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STUTTGART/ Staatsoper: DON PASQUALE (Wiederaufnahme)

Missgeschick mit einer Schönen

27.11.2018 | Oper


Copyright: Martin Sigmund

Wiederaufnahme von Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ (Vorstellung am 26.11.2018) in der Staatsoper/STUTTGART

MISSGESCHICK MIT EINER SCHÖNEN

 Diese Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito kommt nach wie vor locker-flockig daher. Im opulenten Bühnenbild von Jens Kilian und den ganz aufs Moderne zugeschnittenen Kostümen von Teresa Vergho kann sich das Handlungsgeschehen auf einer verwirrenden Drehbühne voll entfalten.

Durch die Heirat mit einer jungen Schönen möchte der alte und gut situierte Don Pasquale noch einmal seine Jugendträume auffrischen. Rasch wird er aber über die Lächerlichkeit dieses Wunsches belehrt. Dem Zuschauer bleibt hier das Lachen im Halse stecken, denn der Alte wird mit dieser Scheinehe von seiner jungen „Frau“ Norina, dem raffinierten Doktor Malatesta und seinem eigenen Neffen Ernesto in schamloser Weise ausgenommen. Für den hervorragenden Bassisten Enzo Capuano ist die Verkörperung des Don Pasquale eine Paraderolle, die er auch mit großem schauspielerischen Geschick ausfüllt. Dies gilt vor allem für jene Szene, wo im seelisch völlig aufgewühlten Don Pasquale verschüttete Erinnerungen an seine Jugendliebe Nina aufbrechen. Malatesta hat ihm seine eigene Schwester Sofronia als Ehefrau angepriesen. Dann kommt jedoch heraus, dass Norina und Sofronia ein und dieselbe Person sind. So bleibt der alte Mann zuletzt frustriert und allein zurück. Der Neffe wird als Universalerbe eingesetzt und erhält Norina zur Ehefrau.


Enzo Capuano, Ana Durlovski. Copyright: Martin Sigmund

Dem einfühlsamen Dirigenten Francesco Angelico gelingt es mit dem ausgezeichnet musizierenden Staatsorchester Stuttgart, die melodischen Feinheiten und den Brio-Schmelz voll auszukosten. Die Kantilenen der Sänger schwelgen im geheimnisvollen Belcanto-Zauber. Und auch die Verflechtung des italienischen Melos mit der französischen Opera comique ragt hier in reizvoller Weise hervor. Beim Koloraturenfeuerwerk von Norinas Arie „O diese Glut in Blicken“ blüht Ana Durlovski in mediterranem Klangzauber auf. Die komödiantische Stimmung wird im von Manuel Pujol subtil einstudierten Dienerchor im dritten Akt in exzellenter Weise deutlich. Hier kann sich der Chor der Staatsoper ausgezeichnet entfalten. Auch das gefühlvolle Klarinettensolo bei der Ouvertüre sticht in Arabesken und Kaskaden facettenreich hervor. Der Animationsfilm von Studio Seufz mit seiner ausgeprägten Zeichentricktechnik ist zwar etwas gewöhnungsbedürftig, passt sich dem musikalischen Geschehen dann aber dennoch an. Die klanglich und kontrapunktisch glutvollen Farben der Partitur werden immer wieder in reizvoller Weise ausgekostet. Norinas Ohrfeige stürzt Don Pasquale in eine noch stärkere psychische Krise, was Enzo Capuano bei der in manchen Momenten sehr sensiblen Inszenierung minuzös herausarbeitet. Diese Ohrfeige soll auch ein deutlicher Hinweis darauf sein, dass Norina einer ganz anderen sozialen Welt entstammt als der betuliche Unternehmer.

Da ändern sich dann plötzlich auch die harmonischen Welten. Mit kernigem Bariton agiert dagegen der verschlagene Johannes Kammler als durchtriebener Doktor Malatesta, der die großbürgerliche Atmosphäre dieser Inszenierung in ganz erheblicher Weise stört. Mingjie Lei als Neffe Ernesto bringt mit strahlkräftigem Tenor seine gewaltige Rebellion gegen den Alten auf den Punkt. Als Malatestas Cousin Carlotto und Notar agiert Elliott Carlton Hines mit des Baritons Grundgewalt. Die Globalisierungs-Ängste der Gesellschaft werden bei dieser doch sehr hintersinnigen Inszenierung voll aufs Korn genommen – auch wenn Enzo Capuano in „Dolce vita“-Manier vor sich hintänzelt. Mit herrlichem Streicher-Legato wartet das vorzügliche Staatsorchester Stuttgart unter der das Prickelnde betonenden Leitung von Francesco Angelico immer wieder in beglückender Weise auf. Beim strettaähnlichen Schluss scheut sich das Ensemble auch nicht, sich den ausgelassenen rhythmischen Impulsen der Musik voll und ganz hinzugeben. Man wippt in leidenschaftlicher Weise hin nnd her. Köstlich ist auch, wie das Staatsorchester Stuttgart dem völlig verzweifelten Enzo Capuano alias Don Pasquale hilft, die „Katastrophe“ zu überstehen. Zuletzt wirft er dennoch den Teller  lustlos von sich. So kann sich Norinas Dur-Melodie in glanzvoller Weise entfalten. Don Pasquale ist hier tatsächlich fassungslos. Singen und Sprechen konkurrieren dabei in mitreissender Weise. Dies ist der große Vorzug von Donizettis Meisterpartitur, den Francesco Angelico als Dirigent ganz hervorragend betont. Einmal wird Don Pasquale sogar vom Gesang der anderen Protagonisten regelrecht eingeengt und überflutet. Ein Problem, das der stets reaktionssichere Enzo Capuano aber souverän löst. Und die große Coda vereint wieder alle Gegensätze in imponierender Art.

Hier zeigt sich Francesco Angelico als ein souveräner Dirigent, dem es sehr überzeugend gelingt, die kleinsten thematischen Fäden zusammenzuhalten. Die Partitur wird bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet, man hört manche Passagen neu. Beim Duett mit ihrem Verbündeten Doktor Malatesta kommt es zu einer weiteren dynamischen Steigerung, die kaum noch aufzuhalten ist. Stark verzerrte Akzente beherrschen wiederholt die ausgefeilte Chromatik, die Francesco Angelico mit dem Staatsorchester Stuttgart voll ausreizt. Die kantablen Momente erstrahlen dennoch in voller Schönheit. Jubel belohnte diese insgesamt fabelhafte Vorstellung.

Alexander Walther

 

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