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STUTTGART/ Staatsoper: „DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG“. Premiere

08.02.2026 | Oper international

 Die Meistersinger von Nürnberg, 7.2.26  Premiere

Diese späte Wagner-Oper wurde unter der musikalischen Leitung von GMD Cornelius Meister gespielt und  ist  die zweite Regiearbeit von Elisabeh Stöppler an der Stuttgarter Oper.

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Foto: Matthias Baus

Bereits im Vorspiel ist die Bühne offen,  wie später oft in weiß  gehalten, und der auch  weißhaarige und -bärtige Hans Sachs tritt in einer Pantomime gleich etwas hektisch auf , konzipiert etwas am weißen Tisch, wobei Eva auch noch hinzukommt, aber dann von Stolzing  „abgeholt“ wird. Man ahnt, dass das etwas mit der Regie zu tun hat, und Sachs schon anfänglich bemüht ist, sich auch schriftlich (‚Fanget an!‘) seiner Kontrolle der folgenden Oper zu versichern. Das aber auch im Gegensatz zum hier sehr munteren lautstark präzisen musikalischen Zugriff von seiten des Staatsorchesters unter Cornelius Meister.

Der 1.Akt dann auf der Bühne erst zweigeteilt, links der Chor schwarzweiß wie in Konzertaufstellung ohne Katharinenkirche, rechts eigentlich  das Pognerhaus zweistöckig aus Holzbalken konstruiert und Holztreppen, die hinaufführen, und der zukünftige ‚Schwiegersohn‘ Stolzing scheint hier bereits eingezogen, denn man sieht durch das Fachwerk hindurch Eva und ihn im Schlafzimmer beim Koitus. Unten ist natürlich auch Magdalene, die ja mit Eva in der Szene kommunizieren muss. In der folgendem  zeigt sich nun das Gebälk von der anderen geschlossenen Seite, und nun stellt sich eine ganz klare Assoziation ein: Die Holzbalken sind ‚gefüllt‘ mit rötlichen Backsteinen und stellen somit Segmente des Bayreuther Festspielhauses dar! Links davon eine breite Treppe, wo vorn die ‚Lehrbuben‘ (fast nur Frauen, von den vier asiatischen Namen kann man es ja nicht so genau wissen) schönstimmig die weißen Tische für die Freyung mit den Meistersingern zusammenstellen.(Bühne: Valentin Köhler) Während die anderen Lehrbuben in zum Teil  Frauenkleidern und -kostümen sich nach hinten zum Vespern zurückziehen, weist der ganz in schwarz gehaltene David den in schwarzen Anzug und Schlips gekommenen Stolzing in die Regel des Meistergesangs ein.(Kostüme: Gesine Völlm) Bei den Meistersingern dominiert das schottische bunte Karo, und sie sind auch allesamt köstlich  und eigenwillig inszeniert. Stolzing hat für seinen Gesangsvortrag auf einen normalen Stuhl in der Mitte der Meisterreihe zu sitzen, und der mit langen glatten Haaren junge Beckmesser verschanzt sich zum Merken links hinter  einer modernen Büroschreibtafel.

Im 2.Aufzug ist szenisch besonders sinnig der Frauentausch Eva – Magdalene gelöst, bei dem Eva  zu Beckmessers Ständchen am Fenster erscheinen soll. Während Eva sich mit Stolzing, der bei der Freyung versungen  hat und somit kein Meistersinger werden kann, auf die Flucht mit ihm einlässt, soll Lene an ihrem Fenster stehen  und sie tut das mit einer roten Mütze, unter der sie ihr im Gegensatz zu  Eva langes Haar verbirgt. Sonst trat sie bisher mit Brille und schicken Bügelfaltenhosen auf, während ihr ‚Zögling‘, besser Freundin, kurz angebunden und mit blauem Rüschenrock elegant unterwegs ist. Ihre ‚Verstecke‘ mit Stolzing sind aber, nicht nur fürs Publikum, gut einsehbar: Sie drücken sich an den Segmenten des Festspielhauses  und oben auf der Treppe entlang. Darunter im grell-weißen Licht (Elana Siberski) die nächtliche Szene Sachs – Beckmesser, der zu des Schusters dezenter Schuhklopf-Begleitung mit (spanischer) Gitarre sein Werbelied vorträgt. Daraus entwickelt sich die Massenschlägerei, wobei aber die Bürger, darunter auch alle Meistersinger und Lehrjungen, aber in ihrer Tagesgewandung erscheinen. Dabei geht es schon zur Sache aber noch im Rahmen, und danach beendet der Nachtwächter, die Treppe auf- und abschreitend, den Akt. Musikalisch wird hier noch gehaltvoller als im ersten begleitet, besonders der Kummer und die Wut über das Nichtgelingen in der bigotten Gesellschaft als Meister aufgenommen zu werden. Auch die Länge des Ständchens wird nicht langweilig ,da es sehr abwechslungsreich musiziert und fast flippig gesungen wird. Ein langes und anhaltendes Crescendo dann zur Prügelszene, die vom Chor auch  emphatisch und mit vollen Backen in wuchtigen Tonkaskaden gesungen, zuweilen fast  herausgeschrien wirkt.

Vor dem Schlussakt werden Gedichte von Nelly Sachs und Paul Celan („Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ aus der ‚Todesfuge‘) eingesprochen, was angesichts der damals vielleicht noch eher zu vertretenden Deutschtümelei Wagners besonders im 3.Akt vertretbar wäre, aber mit einem Zwischenruf „Aufhören“ aus dem Publikum quittiert wird.

Dann aber erstmal ein völlig gegensätzliches Bild mit der leeren weißen Schusterstube. Während die Szenen mit Eva, mit  Stolzing (Konzeption des Preislieds) und Beckmesser gut, aber in gewohnter Weise abrollen, und auch das Quintett nur mit einem wie auch alle Sachs‘ Schuhe  schwarzen Kinderwagen als Sinnbild für den 3.’Stollen‘ des Preisliedes garniert ist, geht dann der Festwiesenschluss szenisch so richtig in die Vollen. Bäcker -,Schneider-  und Mädels von Fürth-Auftritte noch unspektakulär, es sind gut sich bewegende tanzende Gruppen. Dann aber der Einzug der Meistersinger alle mit verschiedenen exotischen Vögelköpfen und Hans Sachs mt einer langen roten Schleppe und schwarzer Königskrone. So hält er auf dem oberen Podest seine Ansprache. In den Szenen davor hatte er sich schon öfter einen Lorbeerkranz aufgesetzt. Beckmesser geht nach seinem mit Stolzings Preislied verunstaltetem Auftritt erstmal einfach ab, kehrt aber nach Stolzings erfolgreichem Gesang nochmal zurück, um sich das von der ganz in weiß erstmal verschleierten, unten sitzenden Eva das originale von ihr live auf einem Schreibmaschinen-Oldie mitgetippten Preislied abzuholen,wobei sich die beiden sehr sympathisch mit Blicken messen.Stolzing, der jetzt auch in einen weissen Anzug seinen erfolgreichen Auftritt hatte, spielt danach keine Rolle mehr. Die Beziehung scheint beendet. Wie aufgesetzt und dröhnend wirkt Sachs‘ Schlussgesang. Nur noch er steht im Mittelpunkt und  der mächtige „Wacht auf“-Chor des Volkes auch ganz in weiß gerät zur Huldigung eines quasi Despoten. Und dass eher zwischen Beckmesser und Eva noch was geht, bekräftigt der ostentative Handkuss, den Beckmesser ihr beim Applaus gibt.

Musikalisch gibt es bei der Premiere nichts zu deuteln Die prächtig agierende Chöre sind zum letzten Mal einstudiert vom scheidenden Direktor Manuel Pujol. Auch im 3.Akt wunderbare Orchesterbegleitung sehr sonor auch in den Soli, Cello, und intrikate Violinläufe,transparent herausgearbeite hamonikale  Reibungen,makante,unerwartete Auflösungen sind in Evidenz gerückt.

Der sonore und textdeutliche Nachtwächter war Michael Nagl. Die Magdalene gab Maria Theresa Ulrich mit klanglichen agogisch fließendem Mezzo. Eine sehr frische agile Eva war Esther Dierkes, wundervoll singend und agierend mit farbigem und feintimbriertem Sopran. Den David gab Kai Kluge zwischen Spieltenor und Tendenz zum lyrischen Tenor. Die eher tutti Meistersinger  bestanden aus Torben Jürgens , Franz Hawlata, Stephan Boots, Sam Harros, Dominik Grosse, Heinz Göhrig, Pawel Konik, Shigeo Ishino und Torsten Hofmann. Den Goldschmied Veit Pogner sang David Steffens mit weichem schmeichelndem Bass. Den Walther von Stolzing sang Daniel Behle mit äusserst stimmschönen fast schwerelosem Tenor.

Als Hans Sachs gab Martin Günther ein Rollendebut.Und wie! Ein ganz flexibler höhenbetonter Bariton, der obwohl ältlich aussehend, hier seinen Plan energetisch verfolgt, auch wenn er Stolzing final nicht als Meistersinger durchbringt.Aber dafür geht er selber als groß Gefeierter ins Ziel, wenn man auch nicht so weit gehen will dass das eine große Niederlage für aufkommende demokratische Strukturen (Chorwesen) bedeutet.

 

Friedeon Rosen 

 

 

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