Staatsoper Stuttgart: „IL BARBIERE DI SIVIGLIA“ 21.6. + 6.7. – mit starker Unterstützung aus dem Opernstudio

Johannes Kammler als Figaro. Foto: Martin Sigmund
Wann gibt es heute noch Applaus beim Öffnen der Szene für ein Bühnenbild? Volker Pfüllers in verschiedenen rot-orange-Tönen surreal schraffiertes Wohnhaus des Dr.Bartolo bildet auch 30 Jahre nach der Premiere von Beat Fähs immer noch hinreichend vergnüglicher Inszenierung einen Überraschungseffekt für neues Publikum. Neue Interpreten wiederum können sich recht schnell darin zurecht finden und ausreichend Gestaltungsfreiräume nutzen.
Drei der fünf Hauptpartien waren in dieser 150. Vorstellung Mitgliedern des Opernstudios anvertraut. Nicht ohne Grund, denn zwischen ihnen und den schon arrivierteren Kollegen klaffte kein wesentlicher künstlerischer Abstand. Bereits als Ramiro im letzten Winter ließ er aufhorchen, dasselbe bestätigte sich jetzt bei seinem Conte Almaviva. Der Mexikaner Alberto Robert ist eine Perle in feinem Belcanto-Gespür gepaart mit einer wohltuend klangvollen Timbre-Qualität. Sein Tenor bewegt sich mit dynamischem Geschick mühelos bis in höchste Höhen, so dass er sich einige eingelegte Spitzen-Modulationen gut leisten kann und ihm letztlich auch die meist gestrichene Finalarie zuzutrauen ist. In Sachen Humor setzt er feine, noch ausbaubare Akzente.
Auch Linsey Coppens weitere Entwicklung darf mit Spannung verfolgt werden. Als Rosina überspielt sie ihr Schicksal unter der Fuchtel des Dr. Bartolo mit neckischem Einschlag und schelmischem Spielwitz. Der schon recht metallische, leicht dunkle Mezzosopran kommt mit deren Registertonsprüngen beweglich zurecht, doch weist die Üppigkeit der Stimme bereits auf ein etwas schwereres Fach hin. In Gerard Farreras reift ein Bass mit ganz klarer sauberer Ansprache und in Mängelzeiten richtig dunkel seriöser Fachvertreter gut unterfütterter Tiefe heran. So kann der Spanier das musikalische Zentrum Basilios mit der Schilderung der Verleumdung weitestgehend ausschöpfen und auch sonst spielerisch locker mitmischen.
Mit raumfüllend sonorem Bariton weist Johannes Kammler als Figaro phasenweise über Rossinis Fach hinaus, erfüllt aber die Anforderungen flexibler wie auch gewandter Parlando-Anwendung ohne Einschränkungen und vermeidet in seiner Beweglichkeit aufgesetzte Spaßmacherei.

Charles Sy (Almaviva) und Diana Haller (Rosina) mit den Herren des Staatsopernchors (Wache). Foto: Martin Sigmund
Zwei Wochen später waren dann drei der fünf Hauptpartien in der Hand von ehemaligen Absolventen des Opernstudios. Diana Haller hat sich mittlerweile zum Star des Ensembles entwickelt, weil sie rollenunabhängig eine gesamtkünstlerische Qualität aus technischer Virtuosität, sowie bis ins Detail effektivster vokaler Interpretation und strahlender Spielfreude bietet, die allererste Ansprüche erfüllt. In ihrer Rosina spiegelt sich pfiffiger Humor und verführerischer Charme sowohl in gefühlvoller musikalischer Phrasierung als auch in der bruchlosen Verbindung der Register von satter Tiefe bis zur großzügig ausgekosteten Höhe. Mit diesen stimmlichen Mitteln setzte sie in der Gesangsstunde zu spontanen, verblüffend unangestrengten Brünnhilde-Hojotohos an. Von solcher Spontaneität leben Opera buffas generell und in dieser Vorstellung wurde reichlich Gebrauch davon gemacht. Z.B. auch von Charles Sy, der mit etwas schmaler und nicht immer ganz durchsetzungsfähiger, im Timbre etwas weißer, aber Belcanto-feiner und höhensicherer tenoraler Klinge die Auftritte des Conte Almaviva als betrunkener Soldat und eingesprungener Musiklehrer mit nuanciertem Witz servierte.
Erfreulich ist der beständige Volumen-Zugewinn von Michael Nagls Bassbariton, mit dem er als Basilio die Verleumdung mit fast hypnotischer Wirkung auf Dr.Bartolo veranschaulicht und mit einem von einer tiefen Männerstimme eher selten zu erlebenden hoch angesetzten letzten „crepar“ krönt.
Björn Bürger schließlich liegt der Tausendsassa Figaro bestens in Kehle und Körper, so locker selbstverständlich bildet er den Draht ziehenden Mittelpunkt der Handlung und passt sich mit kernig rundem und in den Höhen strahlend freiem Bariton doch jederzeit spielfreudig herausfordernd in das Ensemble ein.
José Fardilha ist in beiden Aufführungen ein passend gestandener, komödiantisch zielsichere Pointen setzender Dr.Bartolo mit ebenso trefflich eingesetztem intaktem Bariton. Genauso Catriona Smith als Marzelline, der wieder ein Kabinettstückchen gelingt, wenn sie die in einer Arie formulierten Todesgedanken versinnbildlicht, in dem sie sich in einen der die Inszenierung leitmotivisch durchziehenden Kontrabass-Kästen legt. Auch mitten im Ensemble des sich zuspitzenden Finale des 1.Aktes zeigt sie viel Präsenz.
In Jorge Ruvalcabas Bariton, der einen fast schon die Rollenanforderungen des Fiorello sprengende Fülle aufweist, ist bereits der nächste Figaro zu erahnen. Stephan Storck bzw. Kyung Won Yu ergänzen als potenter Offizier der Wache, sekundiert von den stimmstarken Herren des Staatsopernchors (Einstudierung: Bernhard Moncado).
Der Korrepetitor Vlad Iftinca hat sich schon mehrmals als versierter Dirigent behauptet und leitete auch diese begeistert und mit reichlich Zwischen-Ovationen aufgenommenen Jubiläums-Vorstellung(en) übersichtlich koordiniert, mit leichter Hand sowie Gespür für Crescendo-Esprit.
Udo Klebes

