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STUTTGART/ Staatsoper: Dora von Gernhard Lang. Ein zeitgeistiges Gesamtkunstwerk. Uraufführung

04.03.2024 | Oper international

Staatsoper Stuttgart

„DORA“ von Bernhard Lang (Uraufführung 3.3. 2024) – ein zeitgeistiges Gesamtkunstwerk

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Marcel Beekman als vielschichtiger Teufel. Foto: Martin Sigmund

„Who the hell is Dora?“ Mit dieser Frage machte die Staatsoper im Vorfeld mittels Plakataushängen auf das neue Stück aufmerksam und offensichtlich so neugierig, dass die Uraufführung vor einem fast gefüllten Auditorium stattfinden konnte. Nun, Dora steht zunächst einmal stellvertretend für viele junge Frauen mit Mitte Zwanzig, die sich in ihrem Umfeld anöden. Konkret ist es jedoch das älteste von drei Kindern arbeitslos gewordener Bergbau-Eltern, gelangweilt und unzufrieden in der abgehängten Gesellschaft einer ländlichen Reihenbau-Siedlung. Das Problem ist aber, dass Dora genau weiß, was sie nicht will, aber eben nicht, nach was sie eigentlich sucht. Die verödete Landschaft ihrer Heimat hasst sie, die Familie bedrängt sie, endlich ihr Leben zu planen, der ihr sehr zugetane Freund Berthold stößt bei ihr auf keine Gegenliebe, die prüfende Gesellschaft in Form eines antiken Chores, der sie mit der vielfältigen Kultur auch der Wurzeln ihres Landes konfrontiert, belästigt sie und bietet auch keine Lösung. In dieser ausweglosen Situation ruft sie mit einem mitternächtlichen Ritual auf einer Müllhalde, dessen Zutaten ihr die freundlich gesonnene Schwester besorgt hat, den Teufel herbei. Dieser tritt ihr zuerst als Bürokrat mit Aktentasche gegenüber, der den als Sekretär im Landratsamt tätigen Berthold mit Provisions-Geldern für ein Bauvorhaben zu bestechen sucht. Erst später nimmt er die Gestalt des legendären Rollenvertreters Gustav Gründgens im Renaissance-Samtgewand mit Fasanenfeder an. Seine schillernden Anspielungen und Ratschläge kann sie nicht verstehen und begegnet ihm mit Ablehnung. Erst der durch einen Selbstmord-Versuch nur noch zum Stammeln von Silben fähige Berthold setzt Gedanken in ihr frei, die etwas Neues für die Zukunft anklingen lassen. Doch dieses mit dem Wort „sondern“ betitelte noch Unbekannte ist durch Sprache noch nicht fassbar. Und so steht am Anfang wie am Ende des pausenlos gespielten 100minütigen Opus, quasi als Prolog und Epilog, Musik pur als Medium für das noch Unaussprechliche, ein Schlagwerkgewitter aus der Mittel- und den beiden Seitenlogen.

Komponiert hat diese Musik der bereits sehr Musiktheater erfahrene Bernhard Lang nicht nur als Gegenwarts-Kunst, sondern mit vielfältigen Zitaten aus der Musik-, ja Operngeschichte raffiniert verwobenes Ausdrucksmittel in der Konfrontation der heutigen Dora mit der kulturellen Vergangenheit. Die Singstimmen sind darin entweder in Sprechgesang-Manier oder bewussten liedhaften oder dramatischen Sequenzen eingebettet und im Dienst des Ausdrucks vielfach betont in die Tiefe oder die Höhe geführt. Die klassische Orchesterbesetzung (ohne Oboe) kammermusikalisch reduziert ist durch reichlich Schlagwerk, Klaviere und vor allem zwei Synthesizern maßgeblich erweitert, die das stilistische Konglomerat rhythmisch aufmischen und so überhaupt zum fast unentwegten Vorwärtsdrang der Partitur mit nur minimalen Ruhepunkten beitragen. Nicht nur in der Spieldauer, in der Ausdrucksdichte Langs, sondern auch im wortreichen, mit der Musik perfekt kooperierenden Libretto von Frank Witzel erinnert dieser Einakter mit fünf Szenen immer wieder an Strauss „Elektra“. Genau die, aber auch Motive aus der „Götterdämmerung, aus „Otello“ und Gounods „Faust“ (Dora als weibliches Pendant) machen das Zuhören zu einem manchmal schmunzeln machenden Erlebnis für den Kenner. Auch weil diese Zitate nicht beliebig eingestreut sind, sondern sinnfällige Assoziationen zum Text und zu den Personen herstellen.

Wie ist einer solchen Thematik szenisch beizukommen? Nun, Elisabeth Stöppler hat im meist leeren, nach hinten und seitlich von einem durchlässigen Gerüst abgeschlossenen Bühnenraum von Valentin Köhler (auch Kostüme), der zunächst von einer weißen Wand mit Doras in großen Lettern geschriebenem Namen verschlossen ist, durch ungehemmte Konfrontationen starke Rollenprofile heraus gearbeitet. Zumal die Begegnungen von Dora und dem Teufel steigern sich zum Gipfeltreffen zweier Schlagfertiger auf Augenhöhe. Über die weiße Wand, die dann als Podium für alle Szenen in Schräglage nach unten gekippt wird, flimmern Projektionen eines brennenden Blattes oder einer reißenden Flut. Im Hintergrund erscheinen eine Madonna und der antike Chor in Gestalten mit riesigen Gesichtsteilen als Bild gewordene Erscheinungen möglicher Lebensausrichtungen, die aber Dora allesamt nicht überzeugen und aus ihrem trostlosen Dasein zu befreien vermögen. Rebellisch begehrt sie auf und wehrt sich mit teils verworrenen Textkaskaden, die wiederum in der Musik ihren Widerhall finden. Die Partie ist nicht nur fast durchgehend gefordert, wechselt zwischen betontem Sprechgesang, skandierten Passagen sowie kurzen melodischen Entfaltungen und das in einem enormen Registerumfang. Für Josefine Feiler, deren Entwicklung zum dramatischeren Fach bereits in ihren letzten Rollen hörbar wurde, eine perfekte Gelegenheit ihre vokale Reife und die Tragfähigkeit und Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem teils doch recht lauten Orchesterpart auszuspielen. In der gesamten Anlage lyrischer wie zupackender Abschnitte, den Monologen und starken Dialogen erinnert Langs/Witzels Titelheldin der wie erwähnt auch musikalisch zitierten Elektra.

Die Teufels-Gestalten in Opern sind meist besonders prägnant ausgearbeitete Rollen, und so bietet auch hier jener böse Geist, der stets verneint, eine ideale Vorlage für einen Charakter-Interpreten wie Marcel Beekman. Mit fein wie auch zugespitzt eingesetztem Tenor, der sich im Zuge zweideutiger Anspielungen und windungsreicher Dialektik ohne Aufgesetztheit in den hohen Falsettbereich empor schwingt, beherrscht er souverän die ganze Klaviatur farbenreicher Interpretations-Kunst.

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Elliot Carlton Hines, Josefin Feiler. Foto: Martin Sigmund

Die weiteren Mitwirkenden sind weniger ausgeprägt aber dennoch gut umrissen angelegt. Elliott Carlton Hines stattet den unglücklich verliebten Berthold mit rührend weichen Zügen und dazu passend empfindsamem Bassbariton aus, der sich in einem kurzen eingelegten Abstecher zur „Lieben Farbe“ aus der „Schönen Müllerin“ auch sanglich äußern darf. Zuletzt schält sich aus seinem Stammeln jenes Wort „sondern“ hervor, das Dora aufgreift und vielleicht einen Neuanfang, eine neue Perspektive ihres Lebens eröffnet.

Maria-Theresa Ullrich und Stephan Bootz geben den Eltern griffige Züge und vokale Klarheit, Shannon Keegan kann sich als Dora am ehesten beipflichtende Schwester weniger deutlich verlautbaren, Dominic Große umreißt den in einer eigenen (Waffen-)welt lebenden Bruder in kurzen hektischen oder heraus gestoßenen Bemerkungen.

Enorm sind die rhythmischen Anforderungen an das Spezialensemble Neue Vocalsolisten extended, die die acht SängerInnen einheitlich exakt bewältigen und den Text des Antiken Chores wortdeutlich und dynamisch wandelbar hörbar machen.

Elena Schwarz hatte das Staatsorchester Stuttgart durchweg souverän im Griff, steuerte Solisten und Musiker sicher durch das wie gesagt stets getriebene, vorwärts preschende, sich dazwischen auch mal in längeren Schleifen verfangende musikalische Geflecht.

Für diese, wie auch auf der Homepage der Staatsoper zu lesen, teuflisch gute neue Oper gab es verdient unwidersprochenen Jubel für alle Beteiligten!

                                                                                                                      Udo Klebes

 

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