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STUTTGART/ Staatsoper: DIE LIEBE ZU DREI ORANGEN von Sergej Prokofjew

Mosaik aus Themen und Motiven

30.11.2019 | Oper

Bildergebnis für stuttgart die liebe zu drei orangen

„Die Liebe zu drei Orangen“ von Sergej Prokofjew am 30.11.2019 in der Staatsoper/STUTTGART „

Mosaik aus Themen und Motiven

Ein Unglück im Königshaus! Das ist staatspolitisch verheerend!“ Mit diesem Satz wird die zentrale Problematik von Prokofjews Oper „Die Liebe zu drei Orangen“ auf den Punkt gebracht. Es geht hier um einen Prinzen, der nicht lachen kann und der sich nach seiner Genesung in drei Orangen verliebt. Die Inszenierung von Axel Ranisch fasziniert als verpixeltes Computerspiel von 1993. Eine Gruppe russischer Konstruktivisten hat hier auch ein wichtiges Wort mitgesprochen. Die Bühne von Saskia Wunsch lässt eine fantastische Szenerie entstehen, deren unglaubliche Bilderfluten die Zuschauer ständig neu überfallen. Ein Junge sitzt vor dem Computer und nimmt Einfluss auf das Bühnengeschehen. Es entsteht eine interessante Konstellation zwischen Vater und Sohn. Der Vater muss den Sohn auch immer wieder aus unangenehmen Situationen befreien. In dieser zuweilen metaphysisch überhöhten und verrückten virtuellen Welt soll der Prinz mit schwermütiger Literatur vergiftet werden. Er ist dem Zauberer Cello und der Hexe Fata Morgana regelreicht ausgeliefert. Diese Szenen gehören zu Axel Ranischs besten Einfällen. Der Zauberer ist auch in der Lage, den Bühnenvorhang in geheimnisvoller Weise hin- und herzubewegen. Ranisch macht ebenso plastisch deutlich, dass in dieser einfallsreichen Oper drei Geschichten parallel erzählt werden. Neben der zentralen Geschichte um den depressiven Prinzen und seine manische Liebe zu drei Orangen gibt es auch eine Rahmengeschichte, in der der Zauberer Celio und die raffinierte Hexe Fata Morgana um die Vorherrschaft kämpfen. Und die Orangen-Handlung mitsamt der Rahmengeschichte wird noch einmal von der Auseinandersetzung der Anhänger verschiedener Theatergenres umrahmt. Die Komischen wünschen sich dabei Komödien, die Lyrischen Romanzen. Die Handlungen verlaufen auf verschiedenen Erzählebenen, was auch auf der Bühne plastisch sichtbar wird. Rastergrafiken beherrschen das visuelle Geschehen hier sehr stark. Sonderlinge, Tragische, Hohlköpfe, Kleine Teufel, Ärzte und Höflinge fügen sich zum Mosaik zusammen. Und die verzauberte Ratte zerstört die Hochzeitsfeier, verwandelt sich dann aber auch wieder in Ninetta zurück. Der Prinz wird zuletzt mit ihr vereint, während die anderen Prinzessinnen verdursten. Die fantasievollen Kostüme von Bettina Werner und Claudia Irro passen sich den Bühnenfarben an (Choreographie: Katharina Erlenmaier; Computeranimation: Till Nowak). Unter der impulsiven Leitung von Valentin Uryupin musiziert das Staatsorchester Stuttgart mit elektrisierender Emphase. Da sprüht auch in beglückender Weise der musikalische Witz. Der Wechsel von Komik, Groteske und geradezu leidenschaftlich-überschäumenden Kantilenen wird bei dieser Aufführung sehr gut herausgearbeitet. Die fast atemlose Folge von Rezitativ und Arioso verleiht dieser Interpretation eine innere Bewegtheit, die den Zuhörer unmittelbar mitreisst. Die skurrile Lachszene nach Fata Morganas Fall wird sehr überzeugend ausgekostet. Unwiderstehlicher Rhythmus und aggressive Harmonik explodieren in wiederholtem Maße. Die Vorahnung der technischen Dämonie unseres Jahrhunderts arbeitet der Dirigent Valentin Uryupin hervorragend heraus. Martellato-Passagen und chromatische Finessen in dieser Partitur übertragen sich auch auf die Sänger, die Ausgezeichnetes leisten. Kai Kluge (Tenor) als stimmgewaltiger Prinz hält gesanglich das Szepter in der Hand. Herausragend sind ferner Michael Ebbecke (Bass) als unheimlicher Zauberer Celio und die grandiose Carole Wilson als umtriebige Hexe Fata Morgana. In weiteren Rollen fesseln ferner David Steffens als Kreuz-König/Herold, Stine Marie Fischer als Prinzessin Clarice, Shigeo Ishino als Premierminister Leander, Daniel Kluge als quirliger Spaßmacher Truffaldino, Dominic Große als Pantalone, Alexandra Urquiola als Linetta, Fiorella Hincapie als Smeraldina/Nicoletta, Natalija Cantrak als Ninetta, Matthew Anchel als Farfarello/die Köchin, Christopher Sokolowski als Zeremonienmeister und Malte Harrach als Serjoscha. Der Staatsopernchor unter der souveränen Leitung von Manuel Pujol begeistert mit voluminöser Strahlkraft. Wie die harmonische Sprache gleichsam zum Ausdruck machtvoller Empfindungen wird, verdeutlicht der Dirigent Valentin Uryupin anhand des Marsches mit seinen unerbittlichen Staccato-Akzenten. Gerade die formale Präzision der Partitur wird hier immer wieder gut herausgearbeitet. Rhythmen und Tonhöhen springen zuweilen in die Luft. Die Gleichzeitigkeit von Chromatik und Diatonik offenbart viele Nuancen in der Harmonik. Anika Rutkofsky ist für die szenische Leitung der Wiederaufnahme verantwortlich. Jubel.

Alexander Walther

 

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