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STUTTGART/ Staatsoper: IL BARBIERE DI SIVIGLIA – mit zwei Erzkomödianten

01.11.2019 | Oper


Petr Nekoranec, Jarrett Ott. Foto: Martin Sigmund

 

Stuttgart: „IL BARBIERE DI SIVIGLIA“ 31.10.2019 – mit zwei Erzkomödianten

Die mittlerweile 26 Jahre alte Inszenierung von Beat Fäh mit ihren leitmotivartig eingesetzten Kontrabässen und –kästen sowie dem in allerlei Rotschattierungen schillernden Innenleben von Bartolos Haus (Bühne und Kostüme: Volker Pfüller) erweist sich trotz einiger spezieller Regieanweisungen immer noch als ideale Plattform fürs laufende Repertoire, so dass auch diese 135. Vorstellung ausgesprochen viel Freude bereitete. Natürlich ein gut aufgelegtes und überwiegend rollengerecht eingesetztes Ensemble und ein auf die Bühne zurück geworfenes Mitmachen des Publikums vorausgesetzt, so wie es an diesem Abend der Fall war.

Zwei Sängerdarsteller hatten es wirklich in sich, sie holten aus ihren Partien die treffendste Essenz an vokal-darstellerischer Präsenz. Diana Hallers Rosina vereint in ihrem sinnlich aufgeladenen Mezzosopran farblich fein nuancierte Phrasierung, individuell angelegte Auszierung mit spielerisch temperamentvoller Würze. Es ist wirklich spannend mitzuverfolgen, wie sie seit ihrer letzten Vorstellung in dieser Rolle wieder einige kleine verfeinernde Abwandlungen gefunden hat, die sich stets fließend in den Gesamtablauf fügen.

Das männlich vollkommene Pendant zu ihr ist Jarrett Ott als Figaro. Der Amerikaner lässt den Funken von seiner Auftrittskavatine an sofort überspringen, dreht seinen wendig, durchsetzungsfähigen hellen Bariton mit viel Höhenpeng gehörig, aber stets gut kontrolliert auf und lässt den mit allen Wassern gewaschenen Tausendsassa mit Pfiff und reichlich spontanem Witz spürbar werden. Z.B. wenn er bei der Begleitung von Almavivas Ständchen einen „Olé“ Ruf einlegt, über dessen mutwillige Äußerung er selbst erstaunt schien. Oder wenn er im Verwirrungsfinale des ersten Aktes wahrlich die Fäden in der Hand hält und jeden der zu Säulen erstarrten Beteiligten in eine andere Position verbiegt. Mit soviel Witz war dies bisher bei keinem anderen Rollenvorgänger zu erleben.

Der Mittzwanziger Petr Nekoranec gesellt sich als Almaviva vor allem vokal ebenbürtig dazu, führt seinen feinen, kultiviert und auch durch Fiorituren mit Geschmack geführten Tenor leicht und stets klangreich, nie flach oder mit Druck. Da sich auch das Spitzenregister  sicher bemerkbar machte, wäre es durchaus angebracht für ihn künftig die Bravour-Arie des Grafen vor dem Finale einzufügen. Im Spiel engagiert und lustvoll, dürfte er den Verkleidungen als betrunkener Soldat und als Musiklehrer einen etwas stärker verfremdeten stimmlichen Ausdruck beigesellen.

Einen Schuss Dämonie steuert Patrick Guetti als in Erscheinung und Stimme erhabener Basilio bei. Effektvoll weiß er die Verleumdungsarie (auch mit Unterstützung vom Dirigentenpult) zu steigern und den „colpo di canone“ mit dröhnender Gewalt explodieren zu lassen. Seinem dunklen Bass fehlt nur ein attraktiveres, dem Belcanto gerechter werdendes  Timbre. Matthew Anchel hat sich als noch etwas zu jung wirkender Bartolo seit letzter Saison verbessert, sein Bass machte jetzt einen ausgeglicheneren Eindruck, doch ist die Durchsetzungsfähigkeit an manchen Stellen nach wie vor begrenzt. Als Schauspieler bleibt er eher brav, manchmal auch steif, setzt nur wenige Pointen und lässt den für diese Partie so notwendigen Stegreif-Humor vermissen. Gerade im Umfeld solcher Mitspieler fällt dieses Manko umso mehr auf.

Catriona Smith setzt als verschreckte Hausdame Berta in ihrer Solo-Szene charakterstarke und stimmlich entsprechend unterfütterte Momente. Jasper Leever aus dem Opernstudio lässt als Diener Fiorello mit tragfähigem Bass bereits einen Basilio erahnen.

Eine kleine Herrenformation des Staatsopernchors, angeführt von Stephan Storcks kraftvoll intoniertem Offizier, verbreitete ebenso viel singschaupielerische Freude wie das unter Vlad Iftinca spritzig und differenziert (mit vielen Laut-Leise-Akzenten) spielende Staatsorchester Stuttgart.                                                                                                        

Udo Klebes

 

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