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STUTTGART/ St.Fidelis-Kirche: „DIMORA“ – Tanzprojekt von Alessandro Giaquinto – Der Raum spielt mit

30.10.2022 | Ballett/Tanz

Stuttgart: St. Fidelis Kirche

„DIMORA“ – Tanzprojekt von Alessandro Giaquinto 28.10. – Der Raum spielt mit

alessandro giaquinto portraitfoto
Choreograph mit viel Potenzial: Alessandro Giaquinto

Parallel zu seiner Position als Halbsolist des Stuttgarter Balletts hat sich der Italiener Alessandro Giaquinto inzwischen auch als Choreograph sowohl vor Ort als auch in seinem Heimatland beweisen können. Seine nunmehr 14. Choreographie, von der hier die Rede ist, wurde von ihm in eigener Regie organisiert und mit Unterstützung von Sponsoren finanziert. Das Besondere daran ist zweifellos die Örtlichkeit, die katholische Kirche St. Fidelis im Stuttgarter Westen, deren Spiritualität den 25Jährigen beim Kennenlernen sofort fasziniert hat. In der Tat ein hinsichtlich Gestaltung und Anordnung ungewöhnlicher Kirchenraum, relativ schmucklos, aber von einer speziellen Magie und vor allem licht und weit mit viel Platz für tänzerische Aktionen.

Dank der Offenheit des Pfarrers, der ihm Freiheit in der künstlerischen Umsetzung gewährte, konnte Giaquinto seine Vorstellungen eines Zusammenspiels von Raum, Musik und Tanz als stimmige Einheit umsetzen. Dafür hat er sich den Halbsolistenkollegen Matteo Crockard Villa als Assistenten, einige Mitglieder und zwei ehemalige Tänzer des Stuttgarter Balletts ins Boot geholt. Den in seiner Muttersprache mit Wohnsitz am treffendsten übersetzten Titel „DIMORA“ nutzte er in dessen erweiterter lateinischer Etymologie, wo er u.a. einen Raum bewohnen, verweilen, bleiben, verzögern oder warten, aber auch Zeit verschwenden bedeuten kann. Dafür wird ein Großteil des Kirchenschiffs vom Eingang bis zum Altarraum genutzt, der um ein paar Stufen erhöht in eine mit hellem Holz ausgekleidete Kammer führt, deren Türen fallweise für einzelne Abschnitte geöffnet und geschlossen werden. Dort bleibt das Geschehen zuerst noch auf etwas Distanz, langsam erobern sich die TänzerInnen in schwarzen Hosen und freien Oberkörpern bzw. verschieden farbigen ärmellosen Tops in wechselnden Gruppierungen die Spielfläche. Besonders die Arme mutieren in einer vielfältig variierten Form zum sprechenden Ausdrucksträger von Situationen und Gefühlen. Ob gestreckt, um den Kopf herum geführt, abgewinkelt oder entspannt – sie werden nach noch etwas verhaltenem Beginn im Laufe des einstündigen Stücks immer stärker und in einer so noch nicht gesehenen Konzentration zum Seismographen an Befindlichkeiten der hier zusammen treffenden Menschen. Mehr noch als der ganze Körper oder die eher als Mitläufer wahrgenommenen Beine erzählen sie von diversen Arten des Zusammenseins, kehren in Verbindung mit der Expressivität der Gesichter ihr Inneres hervor. Phasenweise ergänzen aus verteilten Positionen in unterschiedlichen Sprachen verlautbarten Worte, die aufgrund des Halls meist unverständlich bleiben. Eine wesentliche Komponente bildet die ausgewählte Musik, zu der zum einen reichgefächert meditative Klänge zwischen Neoklassik und Elektronik des Komponisten Nils Frahm als auch kammermusikalische Kompositionen von Bach und Albinoni für Violine (Franziska Leupold), Cello (Guillaume Artus) und Orgel (Tobias Wittmann – Direktor des Klangraums St. Fidelis) gehören. Von ihrem Platz auf der Orgelempore erfüllen sie den Raum mit mal sanftem, mal verstörend grundiertem Melos.

dimora ensemble st.fidelis oktober 2022
Ensembleszene aus „Dimora“. Copyright: Roman Novitzky

Seine Inspiration vermochte Giaquinto deutlich auf die eingesetzten Kollegen übertragen. Besonders stark war es bei Anouk van der Weijde und Timoor Afshar zu spüren, die in einem wahrlich die Aufführung abschließend krönenden Duo Herz und Seele nach außen sprechen lassen. Eine wieder anders gelagerte Intensität vermittelt ein Duo zwischen Joana Senra und Christopher Kunzelmann, in dem letzterer mit um den Oberkörper festgeschnallten weißen Luftballons wie ein vielköpfiges Wesen zum Eroberungsgegenstand wird. Weitere Akzente, mehr körperlicher denn konkreter mitteilender Natur setzen Elisa Ghisalberti, Daniele Silingardi, Riccardo Ferlito und Edoardo Sartori. Dass auch viele Jahre nach dem Ende ihrer tänzerischen Laufbahn für gewisse choreographische Einsätze noch Verlass auf sie ist, beweisen Sonia Santiago (Charakterdarstellerin) und Rolando D’Alesio (Ballettmeister). Ihr synchroner Bewegungs-Modus ist Vorbild für die Jüngeren und lässt vergessen, dass hier zwei verschiedene Tänzer-Generationen zusammen wirken.

 

Die ungewohnte Platzierung des Publikums längs zum Kirchenschiff in beidseitig vier Reihen ermöglicht ein Mittendrin im Geschehen, ein Miteintauchen in Giaquintos zuletzt stille Größe wie leidenschaftliche Tragweite gewinnende Kreativität. Er ist auf gutem, zielstrebigem Weg mit einer immer den Bezug zum Boden verdeutlichenden Tanzsprache auch das konkreter erzählende Handlungsballett für sich zu entdecken. Die anhaltend lebhafte Zustimmung mit differenziert verteiltem Jubel nach dieser vierten und letzten Vorstellung dürfte ihm seinen weiteren Weg stärken.

                                                                                                                                  Udo Klebes

 

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