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STUTTGART/Staatsoper: COSÌ FAN TUTTE mit musikalischem und szenischem Hinzugewinn

08.06.2019 | Oper


Herausragende Drahtzieher: Georg Nigl (Don Alfonso) und Catriona Smith (Despina). Foto: Matthias Baus

Stuttgart: „COSI FAN TUTTE“ 7.6. 2019– mit musikalischem und szenischem Hinzugewinn

Als Seelenlabyrinth der Gefühle hat Yannis Houvardas Mozart/da Pontes dramma giocoso 2015 im zweistöckigen, mehrere Räume eines Hauses zeigenden Bühnenbild im etwas schäbigen Stil der 50er Jahre von Herbert Murauer und dazu passenden Kostümen von Anja Rabes inszeniert. In seinen Anmerkungen zum Stück zitiert der griechische Regisseur den von Milan Kundera geprägten Ausdruck von der „unerträglichen Leichtigkeit des Seins“, weil dieses Sein auf der Liebe gründet und somit gleichzusetzen ist.

 

Die „Vergiftungsszene“ mit dem ganzen Ensemble. Foto: Matthias Baus

Bei der jetzigen Neueinstudierung wurde dieser Bezug noch deutlicher in der zunehmend bitteren Realität, mit der die beiden Paare im Laufe der als begonnenen Treue-Prüfungen mehr und mehr konfrontiert werden, und aus der auch die beiden Drahtzieher bzw. Mitspieler Don Alfonso und Despina ihre Erfahrungen bereichern. Daraus erwächst jetzt auch die bessere Verständlichkeit der fast unentwegten Anwesenheit aller 6 Beteiligten. Nur manchmal ist der Bogen noch überspannt, wenn das reflektierende Spiel auf einige Arien überhand nimmt und vom musikalischen Zentrum ablenkt. Ein Kompliment aber an alle sechs neu besetzten Rollenvertreter ( drei davon als Debut) für die drei Stunden währende Dauer-Konzentration auf eine so durchgezogene Darstellung bis hin zum Dirigentenpult, wo GMD Cornelius Meister selbst als hochmusikalischer Regisseur waltete. Durch den hochgefahrenen Orchestergraben bestens sichtbar, bereitet es eine Freude ihm zuzuschauen, wie er mit dem jederzeit wach und flexibel reagierenden Staatsorchester Stuttgart  all das hörbar werden lässt, was Mozarts Musik – um das Zitat des Anfangs zu verlängern – so unerträglich leichte, weil schöne, aber unter der Oberfläche brodelnde und schillernde Musik ausmacht: der Wechsel aus straffem Zugriff und Entspannung, die erlesene und teils solistisch heraus kristallisierte Bedeutung der Bläser, das Changieren von Atemholen und Loslassen sowie die Seelenspiegelung der Menschen im musikalischen Gesamtbild. Mit präzisestem Einsatz, ausgleichender Dosierung von Gefühl und Temperament ist er der Fädenzieher der Handlung und letztendlich doch schlicht und einfach der ideale Diener am Werk.

Die Solisten können sich unter solcher Führung bestens aufgehoben wähnen und gleichzeitig zum Äußersten herausgefordert. Als dominierende Persönlichkeit erweist sich Georg Nigl, der als Don Alfonso einen seltenen Ausflug ins klassische Fach machte, wo er sonst als Spezialist für die Moderne und eher sperrige Aufgaben unterwegs ist. Sein Bariton verfügt über genügend Festigkeit und vor allem Flexibilität um diesen zynischen Charakter weitab jeglicher Konvention mit einer Textbehandlung von seltener Differenzierung und Mut zum phasenweisen Verlassen klassischer Tongebung gerecht zu werden. Eine in jeder Hinsicht herausragende Interpretation, mit er sich auch die stärksten Ovationen des Abends einholte.

Dicht gefolgt von Catriona Smith, die als Despina stimmliche Reife und erhalten gebliebene Leichtigkeit bis in die Höhen mit so viel Herz und Witz sowie unaufgesetzter Verwandlung in Arzt und Notar zusammen fließen lässt, dass auch ihr eher unkonventioneller Rollenansatz auf Begeisterung stieß.


Große Tenorhoffnung: Mingjie Lei (Ferrando). Foto: Matthias Baus

Bei den beiden Paaren hatten die Männer die Nase etwas vorne gegenüber den Damen, was hauptsächlich am Gesamtpaket lag, das diese in Personalunion als Sänger und Schauspieler zu bieten haben. Johannes Kammler ist ein draufgängerischer und doch auch chevaleresker Guglielmo mit einem potent kernig männlichen Bariton, der die ganze Klaviatur von stramm sattem Tonfall bis zum sanften Schmeicheln technisch gut verblendet beherrscht und mit einer sofort überzeugenden Bühnenpräsenz für sich einnimmt. Auch Mingjie Lei, der noch sehr junge chinesische Tenor kann als sensibler und angesichts von Dorabellas Nachgiebigkeit gegenüber dem Freund verzweifelt mit seiner Eifersucht ringender Ferrando durch ein ansprechend klares und leicht dunkles Timbre und gleichmäßig tragender Qualität unmittelbar für sich einnehmen.

Stephanie Lauricellas Mezzo bietet nicht sonderlich viele vokale Nuancen, aber eine reizvolle Stimmfarbe sowie eine auffallend präsente und rund geformte Mittellage, und spielt die Dorabella erfrischend locker, wenn auch nicht so durchtrieben wie schon erlebt. Als ernstere Fiordiligi bietet Laura Wilde in der Gestaltung das passende Profil, die vokale Seite wird durch latent zu Schärfe neigenden, weil zu heraus gestoßenen Höhen und eine  nicht durchgängig sichere Abstufung beeinträchtigt, obwohl sie einen ansonsten technisch versierten Eindruck erweckt.

Die kleine Formation des Staatsopernchors Stuttgart (Einstudierung: Manuel Pujol) war als Ensemble  lauter optischer Doppelungen der beiden Paare in zwei Szenen gut eingegliedert und vorbereitet.

Für die jetzt überzeugender, weil auch kurzweiliger erscheinende Aufführung gab es verdient jubelnden Beifall.

Udo Klebes

 

 

 

 

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