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STUTTGART: SIEGFRIED – Wiederaufnahme

10.10.2022 | Oper international

Richard Wagners „Siegfried“ als Wiederaufnahme in der Staatsoper am 9.10.2022/STUTTGART

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Matthias Klik, Daniel Brenna. Foto: Martin Sigmund

Wie eine Befreiung

Für den Philosophen Ludwig Feuerbach ist die menschliche Liebe stärker als die Götter und die Religion. Diesem wichtigen Grundsatz folgt auch die mit starker Personenführung aufwartende Inszenierung von Sergio Morabito und Jossi Wieler, die jetzt in der gut besuchten Staatsoper ihre Wiederaufnahme erlebte (Neueinstudierung: Jörg Behr; Kostüme: Anna Viebrock). Die Welt ist hier sehr nüchtern, nahezu trostlos.

Im ersten Akt gibt es ein kahles Gemäuer, in dem sich Mime nach seiner Flucht aus Nibelheim eine zweite Existenz aufgebaut hat. Da er mit seinem Ziehsohn Siegfried nicht fertig wird, kommt es zur Katastrophe.  Gleichzeitig bedrohen sich Mime und der Wanderer mit Pistolen. Im zweiten Akt geraten die Protagonisten in einen Todesstreifen – was man sogleich bei der wilden Begegnung Alberichs mit dem Wanderer wahrnimmt. Es ist ein Ort des Schweigens, an dem Fafner (der ein gewöhnlicher Mensch ist) seinen Schatz hütet und von Siegfried schließlich erstochen wird.  Im dritten Akt kommt es dann zur spektakulären Begegnung in zwei Räumen. Man erlebt Erda, die von ihrer schwierigen Beziehung zu Wotan nicht loskommt und von diesem stellenweise als Wanderer gewaltsam in Besitz genommen wird. Nach der Verwandlungsmusik zwischen schwarzem Bühnenbild und geheimnisvollem weißen Viereck sieht man schließlich einen prachtvollen Schlafraum, in dem Brünnhilde zunächst ohnmächtig ihrem Erwecker entgegenschläft. Jetzt ist das Ambiente gleichsam märchenhafter wie vorher. Auf der anderen Seite hat sich Siegfried in den vorangegangenen Akten zu einem Monster entwickelt, das zwei Morde begangen hat – nämlich an Mime und Fafner.

Sergio Morabito und Jossi Wieler haben diesen „Siegfried“ im Jahr 1999 inszeniert. Auch damals gab es einen „Ring“ von vier unterschiedlichen Regisseuren – was unter der jetzigen Intendanz von Viktor Schoner ebenso der  Fall ist. Jossi Wieler betont deswegen auch, dass sich sein „Siegfried“ gut in das neue Konzept einfügt. Das Werk wirkt hier nicht mythisch, sondern postapokalyptisch. Und doch gibt es im letzten Akt eine unerhörte szenische Befreiung – wenn nämlich Brünnhilde in dem lichtdurchfluteten Wohnraum einer feudalen Villa erwacht. Wieler möchte die Figuren ganz bewusst von innen heraus erzählen, was in der Inszenierung überzeugend zur Geltung kommt.  Er sieht Richard Wagner bei den Dialogen sogar als Vorläufer von Henrik Ibsen und August Strindberg und folgt hier einer tiefenpsychologischen Sicht. Das ist eindeutig die große Stärke dieser Inszenierung, die im letzten Akt besonders zur Geltung kommt. Obwohl der Zauber des Waldes fehlt und man die Natur zuweilen schmerzlich vermisst, hat diese Deutung eine klare Aussage, die man sofort begreift.

Und auch musikalisch kann diese Aufführung in mehr als einer Hinsicht punkten. Das Staatsorchester Stuttgarter musiziert unter der impulsiven Leitung von  Cornelius Meister mit feuriger Glut und präziser Durchsichtigkeit hinsichtlich der thematischen Zusammenhänge.  Dass das Werk auch heitere und idyllische Seiten besitzt, arbeitet Meister konsequent heraus. Denn auch in der Inszenierung gibt es trotz aller Dramatik geradezu satirische Zuspitzungen – und dies insbesondere bei den neckischen Szenen von Brünnhildes Erweckung.

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Simone Schneider. Foto: Martin Sigmund

In den Anfangsszenen  des dritten Aktes kommt die Wotantragödie  tatsächlich zu ihrem Höhepunkt, wobei es Tommi Hakala als Wanderer sehr gut gelingt, seine Tonsprache zu höchstem tragischem Pathos zu führen. Noch schwärzer könnte zuweilen der Bass von Alexandre Duhamels Alberich gefärbt sein, während Daniel Brenna als Siegfried und Simone Schneider als Brünnhilde im Schlussbild mit hymnisch-ekstatischem Schwung triumphieren. Die geballte motivische Dichte entfaltet sich bei diesen Szenen ausgezeichnet, die den Sängern eine enorme bewegungstechnische Intensität abverlangen. Dabei fesselt vor allem Matthias Klink als gesanglich überaus wandlungsfähiger Mime. In weiteren Rollen überzeugen David Steffens als stimmgewaltiger Fafner, Beate Ritter als filigraner Waldvogel sowie Stine Marie Fischer als wunderbar voluminöse Erda.

Cornelius Meister gelingt es dabei als Dirigent immer wieder, die Sänger in einfühlsamer Weise über alle harmonischen Klippen zu tragen. Überhaupt  gefällt die musikalische Charakterisierungskunst dieses Dirigenten, der schon den markanten Abwärtsschritt der Terzen beim Auftritt Mimes im ersten Akt in starker Weise einfängt. Auch das Siegschwertmotiv  sticht sofort hervor. Und das Motiv der Familienliebe blüht bei Siegfrieds Gedanken an seine Mutter überschwänglich auf. Auch die Bläser geben dem Speermotiv beim Auftritt des Wanderers immer wieder stählerne Fülle und Klangintensität. Die dynamische Steigerung beim Vorspiel zum dritten Aufzug könnte hinsichtlich des Werde- und Ritt-Motivs noch gewaltiger und ausdrucksvoller sein. Und doch gelingt es Meister auch hier, mit dem Staatsorchester Stuttgart einen riesigen Spannungsbogen aufzubauen. Die Erweckung Brünnhildes führt hier tatsächlich zu einer überwältigenden Himmelsklarheit, die der Passage „leuchtende Liebe, lachender Tod“ den notwendigen Schwung verleiht.

Riesenjubel für das gesamte Team.

Alexander Walther

 

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