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STUTTGART/ Staatsoper: HÄNSEL UND GRETEL . Gleichwertige Alternative

21.02.2022 | Oper international

Staatsoper Stuttgart

„HÄNSEL UND GRETEL“ 20.2.2022 (nachmittags) – Gleichwertige Alternative

hänsel und gretel haller,aldridge feb.2022
Diana Haller, Rosie Aldridge. Foto: Matthias Baus

Zwei Tage vor der Premiere der alternativen Besetzung in der von Axel Ranisch geschickt und liebevoll an die Gegenwart heran geholten, im Premierenbericht bereits en detail beschriebenen Inszenierung in Bühnenräumen von Saskia Wunsch und Kostümen von Alfred Mayerhofer schlug der Krankheitsteufel bei Esther Dierkes zu und machte einen schnellen Ersatz erforderlich. Gefunden wurde er in Tamara Banjesevic, die die Gretel als Ensemblemitglied am Essener Opernhaus öfter gesungen hatte und hier am Haus erst im November als Woglinde im neuen „Rheingold“ eingesetzt war. Innerhalb eines Tages musste sie sich in die von sehr beweglich tänzerischem Spiel bestimmte Regie einweisen lassen.

Kompliment wie lückenlos sie diese Herausforderung meisterte und so locker und frei agierte, als ob sie von Anfang an bei den Proben dabei gewesen wäre. Nicht nur ihre erfrischend natürliche Gestaltung, auch ihr durchgehend präsenter lyrischer Sopran mit klar ausschwingendem Höhenregister und hörbaren Reserven für schwerere Partien bereitete rundum Freude.

Dass dies auch Diana Haller als Hänsel tat, war keine Überraschung, sondern eine bei der jungen Kammersängerin fast schon selbstverständliche Erwartung. Als Typ markiert sie einen totalen Gegensatz zu ihrer Premieren-Kollegin Ida Ränzlöv. Robust, kräftig, mit jungmännlich anmutender Bewegungscharakteristik und voller Energie bietet sie mit ihren dunkleren Stimmfarben und satter, aber immer im Rahmen bleibender Tongebung sowie bester Textverständlichkeit als Hänsel ein anders geartetes vokales Profil.

Neu ist auch Christian Miedl, der den Vater mit sonor durchgebildetem, eher trockenem Bariton und deutlicher Präsenz als durchaus sympathisches pragmatisches Familienoberhaupt zeigt. Catriona Smith wiederholt ihre überzeugende Darstellung der aus Überforderung gestrengen Mutter mit passend verhärmtem Tonfall und legitimen Sopran-Härten, Rosie Aldridge ihre als ladyhaft verführerische Fabrikchefin auftretende Hexe mit den erforderlichen überkandidelt schrillen vokalen Beigaben, und Claudia Muschio ihre als Lichtgestalten über die Bühne huschendes Sand- und Taumännchen mit leuchtendem Sopran.

Der Kinderchor der Staatsoper, ergänzt durch Statisten, erfüllt seine szenisch sinnvoll konzipierte Opfer- bzw. Handlanger-Funktion mit zuletzt befreiender Vitalität.

Am Pult des Staatsorchesters Stuttgart waltete wieder Alevtina Ioffe mit spürbarem Tatendrang in Klanggestalt einer diesmal stellenweise die Sänger fast zu gewaltig bedrängend aufrauschend romantischen Klangfülle, mit indes wieder herrlich herausgearbeiteten Farbdetails. Die MusikerInnen lassen diese oft unterschätzte Partitur in allen Gruppen gebührend zu ihrem Recht kommen.

Die szenische Grundlage, deren Einstieg während des Orchestervorspiels mit einer laufenden Kamerafahrt durch einen zunehmend vom Feuer zerstörten Wald für hinreichend Stimmung sorgt, wird nun hoffentlich für viele Jahre den Spielplan zieren.

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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