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STUTTGART/ Staatsoper: DENK ICH AN DEUTSCHLAND IN DER NACHT. Premiere

02.10.2020 | Oper international


Cornelius Meister. Foto: Marco Borggreve

STUTTGART/ Staatsoper: „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ am 1.10.2020 in der Staatsoper Stuttgart. Premiere

Reise ins Innere

 Dieses ungewöhnliche Programm ist der witzige konzertante Versuch, das „Konstrukt Deutschland“ auf humoristische Weise ad absurdum zu führen. Frei nach Heinrich Heines Versen „Denk ich an Deutschland in der Nacht“ ist so ein ambitioniertes Live-Hörspiel aus Stimmen, Klängen und Brechungen entstanden. Das Blasensemble „Erpfenbrass“ führte vor dem Opernhaus famos ins Programm ein. Im Zuschauerraum interpretierte Cornelius Meister mit dem Staatsorchester Stuttgart wunderbar weltabgewandt die „Metamorphosen“ für 23 Solostreicher von Richard Strauss, eine berührende Reminiszenz aus dem Trauermarsch von Beethovens „Eroica“. Strauss‘ trauriges Nachsinnen über eine verlorene Kriegszeit trat hier im abgedunkelten Raum in erschütternder Weise zutage. Diese ergreifende Elegie auf eine „Welt von gestern“ (die Stefan Zweig nicht überleben konnte) ging bei dieser intensiven Wiedergabe unter die Haut. Die Klage und Enttäuschung des 81jährigen prägte sich tief ein.


Diana Haller. Foto: Matthias Baus

Wahrhaft erhaben und mit weichem Timbre interpretierte dann Diana Haller (Mezzosopran) zusammen mit Cornelius Meister (Klavier) „Die alten bösen Lieder“ aus der „Dichterliebe“ op. 48, 16 von Robert Schumann. Träumerisch-innerlich kamen diese Klänge daher, und auch die harmonische Vielschichtigkeit überzeugte. Berührend und sensibel zugleich gestalteten Diana Haller und Cornelius Meister „Das Heimweh“ von Fanny Hensel. Nicht weniger kunstreich entwirrten Diana Haller und Cornelius Meister das kontrapunktische Geflecht bei Gustav Mahlers „Rheinlegendchen“ und „Das irdische Leben“ aus „Des Knaben Wunderhorn“, wo insbesondere die sehr gut herausgearbeiteten thematischen Bezüge überzeugten. Von Allen Ginsberg war dann als Wortbeitrag „Europe! Europe!“ zu hören. Bei Benjamin Scheuers „Hymnen“ konnte sich das sehr gut disponierte Staatsorchester Stuttgart unter der konzentrierten Leitung von Cornelius Meister mächtig ins Zeug legen, denn es wurden hier verschiedene Nationalhymnen in kunstvoller Weise miteinander verwoben. Da klang dann die englische Nationalhymne beispielsweise plötzlich ganz schräg. Viele chromatische Spitzfindigkeiten überraschten hier die Ohren. Schorsch Kamerun (Gesang) verblüffte das Publikum mit „Wenn ich ein Tunrschuh wär“ und „Weil wir einverstanden sind“ aus den „Goldenen Zitronen“ mit hintersinnigem Rapper-Rhythmus. Punk und Soul gingen bei diesem Programm immer wieder eine ungewöhnliche Verbindung ein, obwohl manches nicht immer gleich gut zusammenpasste. Aber das konsequente dramaturgische Konzept von Schorsch Kamerun (Dramaturgie: Steven Walter) überzeugte trotzdem und kam vor allem beim Publikum gut an. „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg“ lautete Kameruns hintersinnige Devise. Der letzte Satz aus Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 7 in A-Dur op. 92 geriet dann zu einem rasanten Tour-de-force-Ritt, den das Staatsorchester Stuttgart unter der versierten Leitung von Cornelius Meister souverän absolvierte. Insbesondere die elektrisierende Rhythmik und die ungewöhnlich forsche Paukenbehandlung blieben im Gedächtnis. In dionysischem Schwung kamen hier die Themen daher und gipfelten in einem atemberaubenden Taumel, der nicht mehr nachließ. Das kapriziös-tänzerische, fast böhmisch anmutende Motiv konnte sich so bestens entfalten. Im Glanz von Hörnern und Trompeten behauptete sich die überschäumende Coda in grandioser Weise. Gelungen war zudem der Auftritt von Max Herre & Band mit der begabten Sängerin Joy Denalane. Nummern wie „Berlin-Tel Aviv“, „Diebesgut“, „Dunkles Kapitel“, Nachts“ oder „Sans Paiers“ boten auch dem Staatsorchester Stuttgart reichlich Gelegenheit, sich auf ungewohntes Terrain zu begeben. Da gewannen vor allem die Streichergruppen eine geradezu leidenschaftliche Intensität. Joy Denalane (Gesang) interpretierte außerdem Franz Schuberts Lied „Auf dem Wasser zu singen“ D 774 ganz neuartig, aber sehr musikalisch und lyrisch. Die Schlichtheit und bewegende Ausdrucksintensität dieser Komposition strahlte dabei hervor. So wurde „30 Jahre deutsche Einheit“ in der Staatsoper gebührend gefeiert. Mit reiner Intonation musizierte das Staatsorchester Stuttgart unter Meister zudem das „Notturno“ aus dem „Sommernachtstraum“ op. 61 von Felix Mendelssohn Bartholdy. Stimmungszauber und Bildhaftigkeit der Klänge beflügelten diese Traumpoesie sehr ungewöhnlich. Positiv zu bewerten sind außerdem die Orchestrierungen von Sebastian Schwab (Die Goldenen Zitronen, Schubert) und Lillo Scrimali (Max Herre).

Jubel, viel Schlussbeifall. 

Alexander Walther

 

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