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STUTTGART/ Staatsoper. 5. LIEDKONZERT „RUSSISCHE GROTESKE“ mit Sergej Leiferkus

08.05.2016 | Konzert/Liederabende
  1. Liedkonzert „Russische Groteske“ in der Staatsoper Stuttgart

DER EWIGE JUNGGESELLE

  1. Liedkonzert „Russische Groteske“ in der Staatsoper am 8. Mai 2016/STUTTGART

    Er galt als der genialste des „mächtigen Häufleins“: Modest Mussorgskij. Und er hat Nikolaj Gogols Schauspiel „Die Heirat“ vertont – aber nur die ersten elf Szenen, dann widmete er sich ganz der Oper „Boris Godunow“. Im Mittelpunkt steht hier der eingefleischte Junggeselle Podkoljossin, von dessen Heiratsplänen sein Freund Kotschkarjow (klangfarbenreich und wandlungsfähig: Gergely Nemeti, Tenor) erfährt. Der große russische Bariton Sergej Leiferkus interpretierte den ewigen Junggesellen mit sonorer Stimmführung und großem Volumen. Resolut entwindet Podkoljossins Diener Stepan (den Eric Ander mit mächtigen Legato-Bögen seines Basses schmückte) der geschäftigen Heiratsvermittlerin Fjokla Iwanowna (gesanglich beweglich: Alla Kravchuk) die Leitung des Unternehmens, drei weitere Freier werden ausgebootet und es wird eine Blitzhochzeit arrangiert. Nur ein tollkühner Sprung aus dem Fenster rettet den Protagonisten vor der eingekleideten Braut.

    Mussorgskij hat leider nur das erste Bild des ersten Aktes vertont. Die Motive sind teilweise sogar orientalisch-persisch, was auch die begleitende Pianistin Anastasia Timofeeva gut herausarbeitete. Die Ganztonleiter und diatonische Schleifer, Skalen und Kaskaden beherrschen die Harmonik dieser zuweilen sogar schroffen, sperrigen und sehr modern anmutenden Musik. Selbst folkloristische Momente kommen nicht zu kurz, was Sergej Leiferkus ausgezeichnet betonte. Das Wort „Heirat“ endet hier in fast schon hymnischem C-Dur. Als stolzer Galan bewegte sich Leiferkus zu punktierten Rhythmen und Trillern höchst souverän. Die Motive Fjoklas und Kotschkarjows bildeten bei dieser Wiedergabe wahrhaft extreme Kontraste. Triolen der Heiratsvermittlerin wurden von einem Springtanz und zahlreichen Vorschlägen des zwanghaften Freundes in rasanter Weise ergänzt. Die Interpreten gingen dabei völlig in ihrer Aufgabe auf, so ergab sich ein starker künstlerischer Genuss. Als reizvolle musikalische Satire wurde daraufhin die „Schaubude“ von Modest Mussorgskij von Sergej Leiferkus (Bariton) und Semjon Skigin (Klavier) interpretiert. Die Musik wirkt hier viel melodischer als in der „Heirat“. Ein Konservatoriumsprofessor wird hier mit einem Zitat aus Händels „Judas Makkabäus“ regelrecht vorgeführt. Die zweite Nummer „Rajok“ richtet sich gegen den Kritiker Rostislaw, dessen Verehrung der italienischen Starsopranistin Adelina Patti in einem Walzer und mit einer Kadenz der italienischen Oper verhöhnt wird. Sergej Leiferkus überzeugte mit seinem geschmeidig-kernigen Bariton auch beim dritten Stück, das den Kritiker Alexander Faminzyn auf die Schippe nimmt. Als facettenreiche Parodie auf Alexander Serows Oper „Rogneda“ gefiel die vierte Nummer, Leiferkus betonte die übertriebene Wagner-Verehrung mit pathetischer Emphase. Und die fünfte Nummer persiflierte gekonnt die Großfürstin Elena Pavlovna als Muse der Russischen Musikgesellschaft mit zahlreichen gesanglichen Kaskaden und Girlanden. Nicht zu kurz kamen hier die Ursprünglichkeit der musikalischen Fantasie, die realistische Farbigkeit der Harmonik und die Nähe zum französischen Impressionismus, als dessen Vorläufer Mussorgskij gilt. Zuletzt begeisterten noch die „Lieder und Tänze des Todes“ von Modest Mussorgskij als Vokalzyklus auf Gedichte von Arseni Golenischtschew-Kutusow. Sergej Leiferkus spannte dabei zusammen mit dem hervorragenden Pianisten Semjon Skigin einen großen und ergreifenden Bogen vom „Wiegenlied“ über die“Serenade“ bis zu „Trepak“ und dem gewaltigen „Feldherrn“ mit robusten Staccato-Attacken. Die „Tödin“ spielt hier ganz verschiedene Rollen und schlüpft zudem in die Rolle der fürsorgenden Mutter. Ein starker harmonischer, rhythmischer und melodischer Sog faszinierte das Publikum bei dieser kongenialen Wiedergabe. Wiegenlied, Volkstanz, Serenade und Marsch wurden durch unaufgelöste Spannungsklänge sowie ariose und balladenhafte Sequenzen ergänzt. Leiferkus agierte immer wieder verblüffend virtuos und ausgesprochen witzig. Dies galt auch für das herzhafte Lachen bei Mussorgskijs „Flohlied“ als Zugabe. Leiferkus ist wahrhaft ein Meister der Atemtechnik. Aber er hat auch viel Sinn für Belcanto- und Parlando-Phrasen – insbesondere bei den parodistischen Passagen, wo man Mussorgskij von einer ganz neuen Seite kennenlernen konnte.

    Begeisterter Schlussapplaus krönte dieses Liedkonzert der Staatsoper in Zusammenarbeit mit der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie Stuttgart.

Alexander Walther   

 

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