Staatsoper Stuttgart: „DIE MEISTERSINGER VON NÜRNBERG“ 22.3. 2026- mit Sachs für einen Abend

James Rutherford. Foto: Werner Kmetitsch
Für die letzte Vorstellung der Premieren-Serie musste die Hauptrolle umbesetzt werden. Dafür war bereits im Jahresprogramm Michael Volle angekündigt, der jedoch aufgrund einer Rippenverletzung nicht auftreten konnte. Dafür oblag James Rutherford die Herausforderung sich in nur zwei Probetagen in die detailreiche Inszenierung von Elisabeth Stöppler einzufinden. Wobei die größte Mühe wohl deren mit teilweise negativen Zügen behaftete Interpretation des Hans Sachs gekostet hat, denn des Schusters wiederholter Griff zur Pistole und Drohung mit derselben zur Durchsetzung seiner Wünsche widerspricht der von Wagner so menschlich reich, verständnisvoll und überaus positiv angelegten Figur. Da entstand doch der Eindruck, als müsste der mit Anfang 50 im idealen Rollen-Alter stehende englische Bariton gegen seine Überzeugung anspielen. Ansonsten erweist er sich als feinsinniger Interpret sowohl im nachsinnenden Monologisieren als auch im ruhigen Abwägen zwischen den Meistersinger-Kollegen und im Verhältnis zu Eva, Stolzing und Beckmesser.
Musikalisch ist ihm die reichhaltige Erfahrung mit dieser Partie durch bereits gut 50 Auftritte, darunter auch bei den Bayreuther Festspielen, in der souveränen Beherrschung der riesigen Aufgabe anzumerken. Seine weich und warm grundierte Stimme bewahrt den ganzen Abend über gleichmäßig präsente Resonanz, Qualität in der Verschmelzung von Melodie und Parlando, in der dynamischen Setzung von Höhepunkten. Rutherford muss sich nicht schonen, er haushaltet dank einer zuverlässigen Technik so, dass die unterschiedlichsten Akzente zu ihrem Recht kommen und sein Bariton bis zur Schlussansprache Frische und Kraft bewahrt. Allenfalls ein paar wenig tragfähige Tiefen fallen in dieser zu Recht vehement gefeierten Gesamtleistung als verbesserungsfähig auf.
Dass Björn Bürgers bestechend klar artikulierter und sauberst aussingender Beckmesser wieder höher in der Publikumsgunst stand als der im Prinzip für die gleichen Kriterien zu lobende Daniel Behle als Stolzing, liegt eindeutig an der hier verschobenen Charakterisierung der Kontrahenten um Evas Hand, wobei Beckmessers positive Aufwertung durchaus auch in der Rolle angelegt ist, während Stolzing, der ja frischen Wind in die Meistersinger-Gilde bringt, im blassen Anzug und zuletzt als deutliche Parallele zu Hitler dem ursprünglichen Ritter aus Franken widerspricht und ihm dadurch viele Sympathien geraubt werden.
Sowohl David Steffens als Pogner, Kai Kluge als David, Esther Dierkes als Eva, Maria Theresa Ullrich als Magdalene, Pawel Konik als Kothner wiederholten ihre einheitlich sehr guten bis rollendeckenden Leistungen von der Premiere. Überhaupt erstreckt sich die insgesamt geschlossen hohe Qualität bis hin zu den individuell gezeichneten Meistersingern, dem geheimnisvollen Nachtwächter, dem starken Einsatz des Staatsopernchores und nicht zuletzt der vom Staatsorchester Stuttgart erzielten durchgängig wachen Entfaltung der farbreichen instrumentalen Kommentare, die Wagner den Sängern unterlegt hat. Cornelius Meister gelang es wieder viereinhalb Stunden ohne Spannungsnachlässe im beständigen maßvollen Fluss zu halten, Höhepunkte machtvoll, aber nicht zu pathetisch aufzubauen und die ausgiebigen Konversationen hinreichend zu stützen. Der Kontakt zur Bühne war wie immer bei ihm durchgängig präzise.
Das hohe musikalische Niveau vermochte auch in dieser Vorstellung über die handwerklich im 3.Akt zunehmende Entfremdung von der Handlung und ihrem zeitlich/thematischen Umfeld hinweg zu retten und letztlich zu siegen. In den Publikumsjubel wurde auch Chordirektor Manuel Pujol eingeschlossen, dem damit seine letzte Einstudierung in dieser Funktion oblag, und von Operndirektor Victor Schoner mit Blumen bedankt und verabschiedet wurde.
Udo Klebes

