Staatsoper Stuttgart: „ALCINA“ 28.5. 2022– szenisch verblasst, musikalisch frisch belebt

Diana Haller, Elena Tsallagova. Foto: Martin Sigmund
Im Gegensatz zur parallel wiederaufgenommenen Inszenierung von Bellinis „Norma“ hat Jossi Wielers und Sergio Morabitos Regiekonzept bei der wiederholten Neueinstudierung von Händels meistgespieltem Bühnenwerk an Überzeugungskraft verloren. Das im typischen Einheitsbühnenraum von Anna Viebrock, einem Art Rückzugsort mit Gegenständen der Erinnerung, auf eine menschlich psychologische Ebene verlegte Prinzip der thematisch zentralen Zauber-Verwandlung entpuppt sich jetzt nur noch als lauer Aufguss eines unablässigen Spiels mit inzwischen abgestandenem Aktions-Vokabular und einer auf Dauer mehr verwirrend ablenkenden Veranschaulichung beständiger Gegenreaktionen auf die einzelnen Arien. Dieser Verlust kann der fast komplett neuen Besetzung nicht angelastet werden.
Das größte Plus dieser erneuten Wiederauflebung geht auf das Konto des Barock-Spezialisten Christopher Moulds, der Händels reichhaltigen Kosmos an Arien unter Strom setzt und bereits im Lauf der Ouvertüre mit animierender Hand und der Herausarbeitung von Details auf das klein besetzte Staatsorchester Stuttgart einwirkt. Die Aneinanderreihung von Solo-Gesängen summiert sich da zu einer in jeder Phase belebten und nie an Spannung verlierenden Entäußerung.
Elena Tsallagova ist eine gemäß der Regievorgabe ihre Verführungskraft bereits weitgehend verloren habende Alcina. Ihr im Belcanto-Fach geschulter und doch schon darüber hinaus weisender Sopran findet nach etwas stereotypem neutralem Beginn zu hinreichender Ausdifferenzierung der Gesangslinie und zu einem sich zunehmend klarer entfaltenden Höhenregister. An die außergewöhnliche vokale Tiefenschau, speziell in der an den Wahnsinn grenzenden Arie, die die langjährige Interpretin Catherine Naglestad so fesselnd machte, darf dabei nicht gedacht werden. Tsallagova ist eine hoch achtbare, versierte Singdarstellerin, aber gegen den Schatten der Vorgängerin kommt sie nicht an.

Claudia Muschio, Moritz Kallenberg. Foto: Martin Sigmund
Diana Haller erfüllt die Hosenrolle des Ruggiero mit aller der von ihr gewohnten vokal-gestalterischen Leidenschaft. Ob nachdenklich sinnierend oder affektiv explodierend – ihr registerübergreifend qualitätvoller Mezzosopran mit hellem Timbre und dunklem Kern verbleibt bei allen Extremen, denen der mit seiner Vergangenheit konfrontierte Mann ausgesetzt ist, in einem kultiviert wohlgeformten Rahmen.
Seine Verlobte Bradamante, die er für Alcina verlassen hat und ihm nun als Zwillingsbruder Ricciardo verkleidet auf die Spur kommt, wird von Alexandra Urquiola mit feinem, koloraturagilem, nur im unteren Tonbereich etwas flach bleibendem Mezzosopran einfühlsam wandlungsfähig interpretiert. Claudia Muschio lässt als Alcinas Schwester Morgana mit ihrem schon recht üppigen und technisch souveränen, saftigen lyrischen Sopran, der anfangs noch leichte Höhenschärfen aufwies, und lockerem Spiel kaum vermuten, dass sie noch Mitglied im Opernstudio ist. Auf ihre Adina in Donizettis „L’Elisir d’Amore“ in der nächsten Saison dürfen wir uns wohl freuen.
Ihren aufgrund ihres Anbandelns mit Ricciardo eifersüchtig werdenden Verlobten Oronte zeichnet Moritz Kallenberg mit seinem charakteristischen, sonst eher kernig zulangenden Tenor ungewohnt sanft verhalten, ohne deshalb seine vokalen Fähigkeiten zu verleugnen.
Ruggieros Erzieher Melisso, der ihn für den bevorstehenden Krieg als Soldat Alcinas Fängen entreißen möchte, ist bei Andrew Bogard in resolut kernigen baß-baritonalen Händen mit leichten Verhärtungen in der Höhe. Rowan Pierce entspricht mit einem eher zarten, zuletzt in Verzierungen doch auch Farbe und Wendigkeit beweisenden Sopran genau dem in Alcinas Bann stehenden Knaben Oberto, der schließlich von seinem Vater Astolfo ( Sasa Vrabac)
befreit wird. Ein Pistolenschuss beendet Alcinas Macht, doch am Ende mischt sie sich wieder in den nicht so recht eindeutig glücklichen Schlussreigen der zurück Bleibenden. Die Verführbarkeit in Liebesdingen ist unzerstörbar, sie lebt weiter unter uns.
Lebhafte Begeisterung stand am Ende dieser Derniere und 75. Vorstellung seit der Premiere am 16. Mai 1998.
Udo Klebes

