Staatsoper Stuttgart: „DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG“ – unnötig überfrachtetes Handwerk. 7. Februar 2026

Martin Gantner (Sachs) und Björn Bürger (Beckmesser) im 2.Akt. Foto: Matthias Baus
Nach gut dreißig Jahren war es höchste Zeit für eine Neuninszenierung von Wagners einziger auf dem Boden des normalen Volkes bleibendem Bühnenwerk, zumal sich die letzte Produktion schwer verdaulich an der Geschichte der damals noch jungen deutschen Wiedervereinigung abgearbeitet hatte. Die Hoffnung, dass sich Elisabeth Stöppler nicht von der missbrauchenden Vereinnahmung des Stückes durch die Führer des Dritten Reiches leiten ließ, ging leider nur für zwei Akte auf.
Bis dahin verläuft ihre Inszenierung auf zwar nicht traditionellen, aber in der Erzählung der Geschichte dicht am Verlauf bleibenden Gleisen. Valentin Köhler hat dafür eine Bühne geschaffen, die das Geschehen in einem überepochalen Kunstraum mit einem Treppenaufbau verortet, der ebenso wie das als Rohbau mit Holzgebälk durchscheinbare Haus im zweiten Akt fest verklinkert bzw. betoniert wird. Von dieser auch in der Kostümgestaltung (Gesine Völlm) eine jüngere Vergangenheit evozierenden und mehr auf Farben ausgerichteten Szenerie für die ersten beiden Akte hebt sich die im Vordergrund bei herab gelassener Zwischenleinwand als heller Kasten wie ein Labor mit tief hängenden Arbeitslampen ausgeleuchtete Schusterstube im Schwarz-/Weiß-Setting ab, ehe die Festwiesen-Szene vor einem auf das Parteitagsgebäude der Nationalsozialisten in Nürnberg hinweisenden Monument statt findet. Da passte die Titel gebende Stadt dann doch ins Regie-Konzept!
In der Zeichnung der Figuren bis hin zu den einzelnen Meistern als in verschiedenen Karo-Mustern heraus gearbeitete Individuen leistet die Regie gutes Handwerk im reichhaltigen Dialog des Textes, kulminierend in einer sehr gut gelösten, weder abwegigen noch übertriebenen Prügelszene. Bis dahin gibt es auch schon allerlei Querverweise auf einer zweiten Ebene wie das zum Eingangschoral von einem später als Nachtwächter fungierenden Priester getaufte Kind – wohl eine Anspielung auf den Vergleich Johannes des Täufers mit dem „Erlöser“ Hans an der Pegnitz. Oder die Vögel, auf die sich Walther von Stolzing u.a. als seine Lehrmeister aus der Natur bezieht und in deren Masken-Köpfe die Meister bei ihrer Abstimmung und beim Wettbewerb gesteckt sind, weil sie schließlich selbst nicht mehr ihrem Regelwerk folgen, sondern in den allgemeinen Jubel über Sachs und das Lob auf die deutsche Kunst einstimmen. Dass solche Dinge teilweise nur dem Gespräch mit dem Regie-Team im Programmheft zu entnehmen und verständlich sind, gehört leider zu den heutigen Erscheinungen vieler Inszenierungen.
Im dritten Akt hat sich die Regisseurin wohl getrieben von ihrer artikulierten Hass-Liebe zu Wagner doch dazu verleiten lassen, unterstützt durch das bereits erwähnte Nürnberger Gebäude deutliche Fingerzeige auf die Zeit des Zweiten Weltkriegs zu geben, indem sie Stolzing beim Preislied als Hitler-Epigone auftreten und in einem Hänge-Korb ins All entschweben lässt, so dass dessen Ablehnung der Meistermedaille nur noch aus der Ferne tönt, und das Heilgeschrei des Volkes leicht gedämpft durch eine transparente Leinwand dringt. Hat sich doch der wie als König in langer roter Bordüre und Pappkrone gefeierte Sachs als naheliegend gefährlicher Populist erwiesen. Zurück bleiben er und Eva an jenem während der kompletten Aufführung zentral vorne stehenden Tisch in der Werkstatt, auf dem gearbeitet oder mehrfach von Hand oder mit Schreibmaschine Geschriebenes auf die Leinwand projiziert wird: „Fanget an“ lautet Stück bezogen das Motto. Sachsens mahnende Lobpreisung einer Kunstreligion ist zuerst an Eva und dann ans Publikum gerichtet. Das war alles in Allem doch zu viel an fortgedachter Gefahren-Belehrung und ein herber Dämpfer für die im Prinzip doch so gut im harmonischen C-Dur endende Musik.
Doch mit Letzterer setzte GMD Cornelius Meister ein so stark versöhnendes, in all ihren Grundfesten unerschütterliches gebündeltes Bekenntnis, gab ihr bei maßvollen Tempi sowohl mächtigen bisweilen feierlichen, aber nie schweren oder pathetisch überzogenen Impetus wie auch ihren so vielschichtig im Parlando-Ton gehaltenen leichten Fluss und immer wieder das romantisch getragene melodische Aufblühen. Das Staatsorchester Stuttgart glänzte in allen Bereichen mit ausgewogenen Leistungen, zumal die vielen heiklen Hörner-Einsätze erwiesen sich als sichere Bank. Der Staatsopern- und Extrachor kann für seine sowohl detail-exakte wie auch im gebündeltesten Tutti noch gegebene Transparenz der Stimmgruppen nebst seiner szenischen Leistung, vor allem den als Lehrbuben eingesetzten Damen, nur bewundert und gelobt werden.
Manuel Pujol ist für seine treffliche Einstudierungsarbeit darin einzuschließen.

Martin Gantner (Sachs), Daniel Behle (Stolzing) und Ensemble im 3.Akt. Foto: Matthias Baus
Rollendebuts bei allen Solisten sorgten für eine besonders spannende Premiere. Martin Gantner stand vor der komplizierten Herausforderung den im Prinzip durch seine Menschlichkeit, Reife und Toleranz als Licht- und Leitfigur gezeichneten Hans Sachs als Charakter mit zunehmend negativen Anzeichen einer Warnsignale gebenden Egozentrik zu gestalten, der nicht nur zum Durchsetzen seines Plans von Stolzings Sieg bei dessen Entwurf des Preislieds mit der Pistole hantiert. Der bislang als Sixtus Beckmesser international gefragte Bariton besteht diesen Widerhaken dank einer tragenden Persönlichkeit durchaus überzeugend zwischen Entschlossenheit und Nachsinnen. Vor allem erwies er sich als kluger Sänger, der sich den Mount Everest des Repertoires mit seiner nicht ganz so üppigen und in der Fülle etwas begrenzten Stimme so geschickt einteilt, dass auf der einen Seite viele auch leise Momente zu ihrem Recht kommen, die Tragfähigkeit durchgängig gewahrt bleibt und für die beiden fordernden Ansprachen der letzten Szene noch genügend Saft und Kraft zur Verfügung steht. Und er versteht es den eher eingeschränkten Farbreichtum seines hellen Timbres durch nuancierte Betonungen Gewinn bringend zu nutzen.
Der pedantische Stadtschreiber Beckmesser kann dem siegenden Stolzing durchaus auch die Show stehlen. Björn Bürger gelingt dies durch eine nicht nur negative Zeichnung des konservativ verbohrten Kontrahenten um Eva Pogners Hand sowie seinen perfekt sitzenden, wortdeutlichst und kernig wie auch flexibel eingesetzten Bariton. Die vielen Text-Pointen bringt er optimal zur Geltung. Dass Stolzing in Gestalt von Daniel Behle neben ihm etwas verblasst, liegt an dessen unverständlich farblos korrekter Kleidung und Charakterisierung, jedoch nicht am stimmlichen Zuschnitt. Denn Behles hörbare Erfahrung in der Lied-Interpretation wirkt sich in der differenziert feinen Text-Gestaltung in Zusammenführung mit seinem an Resonanz zugelegten, kultiviert angenehmen und bis in die Höhen klangvoll und sauber bleibenden Tenor aus. Damit hat er sich Eva redlich verdient. Warum diese etwas altbacken und mit einer unvorteilhaften Kurzhaar-Perücke ausstaffiert ist, bleibt unverständlich, zumal Esther Dierkes eine hübsche Ausstrahlung hat und mit dieser Partie eine ideale Aufgabe für ihren lyrisch reizvollen und im Forte eine etwas charakteristisch leicht herbe Note bekommenden Sopran gefunden hat. Das Quintett „Selig wie die Sonne“ führt sie meisterlich an. Magdalene ist in ihrer etwas alternativen Bekleidung eine ungewohnt selbstbewusste Frau, mehr eine Freundin als eine herkömmliche Amme. Maria Theresa Ullrich gibt ihr spielerisches Profil und präsent farbenreiche Töne.
Egal welche Rolle er anpackt, Kai Kluge tut es mit Beherztheit und überrumpelnder Überzeugung. So auch den Schustergesellen David, den er erfrischend locker spielt und mit seinem üppigen lyrischen und charakterstarken Tenor klangvoll ausformt. Ist bei ihm bereits ein späterer Stolzing hörbar, so dürfte bei David Steffens in der Zukunft ein Sachs möglich sein. Den Goldschmied Pogner stattet er mit Autorität und erdig gehaltvollem Bass-Volumen aus. Pawel Konik hebt sich durch seinen etwas kantig kräftigen und präzise eingesetzten Bariton als Fritz Kothner von ihm ab. Die weiteren Meister sind mit Heinz Göhrig (Balthasar Zorn), Dominic Große (Ulrich Eisslinger), Sam Harris (Augustin Moser), Stephan Bootz (Hermann Ortel), Torben Jürgens (Hans Foltz) sowie am prominentesten mit dem einstigen Sachs-Interpreten Franz Hawlata (Hans Schwarz) reichhaltig besetzt. Den geheimnisvollen Nachtwächter füllt Michael Nagl mit imposanter bass-baritonaler Statur.
Beim Erscheinen des Regie-Teams waren die etwas anhaltenden verbalen Publikums-Auseinandersetzungen aufgrund des zu Beginn des dritten Aktes gelesenen, völlig deplatzierten Textes der „Todesfuge“ von Paul Celan sowie die genannt negative Tendenz der Interpretation wohl weitgehend vergessen, denn es gab erstaunlich wenig Widerspruch. Die Wirkungsmacht der Musik und ihre geschlossen erstklassige Umsetzung löste uneingeschränkte Jubelstürme aus, wie sie in dieser Stärke wohl nur für eine Wagner-Oper möglich sind.
Udo Klebes

