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STUTTGART/ Staatsoper: BORIS GODUNOW von Mussorgski / SECONDHAND-ZEIT von Serge Newski

06.03.2022 | Oper international

„Boris Godunow“ von Mussorgski und „Secondhand-Zeit“ von Sergej Newski in der Staatsoper Stuttgart am 5.3.2022

Zuletzt lebendig begraben

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Foto: Matthias Baus

  In der abwechslungsreichen und vielfältigen Regie von Paul-Georg Dittrich (Bühne: Joki Tewes, Jana Findeklee; Kostüme: Pia Dederichs, Lena Schmid) weckt die Krönung Boris Godunows Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Und doch wird der neue Zar von der Vergangenheit eingeholt, denn ein Mann erhebt als Zarensohn Dimitri Anspruch auf den Zarenthron. Er soll als Kind jedoch in Godunows Auftrag ermordet worden sein. Fakten, Fiktionen, Legenden und Lügen werden in einer Zeitebene von mehreren Jahrhunderten hier in wahrhaft raffinierter Weise vermischt und verwoben. Das tote Kind verfolgt den Zaren bis zuletzt – und er zerbricht und stirbt daran.

In Dittrichs Inszenierung wird er am Ende lebendig eingemauert. In collagenhafter Manier wird das Werk von Modest Mussorgski hier mit Sergej Newskis „Secondhand-Zeit“ verwoben. So sind zwei Partituren und zwei Zeiten gleichzeitig entstanden. Mussorgski bringt den Weg des Zaren von der Krönung bis zum Tod in sieben exemplarischen Bildern packend auf die Bühne. Sergej Newski setzt dokumentarische Geschichten dagegen wie ein Mosaik zusammen – sechs Interrmezzi und ein Epilog sprechen den Hörer ganz direkt an. Simultanes Erzählen steht dabei im Mittelpunkt des Geschehens. Liebe, Gewalt und Verlust gehen nahtlos ineinander über und werden mit Mussorgskis Oper in raffinierter Weise verzahnt. Polyphonie steht auch hier im Zentrum. Die Errichtung eines Neo-Zarentums bei Mussorgski mit Masken von Putin, Gorbatschow, den Zaren Peter dem Großen, Alexander II. oder Nikolaus II. korrespondieren dabei in unheimlicher Weise mit apokalyptischen Visionen der Stalin-Zeit. Newski hat nämlich sechs Lebensgeschichten vertont, die die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch in Gesprächen zwischen 1991 und 2012 aufgezeichnet und in ihrem „Roman der Stimmen“ Secondhand-Zeit zu einem vielstimmigen Erinnerungschor ergänzt hat. So kommt es bei Swetlana Alexijewitsch zu einer lebendigen Widerspiegelung der Vergangenheit durch die warme menschliche Stimme. In ihren Büchern erzählt demnach der „kleine Mensch“ von sich als „Sandkorn der Geschichte“. Andererseits erfährt man viel über den erschütternden Fall der Sowjetunion und erlebt grausame Parallelen zum jetzigen Ukraine-Krieg mit brennenden Häfen und Häusern. Die Live-Videos von Vincent Stefan hinterlassen bestürzende Eindrücke. Der Krieg um Macht gipfelt in traumatischen Erfahrungen. Das hat der Komponist Sergej Newski in seiner auch mit seriellen Strukturen aufwartenden Musik voll erfasst. In extremen Intervallen ergänzt hier die menschliche Stimme das komplizierte kontrapunktische Gerüst dieser differenzierten Komposition, deren Glissandi-Momente und abrupten Klangfarbenänderungen den Hörer fesseln.

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Matthias Klink. Foto: Matthias Baus

Unter der einfühlsamen Leitung von Titus Engel musiziert das Staatsorchester Stuttgart sehr konzentriert und man erfährt nicht nur bei den Tremolo-Effekten viel von den Abgründen und wuchtigen Komplexen in Mussorgskis Partitur. Das Geheimnis der Tonsprache wird hier auch vom grandiosen Staatsopernchor Stuttgart unter der Leitung von Manuel Pujol voll entschlüsselt. Die großartigen Chorszenen des Prologs atmen sogleich wilde Leidenschaft, die sich immer mehr steigert. Und das Glockenthema gewinnt dabei geradezu ekstatische Größe. Klösterliche Ruhe und bewegtes Volkstreiben begegnen sich im ersten Akt sehr kontrastreich, während Adam Palka (Bariton) als Boris Godunow bei seinem Angsmonolog im zweiten Akt über sich selbst hinauswächst. Die westliche Zivilisation des in Polen spielenden dritten Aktes wird bei der Inszenierung angedeutet. Der Abschiedsmonolog des Zaren Boris mit seinem geheimnisvollen Hinübergleiten in sphärenhaftes Des-Dur hinterlässt an diesem Abend ebenfalls tiefe Eindrücke.

In weiteren Rollen überzeugen bei diesem doppelten Musiktheater von Mussorgski/Newski ferner Alexandra Urquiola als Fjodor/Aktivistin, Kyriaki Sirlantzi als Xenia/Die Geflüchtete, Christina Daletska (Gesang ) und Veronika Schäfer (Szene) als Xenias Amme/Mutter des Selbstmörders, Maxim Paster als markanter Fürst Wassili Schuiski, David Steffens als Pimen, Elmar Gilbertsson  als Grigori Otrepjew/jüdischer Partisan, Ramina Abdulla-zade als jüdischer Partisan (Kind), Urban Malmberg als jüdischer Partisan (alter Mann), Friedemann Röhlig als Warlaam, Stine Marie Fischer als Schenkwirtin/Frau des Kollaborateurs sowie Petr Nekoranec als Gottesnarr und Obdachloser. Hinzu kommen noch Jorge Ruvalcaba als Schtschelkalow, Alberto Robert als Missail/Leibbojar, Gerard Farreras als Mikititsch/Offizier der Grenzwache sowie Heiko Schulz als Mitjucha, die allesamt eindringliche Rollenporträts bieten. Für das gesamte Ensemble gab es viele „Bravo“Rufe.

Alexander Walther

 

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