvolles Brünnhilde-Hojotoho als Kostprobe ihrer möglichen Zukunft ertönen lässt.
Auch Alberto Robert kann es sich leisten mit seinem klangvoll subtilen Tenor, der genauso fein schmeicheln wie forsch attackieren kann, einige nach oben transponierte Phrasen in der Partie des Grafen Almaviva einfließen zu lassen. Dazu interpretiert er einen echte Gefühle für Rosina spürbar machenden Lindoro, der in den Verwandlungen als betrunkener Soldat und als einspringender Musiklehrer mehr feinsinnig als zupackend agiert.
Giulio Mastrototaros Bass-Bariton mag wie schon in „La Cenerentola“ festgestellt eher gröberer Natur sein und nicht allzu viel Differenzierung aufbringen – dennoch weiß er wie ein patriarchalischer Vormund wie Dr.Bartolo mit etwas eingeschränkten vokalen Mitteln ausgefüllt werden kann, auch weil er ein situationsgewandter Darsteller ist.
Jaewoung Lee aus dem Opernstudio macht als Basilio mit bereits profund ausgestattetem Bass in der Schilderung einer möglichen Verleumdung sowie mit einer geheimnisvoll wirkenden Zurückhaltung in der Darstellung eines Charakters auf sich aufmerksam. Neu dabei ist auch Opernstudio-Mitglied Luiza Willert als Lärm geschädigte und darob total verschreckte Hausdame Berta, die mit leichtem, Soubretten-Qualitäten aufweisenden Sopran in der Sorbetto-Arie fein abgewandelte Momente setzt. Als Almavivas Diener Fiorello verrichtet Jasper Leever seinen Dienst gewissenhaft genau in der Anleitung und Belohnung der Musiker. Kyung Won Yu führt als autoritäre Töne beisteuernder Offizier die hohe Kompetenz seiner männlichen Kollegen des Staatsopernchores an.
Eine fixe Größe für das italienische Repertoire markiert inzwischen der Korrepetitor Vlad Iftinca am Pult, wo er einen genauen Zusammenhalt mit der Bühne und eine genaue Abstimmung mit den Sängern sowie mit dem flott und herzhaft mitziehenden Staatsorchester Stuttgart neben reiner Begleitung auch viele kontrastierende Akzente durch Verzögerungen und Beschleunigungen erzielt.
Udo Klebes

