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STUTTGART/ Staatsoper: DIE WALKÜRE. Abstrakte Formen und Farben

24.04.2022 | Oper international

Richard Wagners „Walküre“ am 23.4.2022 in der Staatsoper/STUTTGART

Abstrakte Formen und Farben

 Drei Regisseure wurden für diese Inszenierung verpflichtet – und es gelingt ihnen trotz aller Gegensätzlichkeit, zum tiefen Gehalt und Sinn dieses ersten Tags des Bühnenfestspiels des „Ring des Nibelungen“ vorzudringen. Das niederländische Puppenspiel-Kollektiv Hotel Modern lässt im ersten Akt viele Dinge und Menschen zusammenkommen. Neben der anarchischen Seite treten das Absurde, der Humor, das Surreale und das Handgemachte deutlich hervor.

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Simone Schneider, Michael König. Foto: Martin Sigmund

Es geht auch um Krieg, Zerstörung und Tod. Darin gibt es erschreckende Parallelen zum Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine. Das Regieteam hat sich auch schon mit dem Ersten Weltkrieg und den Ereignissen im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau beschäftigt. Hierzu gibt es im ersten Akt immer wieder deutliche Assoziationen, obwohl Tiere eine entscheidende Rolle spielen. Zerstörte Städte korrespondieren dabei in gespenstischer Weise mit Mausköpfen und toten Ratten, die blutüberströmt auf dem Boden liegen. Das Ganze wird dann wie mit einer Lupe in unheimlicher Weise vergrößert. Der Konflikt zwischen Sieglinde, Siegmund und Hunding gewinnt dadurch sofort etwas Elektrisierendes. Formen der Verfremdung im Sinne Bertolt Brechts sind nicht zu übersehen. Trotzdem sucht man oft eine klare Verbindung zur eigentlichen Handlung, manches wirkt doch eher zu aufgesetzt und verstörend. Ein guter Einfall ist zuletzt das riesige, von oben herabfahrende Schwert Nothung, das sich in die Esche rammt. Man kann sagen, dass diese Regiearbeit trotz allem zu statisch ist. Das Leidenschaftliche und Unmittelbare ist nicht immer zu erkennen.

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2. Akt: Okka von der Damerau. Foto: Martin Sigmund

Urs Schönebaum (Regie, Raum, Licht) hat zusammen mit Yashi (Kostüme) den zweiten Akt inszeniert. Hier spielen Lichteffekte sowie abstrakte Achsen und Formen eine viel größere Rolle. Schönebaum übernimmt die Erzählung von Siegmund und Sieglinde, die im zweiten Akt in einem deutlicheren Verhältnis zu Wotan stehen. Gleichzeitig fällt eine gewisse Bewegungsarmut auf, die man auch durchaus als Schwäche der Regie bezeichnen kann. Schönebaum begreift den zweiten Akt als Wotans Akt und blickt ganz genau auf ihn. Man sieht zunächst den eher zärtlichen Vater mit den kindlichen Geschwistern Siegmund und Sieglinde – aber es gibt zugleich den ängstlichen Herrscher, der den kalten Krieger mimt. Seine Frau Fricka wird als selbständige souveräne Frau charakterisiert. Wagners Universum bekommt bei Schönebaum auch etwas Mystisches. Es gibt hier  sieben Türme, die in verschiedenen Konstellationen immer wieder andere Formen von Architekturen zitieren. Bildwelten werden aus der Zentralperspektive widergespiegelt – als Kathedrale, als Stadt und als ungeordneter Wald. Von heftiger Wirkung ist das Ende, wenn Wotan Siegmund mit dem Messer abschlachtet und dieser als blutüberströmte Leiche an Seilen nach oben fährt. Allerdings ist dies eine sehr freie Sichtweise, bei der der eigentliche Täter Hunding gar nicht vorkommt.

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3. Akt: Die Walküren. Fot0: Martin Sigmund

Ulla von Brandenburg (Regie, Raum und Kostüme zusammen mit Julia Mosse) lässt den dritten Akt bei ihrer Inszenierung  überraschend anthroposophisch wirken. Sie begegnet dem Werk eher sinnlich und nicht unbedingt intellektuell. Im Kostümbild der acht Walküren wird die Individualität innerhalb der Gruppe herausgearbeitet, das chorische Prinzip dominiert. Doch auch dabei spielt der universelle Gedanke eine bedeutende Rolle. Die wellenartigen Bewegungsstrukturen in roter und blauer Farbe lassen sogar an die Rheintöchter denken. Das Bühnenbild veranschaulicht so den Übergang von der Göttlichkeit zur Menschlichkeit. Wotans strenger, gequälter und trauriger Charakter steht deutlich im Zentrum. Und der beste Einfall kommt zuletzt – wenn nämlich die auf dem Walkürenfelsen schlafende Brünnhilde noch einmal in einem  leuchtenden Kreis in der Höhe dargestellt wird. Manchmal stört aber auch die grelle Farbigkeit des Geschehens. Die Geheimnisse der Liebesgeschichte von Sieglinde und Siegmund, Wotans Weltverzweiflung und Brünnhildes Befehlsverweigerung gewinnen so trotz einiger szenischer Abstriche eine neue Bedeutung. Rein musikalisch kann man innerhalb des Abends eine deutliche Steigerung erkennen.

Unter der Leitung von Cornelius Meister musiziert das  Staatsorchester Stuttgart aus einem Guss. Die konsequente leitthematische Verflechtung im ersten Akt sowie die konzentriert-dramatische „Todverkündigung“ im zweiten Akt zeigen außerdem starken Klangfarbenreichtum und eine klare kontrapunktische  Struktur. Am besten gestaltet Cornelius Meister zusammen mit dem Staatsorchester Stuttgart aber den dritten Akt, wo Wotans Auseinandersetzung mit Brünnhilde vor allem eine starke poetische Note erhält. Im ersten Akt könnte manche Sequenz noch eindringlicher gestaltet werden, wobei das Sturmmotiv durchaus packende Momente besitzt. Auch die vorwärtsstürmende Wirkung beim Vorspiel zum zweiten Akt als Flucht der liebenden Geschwister könnte noch dramatischer gestaltet werden.

Brian Mulligan lässt als Wotan mit seinem hohen Bass auch den von spärlichen Motiven  begleiteten Sprechgesang ausdrucksvoll deutlich werden –  doch gerade im zweiten Akt hätte man sich zuweilen bei seinen Gefühlsausbrüchen noch eine dramatischere Gestaltung im Orchester gewünscht.  Eine ausgezeichnete Leistung vollbringen Simone Schneider als Sieglinde und Michael König als Siegmund, sie wachsen in mitreissender Weise ganz in ihre Rollen hinein. Okka von der Dameraus Darstellung der Brünnhilde gewinnt im Lauf des Abends ebenfalls immer deutlicheres Format. Vor allem im dritten Akt zeigt sie glühende Emphase, die ihre Angst vor dem drohenden Schicksal gleichsam überwindet. Der „Schlafzauber“ erreicht bei dieser Wiedergabe eine erstaunliche Intensität. Cornelius Meister arbeitet mit dem Staatsorchester Stuttgart die erhabene Größe dieser Musik bei Wotans „Abschiedsgruß“ in bewegender, ja ergreifender Weise heraus. Man kann die einzelnen Motive wie das Motiv der Beschirmung oder das Walküren-Motiv als Motiv seliger Rührung bei „a“ mit überschwänglichen Tonfolgen sehr genau vernehmen. In weiteren Rollen überzeugen Annika Schlicht als leidenschatliche Fricka, Goran Juric als robuster Hunding und vor allem die gesanglich allesamt hervorragenden „Walküren“ Esther Dierkes (Gerhilde), Clare Tunney (Helmwiege), Leia Lensing (Waltraute), Stine Marie Fischer (Schwertleite), Catriona Smith (Ortlinde), Linsey Coppens (Siegrune), Anna Werle (Rossweiße) und Maria Theresa Ullrich (Grimgerde).

Es ist eine ungewöhnliche Inszenierung, deren Besuch sich in jedem Fall lohnt. Es gab viel Jubel  und Ovationen für das gesamte Team.

Alexander Walther

 

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