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STUTTGART/ Staatsgalerie: Galeriekonzert der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie. Thomas Oliemans (Bariton)/ Marcelo Amaral (Klavier)

04.09.2021 | Konzert/Liederabende

Galeriekonzert der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie in der Staatsgalerie am 3.9.2021/STUTTGART

STARKER KLANGFARBENZAUBER

Thomas Oliemans | Staatsoper Berlin
Thomas Oliemans. Foto: Marco Borggreve

Malerei und Musik ergänzten sich bei diesem ersten Galeriekonzert der neuen Saison in reizvoller Weise wechselseitig. Der Niederländer Thomas Oliemans (Bariton) und der Brasilianer Marcelo Amaral (Klavier) interpretierten zunächst sehr nuanciert Lieder von Francis Poulenc, der ja als „Mönch und Lausbub“ bezeichnet wird. Groteske und Ironie treten bei diesen eher introvertierten Liedern aber deutlich zurück. Statt dessen triumphieren poetische Inspirationen. Die verspielten Melodien erreichten bei einzelnen Nummern wie „Pablo Picasso“, „Marc Chagall“ oder „Paul Klee“ aus „La Travail du Peintre“ eine ungeahnte Intensität und Ausdrucksreife. Die Liedtexte stammen aus „Voir“, einem Sammelband von Eluard, der eine Reihe von Gedichten über Maler enthielt. Formale Probleme waren bei dieser konzentrierten Wiedergabe nirgends wahrzunehmen, die Themengruppen erschienen in unveränderter Gestalt. Tänzerische Deutungen und dynamische Kontraste arbeitete der sonore Bariton Thomas Oliemans ebenfalls markant heraus. Und das freie Nebeneinander der harmonischen Einfälle triumphierte hier bei zahlreichen Passagen. Sehr differenziert wurden dann die Lieder aus „Fetes Galantes II“ nach Gedichten von Verlaine von Claude Debussy dargeboten, wo sich Thomas Oliemans und Marcelo Amaral bestens ergänzten. Nummern wie „Les ingenus“, „Le faune“ und „Colloque sentimental“ strahlten einen starken Klangfarbenzauber aus. Vergangene Freuden korrespondierten hier sehr geheimnisvoll mit dezenten Tamburin-Klängen und geradezu dämonisch-magischer Intensität. Vor allem die Melodik ging hier auf den Urgrund des Melos zurück. Und das atmosphärische Schwingen dieser Musik wurde von Singstimme und Klavier immer wieder sehr subtil erfasst und verdeutlicht. Darin lag in jedem Fall die besondere Qualität dieser Interpretation. Einfache und  klare Motive ergänzten hier die leichte Rhythmik. Auch bei den weiteren Titeln „Beau soir“ und „La mer est plus belle“ von Debussy überraschten die harmonische Vielgestaltigkeit und Präzision der Artikulation, Intonation und der sensible Anschlag der Tastatur. Der ausdrucksvoll-voluminösen Baritonstimme von Thomas Oliemans wurde dabei breiter Raum gegeben. Zum Abschluss interpretierten die beiden Künstler noch Lieder aus dem Zyklus „La bonne chanson“ op. 61 von Gabriel Faure. Camille Saint-Saens soll Faure hier scharf kritisiert haben. Er meinte, Faure habe als Komponist den Verstand verloren. Tatsächlich weisen Titel wie „Une sainte en son aureole“, „La lune blanche luit dans les bois“ oder „N’est-ce pas?“ in die impressionistische Zukunft. Harmonie und Form wuchsen bei der suggestiven Wiedergabe von Thomas Oliemans und Marcelo Amaral ganz zusammen. „La bonne chanson“ ist übrigens der umfangreichste Verlaine-Zyklus. Auch den elegisch-tragischen Ton bei Faure verleugneten Thomas Oliemans und Marcelo Amaral nicht. Faure erlitt übrigens das gleiche Schicksal Beethovens: Er verlor sein Gehör. Kombinatorische Fantasie und reizvolle klangliche Verwandlungen wechselten sich auch bei der letzten Nummer „L’hiver a cesse“ ab. Markant rhythmisierte Motive wurden von  Marcelo Amaral konsequent herausgearbeitet – was Thomas Oliemans dezent unterstrich. Als Zugaben folgten noch sehr impulsiv „Montparnasse“ nach  Apollinaire von Francis Poulenc und das vor satirischem Witz nur so funkelnde „Trinklied des Don Quichotte“ von Maurice Ravel.

 

ALEXANDER WALTHER

 

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