Wolfgang Amadeus Mozarts „Don Giovanni“ am 11.1.2026 in der Staatsoper/STUTTGART
Labyrinth der Täuschungen

Foto: Martin Sigmund
Casanova soll bei der Uraufführung im Jahre 1787 sogar anwesend gewesen sein. Auch in der Inszenierung von Andrea Moses werden die Männer- und Frauenbilder in hintersinniger Weise in Frage gestellt. Anlässlich der Wiederaufnahme präsentiert das feministische Musiktheater- und Hörspielkollektiv staatsoper24 im neuen Format VOR-VORSPIEL mit einer kurzen Geschichte des Bademantels. Künstlerisch-sinnliche und spielerische Assoziationen werden hier in gewitzter Weise mit der Tierwelt verbunden. So behauptet sich der Hund Harry wacker als „Dog Giovanni“, der alles auf den Kopf stellt. Mozarts Held trifft dabei auf ein flauschiges Gegenüber. Die Vermischung der Sphären tritt in Andrea Moses Inszenierung immer wieder deutlich hervor. Don Giovanni erweist sich dabei auch als Chamäleon, der nicht nur Verführer und Betrüger ist, sondern auch manchmal der Betrogene. Mozarts und Da Pontes Meisterwerk wird hier als ein Labyrinth der Täuschungen inszeniert. Man befindet sich in einem Hotel, in dessen Transiträumen der Schwerenöter von einer Eroberung zur nächsten eilt. Im Programmheft sind Texte von Casanova und Marquis de Sade zu finden. Am Ende erschießt sich Don Giovanni selbst, nachdem er von einer Männergruppe mit Schlagstöcken bedroht wird. Bindungslosigkeit ist die unabhängige Voraussetzung von Don Giovannis Existenz. Er ist stets im Begriff, die Brücken hinter sich abzubrechen, das kommt bei Andrea Moses‘ Regiearbeit deutlich zum Ausdruck. Der dramaturgische Steigerungsbogen ist ebenso konsequent wie logisch durchdacht, auch wenn es zuweilen szenische Schwächen gibt. Bühne und Kostüme von Christian Wiehle und die Choreographie von Jacqueline Davenport zeichnen ein betont modernes Bild. Es ist ein Paradoxon, dass der Zusammenhalt der zentrifugal auseinanderstrebenden Kräfte durch Don Giovanni hergestellt wird, der aber jede Gemeinschaft zerstört.
Gerade bei den Ensembles erweist sich in Andrea Moses‘ Inszenierung die prinzipielle Unverträglichkeit der treibenden Kräfte und der beteiligten Personen. Unter der musikalischen Leitung von Cornelius Meister kann das Staatsorchester Stuttgart sich im Laufe des Abends dynamisch mächtig steigern. Und auch der Charakter dieser glutvollen Musik als „Dramma giocoso“ (also „heiteres Drama“) wird voll erfasst. Ernst, Humor, Tragik und Burleske gehen hier wirklich nahtlos ineinander über. Die menschliche Seele wird so einfühlsam beleuchtet. Den volkstümlichen Charakter dieser Musik verleugnet Meister keineswegs. Beim Duett „Reich mir die Hand“, der bekannten Champagnerarie oder Don Giovannis Ständchen „Horch auf den Klang der Zither“ kann vor allem der famose Bariton Johannes Kammler als verführerischer Don Giovanni punkten. Rhythmisch treten in elektrisierender Weise das Menuett, der Deutsche Walzer und auch der Kontretanz hervor. Leidenschaftliche melodische Steigerungen kommen hier ebenfalls nicht zu kurz. Davon profitieren vor allem die Sängerinnen Martina Russomanno als Donna Anna, Diana Haller als Donna Elvira sowie Natasha Te Rupe-Wilson als Zerlina. Und auch Moritz Kallenberg als Don Ottavio, Michael Nagl als Leporello und Andrew Bogard als Masetto bieten immer wieder bemerkenswerten stimmlichen Charakterisierungsreichtum. David Steffens überzeugt als Komtur vor allem am Schluss.
Schon bei der Ouvertüre schöpft Cornelius Meister aus dem Vollen. Da beschwört er überirdische Mächte herauf, das drohende Schicksal lässt die Gestalt des Steinernen Gastes unheimlich erscheinen, auch wenn manchmal die dämonische Größe fehlt. Starre Synkopen, grelle Sforzati verbinden sich hier in geheimnisvoller Weise mit dem Tremolo der Bratschen und den gespenstischen Skalengängen der Geigen, die sich immer mehr zu verdichten scheinen. Das Hauptthema mit dem ritterlichen Nachklang in den Bläsern vermischt sich mit herrischen Unisono-Schritten. Weitere musikalische Höhepunkte sind dabei der zynische Dialog zwischen Don Giovanni und Leporello sowie die berückenden Signorina-Rufe Don Giovannis. Donna Elviras Auftritts-Arie „Ah, chi mi dice mai“ ist bei Diana Haller von erhabenem Zorn erfüllt. Die Erbarmungslosigkeit von Leporellos Register-Arie wird durch unzählige Frauen-Fotos optisch ergänzt, die bei dieser zuweilen hintersinnigen Inszenierung wie ein Poesie-Album aufgeschlagen werden. Und der Verführungsversuch an Zerlina lässt das Chaos ausbrechen, das sich schon in der Arie „Fin ch’han dal vino“ angekündigt hat. Die Disharmonie des angekündigten Festes arbeitet Cornelius Meister mit dem Ensemble grell heraus! Manchmal wünscht man sich vielleicht noch mehr Dramatik, die sich zuletzt dann aber mit voller Wucht und Pauken-Grollen einstellt. Da scheint E.T.A.Hoffmanns Horror-Erzählung „Don Juan“ dann ganz präsent zu sein. Der Staatsopernchor unter der inspirierenden Leitung von Bernhard Moncado bietet wieder eine fulminante Leistung. Und bei der dröhnenden Antwort des Komurs tut sich C-Dur wie ein bodenloser Abgrund auf. Und die eigentliche Versöhnung findet in Zerlinas Arie „Vedrai carino“ statt, der Natasha Te Rupe-Wilson reizvolle Klangfarben verleiht.
So stehen Scherz und Entsetzen bei dieser durchaus packenden Aufführung immer wieder dicht beieinander, was das Publikum mit tosender Begeisterung und Ovationen quittiert.
Alexander Walther

