Staatsoper Stuttgart
„FALSTAFF“ 5.5. 2023(WA) – an überzeugender Komik gewonnen

Selene Zanetti, Marianna Pizzolato, Ida Ränzlöv, Claudia Muschio. Foto: Martin Sigmund
Bald zehn Jahre nach der Premiere holte Operndirektor Viktor Schoner die Inszenierung von Verdis immer wieder verblüffendem Alterswerk aus der Zeit seines Vorgängers zurück auf die Bühne. Bezogen auf die etwas verblasste Erinnerung von damals überraschte die Neueinstudierung mit fast komplett neuer Besetzung durch einen treffsichereren Humor. Andrea Moses etwas zu deutlich in die Gegenwart getrimmte und wie viele ihrer Inszenierungen an einem Übermaß an Ideenreichtum leidende Umsetzung, in der z.B. Handy und moderne Jogging-Klamotten (Kostüme: Anna Eiermann) nicht ausgespart bleiben, erscheinen die vielen ineinander laufenden Rädchen der Ensemble-Szenen nun pointierter. Die mit Tempo und brillanter Spielregie entwickelte Handlung fördert jetzt, wahrscheinlich personalbedingt, mehr als nur oberflächlich zündenden Witz zutage. Jan Pappelbaums aus Pallisaden-Holzelementen bestehende und auf offener Szene vielfach verwandelbare, in Fords Haus über mehrere Etagen führende Bühnenkonstruktion bietet reichhaltig Gelegenheit für komische Situationen. Wozu dann die letzte Szene in einem imaginären Wald (mit umgesägten und durch eine wie schon in der großen Versteckszene nach oben gezogene Spiegelwand doppelt sichtbar werdenden Baumstämmen) sowie tarnendem Kostüm-Beiwerk und funkelnden Lichtern der Mitspielenden einen stimmungsvollen Kontrast bietet.
Lucio Gallo, in der letzten Saison ein vollsatter Scarpia, beweist hier in der Titelfigur auch Sinn für unterschwellige und auch immer wieder spontan zündende Heiterkeit. Im schon gesetzten und doch noch einen Schuss an männlicher Attraktivität bietenden Alter schöpft er die meisterhaft in Töne gesetzte Rolle mit Nuanciertheit, aber auch vollmundigem Zugriff aus. Sein schlanker und in allen Lagen körperreicher Bariton durchmisst die ganze dynamische Skala ohne Krafteinbußen und technische Schwächen.

Selene Zanetti, Lucio Gallo. Foto: Martin Sigmund
Das ihm von einem Kind gereichte Sektglas am burlesken Finale lehnt er zwar ab, dennoch bleibt er im knappen Ledergewand und aufgesetztem Geweih ein guter Verlierer.
Im insgesamt stimmigen, flott aufeinander reagierenden Ensemble ist kaum ein Schwachpunkt zu vermerken. Dass die geschickt mit ihrer Körperfülle umgehende Marianna Pizzolato als Mrs.Quickly in Bezug auf ihre bekannten Belcanto-Qualitäten ausgerechnet in der hier wirksam einzusetzenden Tiefe eher flach und wenig tragend ausgeprägt ist, überrascht bzw. enttäuscht etwas. Andererseits vermeidet sie mit feiner Phrasierung die in diesem Part naheliegenden Derbheiten.
Auch Pawel Konik läßt Tiefen-Defizite hören, setzt aber im Übrigen mit potent geführtem Bariton und einem nicht überzogenen Eifersuchts-Gehabe treffliche Akzente als zuletzt auch gefoppter Ford. Selene Zanetti geizt als Alice nicht mit weiblichen Reizen und unterfüttert dies mit ihrem ausgewogenen Zwischenfachsopran, der in den Höhen einen runden Glanz bekommt. Claudia Muschio ist eine apart jugendliche Nanetta, die mit ihrem gehaltvollen lyrischen, in den Spitzen leicht sitzendem Sopran im Liebesgetändel als auch in der Erscheinung als Feenkönigin Titania poetische Stimmung zu verbreiten vermag.
Dies gelingt Mingjie Lei, der bisher la kultivierter Mozart-Interpret aufhorchen ließ, erst im Laufe des Abends, wenn sich sein klangschön heller Tenor in den Höhen von anfänglichem Druck befreit hat.
Ein Blickfang und damit enorme Konkurrenz für ihre Nachbarin Alice ist Ida Ränzlöv als Meg Page mit süffig fließendem, bereits Sopran-Nähe erahnen lassendem Mezzosopran.
Von Falstaffs Dienern überragt der als einziger vom Premieren-Ensemble übrig gebliebene Torsten Hofmann durch seinen sehr pointiert eingesetzten Charaktertenor mit treffsicherem figürlichem Profil als Bardolpho seinen Kumpanen Pistola, den Jasper Leever eher zurückhaltend und solide im Einsatz seines nicht individuell hervorstechenden Basses zeichnet.
Klare, ins Mark treffende Tenor-Akzente setzt Christophe Mortagne als passend überheblicher, zuletzt verlierender Möchtegern-Schwiegersohn Fords.
In der aufgewerteten Rolle des hier Dauer-Joint rauchenden stummen Wirts, der in das zu Beginn der 3.Szene aus dem Kneipen-Radio tönende „Azzuro“ Adriano Celentanos miteinstimmen darf, kann sich wieder Maarten Güppertz durchaus amüsant beobachtet in Szene setzen.
Der Staatsopernchor und Mitglieder des Kinderchores (Einstudierung: Bernhard Moncado) füllen die beiden Finalszenen des 2.und 3.Aktes mit ihrem zuverlässig hohen singdarstellerischen Potenzial. Am Pult des immer wieder mit lautmalerisch feinen Zwischentönen aufhorchen lassenden Staatsorchesters Stuttgart steht Friedrich Haider als geschickt durch die vielen kleinen Details und strukturell hoch anspruchsvollen Ensembles leitender Steuermann und findet so in Einklang mit dem dynamisch abspulenden szenischen Geschehen.
Mit dem Fazit „Alles ist Spaß auf Erden, der Mensch ein geborener Tor“ bleibt Verdi Sieger mit diesem (nach tränenreichen Dramen) voll gelösten alterweisen Humors steckenden Bühnenabschiedswerk. Ein Teil des Schlussjubels sollte deshalb immer auch ihm gelten.
Udo Klebes

