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STUTTGART/ Staatsoper: DIALOGUES DES CARMELITES von Francis Poulenc

30.03.2026 | Oper international

Oper Stuttgart: DIALOGUES DES CARMELITES von Francis Poulenc, Premiere  29.3.2026

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Rachael Wilson. Foto: Matthias Baus

Diese einzige grosse Oper von Poulenc aus dem Jahr 1957,wird in Stuttgart in einiger Hinsicht szenisch neu interpretiert und am Ende auch mit zusätzlicher Handlung versehen. Das Libretto von Poulenc auf das Drama von George Bernanos wurde ergänzt basierend auf der Novelle „Die letzte am Schafott“ von Gertrud von Le Fort. Dabei geht es aber nur darum, dass die in den ‚Orden‘ eingetretene Blanche die kurz vor dem Gelübde der „Nonnen“ entflieht und in Paris fiktiv auf die beiden schon guillitonieren Ex-Königin Marie-Antoinette und die Frauenrechtlerin Olympe de Gouges trifft, dadurch sich selbst zum Martyrium durchringt  und in die Gemeinschaft zurückkehrt.

Das, was im Karmel an Gedankengut wichtig erscheint: die unbewusste Welt, das Verborgene, Mystische und Transzendente ist durchaus hier in der Regie von Ewelina Marciniak in der Frauengemeinschaft, auch an den offenen langen und immer wieder  ‚eingesetzten‘ Haaren  zu sehen. Aber erst im Kostümbild  ist die Unterscheidung wirklich manifest: „Es findet eine entscheidende Umkehrung statt. Nicht die Schwestern im Konvent erscheinen als uniformierte Gemeinschaft, sondern die Gesellschaft um sie herum“, so die Dramaturgin Carolin Müller-Dohle im Programmheft. Alle ‚Nonnen‘ erscheinen in individuellen Kleidern, Kostümen, auch Hosenanzügen, nicht gerade bunt, aber sehr phantasiereich, zeitlos,aber schon eher in die Moderne gerückt. Designt sind sie von Julia Karnacka.Fatal ist der Unterschied, wenn sie diese Verkleidung auf Polizeibefehl ablegen müssen ,um dann in ‚ziviler‘ ‚Volks’kleidung einheitlich weiße Blusen und schwarze Kostüme mit Röcken,  hochhackige Pumps tragen müssen.

Die Bühne von Mirek Kaczmarek ist zu Beginn eher leer mit abstrakt und farbig designten Wänden. Es bewegen sich dann bewegte Raumelemente hinein, die wie Labyrinthe mit undurchsichtigen Gängen anmuten. Durch die sich einmal der Bruder von Blanche hereinfindet, und es ist bezeichnend, wieviel Abstand Blanche hier von der Außenwelt schon erreicht hat. Oft ist hier die Signalfarbe bereits Rot. Die Krankenstation von Madame de Croissy erscheint erst wie ein roter Kasten in der Hinterwand, fährt dann aber nach vorn und alles darin ist weiss steril. Die Priorin wälzt sich hier immens naturalistisch in ihren Schmerzen.Blanche und Constance versuchen, ihr den Tod zu erleichtern.

Die Musik schlägt im 1.Teil mit Blanche in ihrer Restfamilie und in der neuen Frauengemeinschaft zwar schon den etwas düster-verlorenen Poulenc-Ton an, ist aber noch manchmal etwas melancholisch heiter. Das kann das Orchester unter der letztmaligen Leitung von GMD Cornelius Meister nicht adäquat herüberbringen. Die langen Dialoge zwischen Schwester und Bruder sowie später Blanche und Constance ziehen sich hin, da sie nicht pointiert und inspiriert untermalt erscheinen. Die Todesszene der Priorin erhält dann ihre Wirkung, da sie packend von Evelyn Herlitzius gespielt und ausgesungen wird. Erst als die Zeichen auf Ende der Alltäglichkeit und auf Angst und Gefahr getrimmt sind, drängt sich Opernmusik dramatisch in den Vordergrund. Und das geschieht ab da, wo die blau-weiss-rot uniformierte Polizei hereinmarschiert. Aber was ist denn das?? Anstatt  Zwei- oder Dreispitz-Kopfbedeckungen tragen sie Ami- Baseballcaps, lächerlich. Aber jetzt wird Musik packend und einschneidend, drängt sich dem Ende zu. Dazu furchterregende Bühnenbilder: ein grauer Pottwal mit geöffnetem Gebiss und einem rotgefärbten Fallbeil fest im Blick. Dazu später eine Figur wie ein riesiger liegender Marmor-Moses, aber das Gesicht nicht gut erkennbar. Hier soll wohl alles monumental wirken, was dann aber auch plakativ abrutschen kann, wenn die Schwestern einzeln wie unter der Dusche mit roter Farbe überschüttet werden und sich dann an der Rampe in einer Linie auf den Rücken,Kopf nach vorn, ablegen. Das etwas steril-plastische Geräusch der runterfallenden Guillottine fand ich auch nicht so überzeugend. Ergreifend aber, dass Blanche ganz am Schluss und als letzte auch ins stilisierte Schafott steigt, nachdem sie das geflüchtete Kind in Sicherheit gebracht hat.Viel Applaus am Ende für alle Beteiligten.

Die  Carmelites waren sowohl als Tänzerinnen, wie auch spielerisch als choreographierte Truppe und gesanglich als Chor hinreißend. Auch in den Kleinrollen gab es viele Rollendebuts: Jaewoung Lee als Thierry/ dr.Javelinot; Jacobo Ochoa, Joseph Tancredi (Kommissare, Kerkermeister); Torsten Hofmann als Beichvater mit Strickmütze; Cameron Becker mit fein stilisiertem Tenor als Chevalier de la Force, und Shigeo Ishina gab baritonal den Marrquis de la Force. Die Soer Mathilde gab Catriona Smith, Mere Jeanne war Helene Schneiderman.  Soer Constance,die sich mit Blanche hinreißend verstand, ist der braunmähnige Sopran Claudia Muschio.Die Mere Marie, die zur neuen ‚Priorin‘ Madame Lidoine in Konkurrenz geht, singt Diana Haller mit ihrem konturierten Mezzosopran. Simone Haller, dramatischer Sopran und blond, verkörpert eindrucksgebietend die neue ‚Oberin‘ und führt die Gemeinschaft durch das Martyrium an. Ihre Vorgänger in Gestalt von Evelyn Herlitzius kommt hier als Wagnersängerin ja nicht so gut zur Geltung.

Rachael Wilson hat mit ihrem komplexen Mezzosopran das Zeug, diese historische Frauenfigur congenial zu verkörpern und auszutarieren.

 

Friedeon Rosén

 

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